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Kripo live | 25.12.2011 | 19:50 Uhr : "Zatopek" - Chronik eines Serien-Bankräubers

Im Frühling 2010 fand am Landgericht Stralsund ein großer Prozess statt. Zehn Männer wurden zu insgesamt 47 Jahren Gefängnis verurteilt. Allein elf davon muss Dietmar T., genannt "Zatopek", verbüßen. Er ist der Haupttäter, der Dreh- und Angelpunkt zahlreicher Banküberfälle. Wir zeichnen den etwa drei Jahre währenden Fall nach.

Die in Stralsund verhandelten Verbrechen wurden von 2008 bis 2010 verübt. Die kriminelle Karriere von Dietmar T. hatte aber schon wesentlich früher begonnen und bot einige erschreckende Höhepunkte. In den 80er Jahren brach er mit einem Partner in die heimatlichen Wohnungen von Urlaubern ein, was ihm mehrere Jahre Haft einbrachte. Nach seiner Entlassung 1992 gründeten er und Andreas R. ("Andi") eine Bande. Die gelernten Schweißer spezialisierten sich auf Raiffeisenbanken, aus denen sie die gut gefüllten Tresore stahlen. Insgesamt 102 Stück haben sie und rund 40 Komplizen damals mitgehen lassen.

Zeitweilig war das Führungs-Duo eingesperrt. Diese Phase währte aber nur kurz, denn im August 1993 brach "Zatopek" aus der Stralsunder U-Haft aus. Zwei Monate später befreite er "Andi" aus dem Kreiskrankenhaus. In diesem hatte er nach einem erfolgreich geschauspielerten Selbstmordversuch gelegen. Es sollte nicht der letzte Ausbruch der Bankräuber gewesen sein. Letztlich erbeutete die Bande zwischen 1992 und 1997 rund zehn Millionen D-Mark. Dabei waren sie fast im ganzen Land aktiv, mehrfach auch in Thüringen und Sachsen. 1998 kamen die Verbrecher einmal mehr hinter Schloss und Riegel. Das Urteil: zehn Jahre Haft.

Beginn einer dritten Serie

Foto Überwachungskamera
Dietmar T. mit drei Komplizen.

Diese zehn Jahre waren 2008 abgesessen. Am 4. Februar wurde Dietmar T. entlassen. Genau 15 Tage später überfiel er mit drei Komplizen eine Sparkasse im thüringischen Schmiedefeld. Doch diesmal ging etwas gründlich schief. Es war kurz vor 18:00 Uhr, als Dietmar T. die letzten Instruktionen gab. Es sollte so wenig wie möglich geredet werden. Für das Miteinandersprechen wurden Code-Namen vergeben. Einer postierte sich an der Einfahrtsstraße, über die die Polizei kommen musste, falls Alarm ausgelöst wird.

Die anderen drei Männer gingen mit Pistolen bewaffnet in die Sparkasse. "Okay, Leute! Bleibt ganz ruhig, wir sind Profis! Macht, was wir sagen! Dann passiert euch nichts", riefen sie. Einer "kümmerte" sich um die Kassiererin. Ein anderer sicherte den Eingang der Filiale. Doch die Kassiererin konnte tatsächlich unbemerkt Alarm auslösen. Bald war die Polizei unterwegs. Der vierte, als Späher zurückgelassene Mann berichtet das kurz per SMS, was in der Sparkasse große Eile auslöste. Der Tresor wurde letztlich komplett ausgeräumt. Die Beute betrug über 180.000 Euro.

Tödlicher Zwischenfall

Foto Überwachungskamera
Einer der Täter erleidet einen Herzinfarkt.

Doch am Eingang wurde einem der Täter plötzlich schlecht. "Mach jetzt bloß nicht schlapp", sagte sein Komplize. Doch der Angesprochene konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Mit einem Glas Wasser versuchten die zwei noch fitten Gangster, den Zusammengebrochenen wieder aufzurichten – alles gefilmt von den Überwachungskameras der Automaten. Doch von dem am Boden liegenden Mann kam bald keine Reaktion mehr. Zu zweit zerrten sie den leblosen Körper in ihr Fluchtauto. Noch bevor die Polizei kam, waren sie weg. Die Kripo suchte später in Krankenhäusern und Arztpraxen nach Spuren des offensichtlich kranken Täters. Ohne Erfolg.

Werner N.
Werner N. wurde im See versenkt.

