Interview : Ben Becker liest Peer Gynt
Ben Becker gehört eine der markantesten Stimmen Deutschlands. Der Schauspieler und Sänger wirkt in großen Filmproduktionen wie "Comedian Harmonist" oder "Marlene" mit, leiht als Synchronsprecher verschiedenen Figuren seine Stimme, schreibt Kinderbücher und liest auf nationalen Theaterbühnen. Jetzt ist der mehrfach ausgezeichnete Adolf-Grimme-Preisträger in Mitteldeutschland zu Gast und widmet sich Henrik Ibsens "Peer Gynt". Musikalisch unterstützt wird er von MDR RUNDFUNKCHOR und MDR SINFONIEORCHESTER unter der Leitung des MDR Chefdirigenten Kristjan Järvi. Stefan Reisner hat Ben Becker zum Interview getroffen.
Ben Becker, welche Verbindung haben Sie zu dem norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen?
Eigentlich eine nicht so starke. Ich habe Ibsen nie gespielt, außer an der Schauspielschule. Da habe ich etwas aus Peer Gynt vorgesprochen, und zwar diese berühmte Geschichte: "Bock vom Berge, Bock vom Grunde/ Stieß zur selbigen Sekunde!/ Das Gespritz' und das Geklatsche!/ Na, da lag man in der Patsche. -/ Nicht gar lang' dann, und wir fanden/ Irgendwo 'nen Fleck, zu landen;/ Er, er schwamm, und ich umschlang ihn ..." Darin erzählt er seiner Mutter von der Jagd. Vorher, als Kind, habe ich diese berühmte Aufführung von Peter Stein gesehen, mit Bruno Ganz in der Hauptrolle, die ich immer noch recht gut in Erinnerung habe, weil das für einen kleinen Jungen wie mich damals doch eine recht heftige Bildsprache war. Aber ansonsten komme ich mit Ibsen und dem norwegischen Drama als solches, glaube ich, zum ersten Mal in Berührung.
Wir nähern Sie sich der Fabelwelt Norwegens, die in Ibsens Gedicht eine große Rolle spielt? Wie nähern Sie sich der Figur Peer Gynt?
Ich spiele ja nicht Peer Gynt, ich spreche auch nicht Peer Gynt, sondern ich erzähle die Geschichte von Peer Gynt. Und da geht es in erster Linie darum, dass man den Text beherrscht und sich vorbereitet, um alles möglichst fehlerfrei zu sprechen. Es ist ja so, dass ich eine orchestrale Begleitung habe und nicht allein auf der Bühne sitze. Natürlich setze ich mich mit der Geschichte auseinander: Peer Gynt, ein gut gebauter junger Mann, reist los und will die Welt erforschen. Er hat ein bisschen viel Fantasie. Er kommt erst als alter Mann zurück und merkt, dass man dem Leben letztendlich nicht entfliehen kann, und stirbt. Mir bleibt darin eigentlich nur der Erzählpart. Aber das kann ich ganz gut, Geschichten zu erzählen, so dass sich die Bilder im Kopf des Zuhörers abspielen.
Sie stehen als Sprecher zwischen der Musik: Ich stelle mir das sehr schwer vor, genau zu wissen, wann man wo dran ist. Der Dirigent hat die Partitur, aber wie machen Sie das?
Natürlich übe ich vorher, und ich weiß auch ein bisschen, wo und wann ich dran bin, aber genau wissen kann ich das nicht. Deswegen muss ich genau wie jeder andere Musiker auch dem Dirigenten folgen, und der gibt mir dann ein Zeichen. Ich mache das ja auch nicht zum ersten Mal, deswegen funktioniert das eigentlich sehr gut. Und wenn man dann noch ein klein wenig Musikalität mitbringt, dann macht das als Schauspieler sehr viel Spaß, vor einem Orchester zu stehen und mit ihm zusammenzuarbeiten.
Sie sagten, mit einem Orchester auf der Bühne zu stehen, sei nicht neu für Sie. Wann standen Sie schon einmal mit einem so großen Klangkörper auf der Bühne?
Der letzte Auftritt dieser Art war die Geschichte von David und Goliath aus der Bibel. In Hildesheim war das, glaube ich, mit dem Orchester vom NRW. Es kommt aber immer mal wieder vor, weil es mir einfach sehr großen Spaß macht, weil ich sowieso sehr gerne mit Musik arbeite und ich finde, dass Sprache auch eine Art von Musik ist oder ein Instrument für sich. Deshalb gibt es selten Lesungen von mir, bei denen Musik keine Rolle spielt. Ich versuche immer, Musik mit einzubauen, egal ob ich deutsche Balladen oder Gedichte lese. Ich bringe dann einen Pianisten mit. Wenn ich Schiller lese, dann bringe ich sogar eine ganze Rockband mit. Seit vielen Jahren begleitet mich die Musik, und das macht Spaß.
