Interview: Kristjan Järvi, der neue Chefdirigent des MDR SINFONIEORCHESTERS : Kristjan kommt!
Kristjan Järvi hat einen vollen Terminkalender: Als neuer Chefdirigent des MDR SINFONIEORCHESTERS ist er kurz vor der Eröffnung der neuen Spielzeit viel unterwegs, um seine neue Wahlheimat Mitteldeutschland kennenzulernen und - natürlich - um zu proben. In einer Pause traf er Silvia Lauppe und erzählte ihr von den Höhepunkten der Saison und seinem Eindruck von Leipzig.
Silvia Lauppe: Herr Järvi, Sie haben im Sommer mit dem MDR SINFONIEORCHESTER Carl Orffs "Carmina Burana" aufgenommen. Welchen Eindruck haben Sie aktuell vom MDR SINFONIEORCHESTER?
Mein Eindruck ist wirklich sehr, sehr gut, muss ich sagen! Vielleicht ist das MDR SINFONIEORCHESTER das coolste Orchester, das ich bisher geleitet habe. (lacht) Ich meine das als ehrliches Kompliment: Die Musiker sind sehr bodenständig und selbstsicher. Immerhin haben wir gerade die gesamte "Carmina Burana" aufgenommen, und das fast ohne Proben! Dieses Stück spielen wir auch im Eröffnungskonzert der neuen Spielzeit; die CD wird dann schon erschienen sein. Es war eine großartige Erfahrung! Nicht nur für mich selbst, sondern für alle Beteiligten: den MDR RUNDFUNKCHOR, das Orchester und den MDR KINDERCHOR. Das ist ein wunderbarer Auftakt in die Saison, weil alle dabei sind.
Sie haben gerade schon gesagt, dass "Carmina Burana" auch im Eröffnungskonzert zu hören sein wird. Worum geht es noch in der neuen Saison?
Da gibt es sehr viel Interessantes: Wir haben Tan Dun als Composer in Residence. Er wird selbst herkommen und dirigieren. Ich werde auch einige seiner Kompositionen dirigieren, unter anderem das Paper Concerto ("Papier Konzert") - schon jetzt ein Klassiker - und das Earth Concerto ("Erd Konzert") für Erdinstrumente: Schlaginstrumente aus Ton und Keramik, Töpfe und Pfannen und so weiter. Das kombinieren wir mit Mahlers "Das Lied von der Erde" - wir haben also Erde und Erde. (lacht) Auch spannend wird das Indische Konzert mit Anoushka Shankar und der Welt-Uraufführung von Pyarelal Ramprasad Sharmas Erster Sinfonie. Vieles ist also nach Osten ausgerichtet, wir sind unter anderem in Japan, China und Indien und haben sehr viele tolle Gastdirigenten und Solisten.
Im Eröffnungskonzert geht es auch um den Osten: Nämlich auf welche Weise?
Gleich das erste Stück ist polnisch, "Orawa", geschrieben von Wojciech Kilar, der am meisten für seine Filmmusik bekannt ist. Ein anderes Stück ist "Styx" von Gija Kantscheli, einem georgischen Komponisten, der ebenfalls - besonders zu Zeiten der Sowjetunion - durch seine Filmmusik bekannt geworden ist. Er hat ein unglaubliches Werk für Yuri Bashmet geschrieben, der bei uns als Solist auftritt. Und dann, natürlich, Orff. Wir beginnen also im Osten und kommen dann zurück nach Deutschland, in das Deutschland des Mittelalters. Es wird ein aufregender Abend.
Was haben Sie mit dem MDR SINFONIEORCHESTER für die Zukunft geplant?
Wir haben sehr viele Pläne! (lacht) Aber ich kann noch nicht alles verraten. Lassen Sie uns eine Saison nach der anderen machen. Wir werden weiterhin mit Musikern zusammenarbeiten, die nicht zwingenderweise in der klassischen Musik zu Hause sind. Ich möchte eine Reihe schaffen, die "Plugged in" heißen soll - was auf Deutsch so viel bedeutet wie "an den Strom angeschlossen". Es sind dann die Menschen, die mit uns auftreten, die "plugged in" sein werden, nicht unbedingt das Orchester. Und ich wünsche mir, dass viele Leute kommen und sich das anhören, denn so etwas haben sie noch nicht gehört.
Wo soll das Orchester in fünf Jahren stehen?
In fünf Jahren wird es einen großen Unterschied zu heute geben. Ich kann die Zukunft nicht vorhersagen, aber unsere Vision ist ein sehr kreatives und aktives Labor, eine Werkstatt nicht nur für Musik, sondern für multidisziplinäre Kunst: Wir wollen die Türen zum Publikum öffnen, unsere Musiker für das Publikum öffnen. Wir wollen uns weiterentwickeln und ein atmender, lebendiger Teil der Gemeinschaft sein.
Unser Publikum möchte gern noch etwas mehr über Sie erfahren. Was tun Sie, wenn Sie nicht Musik machen?
Normalerweise bin ich dann zu Hause und spiele mit meinen Kindern im Pool oder gehe mit ihnen zum Strand. Ich habe so viele Interessen, aber ich wünsche mir etwas mehr Zeit dafür. Wenn ich in Leipzig bin, ist die Musik meine Hauptbeschäftigung: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.
Sie leben in Florida und bald auch in Leipzig. Was ist denn Ihr Lieblingsplatz in Leipzig? Haben Sie schon einen?
Noch nicht! Ich fühle mich hier sehr zu Hause. Leipzig ist ein wunderbarer Ort zum leben.
Worauf freuen Sie sich am meisten? Was möchten Sie in Leipzig entdecken und erleben?
Das werde ich noch sehen. Ich bin sicher, es gibt eine Menge zu entdecken! Im Moment kann ich sagen, wie sehr ich es mag, wie die Stadt lebt und sich entwickelt. Die Menschen sind aktiv und energisch, und sie haben nicht nur diese Energie, sondern sehen auch gut aus. Die Stadt spiegelt diese positive Energie. Und die spüre ich auch beim MDR SINFONIEORCHESTER: Es hat dieselbe Art von Can-do-Energie, das ist fantastisch. Das ist einzigartig.