Denn der Komplize war tot. Von dem Gängster-Trio wusste keiner warum. Wie auch immer – die Ganoven mussten die Leiche loswerden. Das gelang ihnen hunderte Kilometer vom Ort des Banküberfalls entfernt. Sie wickelten den Toten in Folie, beschwerten ihn mit Steinen und versenkten ihn in einem brandenburgischen See. Dort wurde die Leiche erst nach der Festnahme aller Täter, am 24. April 2010 von Polizeitauchern geborgen. Die Obduktion ergab, dass der Mann während des Überfalls einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Erfolgreiche Hilfe vom MDR

Kripo Live Online
"Kripo live" online

Dass es sich bei dem Toten um Werner N. handelte, wussten die Ermittler schon länger. Der entscheidende Hinweis dafür war über "Kripo live". gekommen. Ausgangspunkt war ein junger Mann im Ruhrgebiet, der seinen befreundeten Nachbarn vermisste. Dieser Nachbar war zwar immer mal für ein paar Tage weg, aber nie besonders lang. Als schließlich auch noch die Mutter des Nachbarn gestorben war und er nicht einmal auf der Beerdigung erschien, war dem Zeugen klar, dass etwas geschehen sein musste. Mit dem Wissen, dass sein Nachbar in kriminellen Kreisen verkehrte, begann der Zeuge nachzuforschen – und stieß im Internet auch auf die "Kripo live"-Seiten bei MDR.DE.

Fluchtwagen
Fluchtwagen im Straßengraben

Dort sah er auch die Bilder der Überwachungskamera von Schmiedefeld. Der Polizei teilte er mit, dass sein vermisster Nachbar mit dem Überfall zu tun haben könnte. Währenddessen hatten die Ermittler noch weitere Hinweise gesammelt. So stellten sie unter anderem das in einem Straßengraben gefahrene Fluchtauto sicher. Darin fanden sie die Brille des Toten, einen Handschuh – und damit auch DNA-Spuren. Diese verglichen sie mit DNA-Spuren aus der Wohnung im Ruhrgebiet, und landeten einen ersten Volltreffer. Für den zweiten sorgte ebenfalls der Nachbar. Denn ihm legte die Polizei Fotos berüchtigter Krimineller vor. Der Zeuge erkannte zwei Männer und wusste deren Namen. Darunter war auch Dietmar T.

Weitere Überfälle

Nachgestellte Szene
Dietmar T. plante immer mit Komplizen.

Unterdessen war Dietmar T. weiter kriminell aktiv. Dabei ging er immer sehr vorsichtig vor. Seine Komplizen suchte er immer selber aus. Meist kannten sie sich untereinander nicht. Der Strippenzieher schottete sie stets voneinander ab. Auch bei seinen Überfällen ging er nur wenig Risiko ein. Schon bei den geringsten Anzeichen einer Gefahr blies er Aktionen ab. Auf seinen Beutezügen war Dietmar T. in der gesamten Bundesrepublik unterwegs. Im Juli 2008 jedenfalls überfiel er mit einem Komplizen die Sparkasse in Willingen/Nordhessen. Mit Motorradhelmen maskiert erbeutete das Duo über 100.000 Euro.

Nicht immer war die Bande erfolgreich. Anfang Dezember 2008 zum Beispiel hatte sie die Sparkasse in Göhren/Rügen im Visier. Alles war vorbereitet. Dietmar T. stand etwas entfernt Schmiere, übersah jedoch ein anrückendes Polizeiauto. Die Beamten fuhren aber lediglich einen Mann zu einer Arztpraxis, die sich in der Nähe der Sparkasse befand. Die Bankräuber wollten gerade zuschlagen, als sich der Polizeiwagen näherte. Aus Angst, die Polizei könnte etwas von dem geplanten Überfall mitbekommen haben, suchten sie lieber das Weite.

Thüringen, Schleswig-Holstein, Rügen

Ermittler
Die Ermittler hörten das Telefon des Täters ab. (nachgestellt)

Von solchen Rückschlägen ließ sich Dietmar T. allerdings nie beeindrucken. Zahlreiche Banken und Sparkassen in sechs verschiedenen Bundesländern suchte er heim. Irgendwann kehrten er und seine Komplizen nach Thüringen zurück. In der Gegend bei Masserberg und Ilmenau hielten sich die Räuber so lange auf, dass sie sich sogar ein Hotelzimmer nahmen. Und gerade hier machten die Profis Fehler: bei der überhasteten Abreise aus dem Hotel vergaß Dietmar T. Unterwäsche, die der Polizei später sehr hilfreich sein sollte.

Bild von Überwachungskamera
Überfall auf die Sparkasse Todenbüttel in Schleswig-Holstein.