Sie touren mit Ihrer Band durch Deutschland und waren auch vor Kurzem mit "Den See" in Leipzig. Mit Orchester, wie Sie bereits sagten, haben sie zum Beispiel bei ihrer Bibel-Lesung auf der Bühne gestanden. Wie unterscheidet sich das: als Sprecher mit Band und als Sprecher mit Orchester zu arbeiten?
Es kommt immer darauf an, ob man sich von klassischer Musik tragen oder begleiten lässt oder beides. Ich hab mal ein Programm gemacht - Schiller - das ganze Werk und Leben -, und da hatte ich dann nur eine Rockband mit auf der Bühne, weil ich fand, dass das irgendwie zu Sturm und Drang passt. Aber natürlich kann man auch leisere Töne anschlagen. Damals spielten wir Songs von Rammstein bis "Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg" oder Marlene Dietrichs "Sag mir, wo die Blumen sind". Das ist eher eine Frage der Dramaturgie. Ich bin diesbezüglich ziemlich treffsicher, aber ansonsten, was die Auswahl der Musik angeht, also ob klassisch, Rock, Pop oder was ich brauche, da bin ich sehr offen und sehr frei.
Welche Musik hören Sie denn gern privat? Ist da auch mal Klassik dabei?
Da ist auch mal Klassik dabei, ja. Ich muss Ihnen aber ehrlich sagen, dass ich weder im Auto noch zu Hause besonders viel Musik höre. Ich trällere lieber unter der Dusche.
Und was trällern Sie da?
Das kommt drauf an. Irgendeinen Ohrwurm, der mir gerade zugeflogen kommt. Manchmal entdecke ich aber auch Sachen. Zum Beispiel höre ich etwas bei einem Freund und frage, was ist das denn? Meist sind das Lieder, die ich gar nicht kenne, zum Beispiel irgendwelche Soul Trains aus den 60er-Jahren von einem Herren namens Sly Jones mit "Just because I’m black", oder so. Ich bin dann total vernarrt in so ein Lied. Oder ich höre plötzlich Rock-Pop aus Deutschland von einer Gruppe namens "Haudegen". Da sage ich dann: "Das gefällt mir. Was ist das?"
Zurück zu Peer Gynt. Die Musik von Edvard Grieg ist ja sehr bekannt, allein schon wenn ich an die Suiten denke. Was fasziniert Sie an dieser Musik, was vielleicht überhaupt nicht?
Ich bin, ehrlich gesagt, nicht der weltgrößte Grieg-Fan und Grieg war auch nicht der größte Peer-Gynt-Fan oder der größte Ibsen-Fan, was ziemlich verrückt ist, weil das Stück nur in Kombination mit seiner Musik so groß geworden ist. Persönlich ist mir die etwas zu getragen. Aber in der Verbindung mit den Bildern funktioniert das. Darauf zuzugehen und damit zu arbeiten, ist natürlich unheimlich spannend. Dazu möchte ich noch sagen, dass der Dirigent, mit dem wir es zu tun haben, Kristjan Järvi, dass ich mich sehr darauf freue, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich habe seinen Bruder in Salzburg bei den Festspielen kennengelernt und mich mit ihm hervorragend verstanden. Wir wollten immer etwas zusammen machen. Und auf einmal kam die Anfrage von seinem Bruder. Das Projekt fand ich unheimlich spannend, deswegen freue ich mich unheimlich, ihn kennenzulernen.
Sie haben die Sprecherrolle in Ibsens "Peer Gynt". Die Musik von Edvard Grieg steht dem Text gegenüber. Wie beeinflusst Sie die Musik beim Sprechen?
Ich lehne mich an sie an, ganz klar. Sonst würde man ja nicht zusammenkommen. Ab und an lehne ich mich aber auch absichtlich ein bisschen dagegen. Doch gerade in dem Moment, in dem Sprache und Musik zusammenkommen, kann man sich von ihr ein bisschen tragen und mitnehmen lassen.
Sie sind ja Schauspieler, Autor, Sprecher, Sänger - wo sehen Sie sich selbst?
Ich sage mal so: Das Theater wird mich nie loslassen. Aber Theater ist natürlich auch ein weiter Begriff. In dem Moment, wo ich schreibe - ich schreibe ja Kinderbücher -, ist das letztlich auch eine Form von Theater. Das heißt, ich bewege mich immer im Theater, auch wenn ich Musik mache oder wenn ich den Rockstar spiele oder wenn ich als Ben Becker Lieder singe, dann ist das immer Theater. Und am liebsten trete ich auch in Theatern auf, da bin ich zu Hause und letztlich bin ich mit meinem ganzen Herzen Schauspieler, Theaterschauspieler. Denn da gehöre ich einfach hin.