Im Juni 2009 bekamen die Ermittler in Gotha die Information, dass eines der mittlerweile überwachten "Arbeitshandys" der Bande wieder in Betrieb ist. Nach der Ortung war klar, wo die Täter demnächst zuschlagen werden. Aber die sind schneller, als die Polizei erlaubt. So stürmen Dietmar T. und ein Komplize am 10. Juni 2009 in die Sparkasse Todenbüttel in Schleswig-Holstein. Bewaffnet mit einer Pistole und einem riesigen Vorschlaghammer erbeuteten sie über 30.000 Euro. Blieb noch die Flucht. Dietmar T. wusste, dass die Polizei nach Banküberfällen schnell Fahndungsringe aufbaut. Also harrten die Räuber in dem Ring aus.

Täter Gören
Überfall auf die Sparkasse in Göhren/Rügen.

In einem Waldstück vergrub Dietmar T. die Beute. Nur er selbst kannte die genaue Stelle. Erst Tage danach holte er die Beute aus dem Versteck. Noch während er das Geld an seine Komplizen verteilte, plante er schon den nächsten Überfall. Der war bereits einen Monat später fällig. Diesmal klappte der Überfall auf die Sparkasse in Göhren/Rügen – die Beute ist sechsstellig. Dass Dietmar T. ein Täter war, ahnte die Polizei erstmal nicht. Die Maskierung stimmte ebenso wenig überein wie die Täterbeschreibungen und das Schuhwerk.

Fluchtauto
Fluchtwagen des Täters.

Ein Zeuge hatte jedoch berichtet, dass sich jemand merkwürdig zwischen Parkplatz und Bank bewegt hatte. Die Polizei setzte daraufhin einen speziellen Suchhund ein. Dem Tier wurde die Unterwäsche aus dem Hotel vorgesetzt. Daraufhin schlug es an und führte die Beamten zu dem Parkplatz, wo das Fluchtfahrzeug abgestellt war. Damit konnten die Ermittler sicher sein: Dietmar T. war an diesem Banküberfall beteiligt. Als das Fluchtauto später aufgefunden wurde, konnte so ein klarer Zusammenhang zu den Tätern hergestellt werden. Am 15. September 2009 stand das SEK vor der Tür der Täter, doch die waren ausgeflogen.

Ein letzter Überfall

Bilder Überwachungskamera
Täter bei dem Überfall der Sparkassenfiliale in Westheim.

Die Bankräuber waren nicht etwa vor dem polizeilichen Zugriff gewarnt worden, sondern waren sozusagen wieder auf "Betriebsausflug" in Nordrhein-Westfalen. Doch entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten überfielen sie die Sparkassenfiliale in Westheim im Hochsauerlandkreis nicht kurz vor Geschäftsschluss, sondern am hellerlichten Vormittag bei vollem Kundenbetrieb. Diese Begehungsweise und der Tatort Nordrhein-Westfalen führten die Ermittler zunächst nicht auf die Spur der Täter aus Mecklenburg-Vorpommern.

Bilder Überwachungskamera
Dietmar T. bei dem Überfall.

Aber auch diesmal war – typisch für Dietmar T. und seine Bande - alles offensichtlich akribisch geplant und vorbereitet. Der Überfall lief wie am Schnürchen. Zeugen beschrieben die Räuber später als kaltschnäuzig und gelassen. Mit einer Beute von über 100.000 Euro verließen Dietmar T. und seine beiden Komplizen in aller Ruhe die Bank. Aber die Freude darüber währte diesmal nur kurz. Am 17. Dezember 2009 war es soweit.
Jeder Täter wurde in seinem Zuhause festgenommen. Von der Beute konnten nur noch 50.000 Euro sichergestellt werden. Der Rest war schon ausgegeben.

Im Frühjahr 2010 kam es dann zum Prozess am Landgericht Stralsund. 60 Zeugen wurden befragt. Am dritten Tag legte Dietmar T. – oft auch "Zatopek" genannt - eine Art Lebensbeichte ab. An den drei Jahre dauernden Ermittlungen waren über 30 Beamte aus zehn Dienstellen in sieben Bundesländern beteiligt. Und auch "Kripo live".

Kripo live | 25.12.2011 | 19:50 Uhr: Alte Bekannte spielen "Räuber und Gendarm"

Die Geschichte zwischen Dietmar T. und Kriminalhauptkommissar Siegfried Lauterbach erinnert an das alte Kinderspiel "Räuber und Gendarm". Nur, dass es nicht wirklich ein Spiel war. [mehr]


Zuletzt aktualisiert: 25. Dezember 2011, 15:20 Uhr

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