Eine Teilnehmerin des Jane-Austen-Balles hat im Redoutensaal in Erlangen (Bayern) einen Fächer in der Hand. An dem historischen Ball nach dem Vorbild der Jane-Austen-Romane nehmen Besucher aus ganz Deutschland, Österreich und Italien teil.
Jane Austen ist Kult: Besucherin eines Jane-Austen-Balles in Erlangen (Bayern) Bildrechte: dpa

Zum 200. Todestag von Jane Austen "Jane Austen sollte man nicht nur einmal lesen"

Liebe, Heirat, Geld: Das sind die zentralen Themen in den Romanen von Jane Austen. Im Zentrum steht die Frage: Wie findet eine junge, meist mittellose Frau einen klugen, edlen, gutaussehenden und möglichst reichen Ehemann? Zum 200. Todestag der englischen Schriftstellerin ist MDR KULTUR-Moderatorin Beatrice Schwartner im Gespräch mit Dr. Katrin Berndt, Anglistin an der Martin-Luther-Universität Halle.

Eine Teilnehmerin des Jane-Austen-Balles hat im Redoutensaal in Erlangen (Bayern) einen Fächer in der Hand. An dem historischen Ball nach dem Vorbild der Jane-Austen-Romane nehmen Besucher aus ganz Deutschland, Österreich und Italien teil.
Jane Austen ist Kult: Besucherin eines Jane-Austen-Balles in Erlangen (Bayern) Bildrechte: dpa

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens sich nichts mehr wünschen muss, als eine Frau.

Jane Austen in "Stolz und Vorurteil"

Das ist wohl einer der berühmtesten Romananfänge überhaupt – der erste Satz von Jane Austens Roman "Stolz und Vorurteil". Eine Liebesgeschichte, in der die beiden Hauptfiguren Elizabeth Bennet und Mr. Darcy nach einigen Hindernissen dann doch zusammenfinden. Auch in den anderen fünf Romanen von Jane Austen geht es um die Themen Heirat, Geld und um die Frage: Wie findet eine junge, meist mittellose Frau einen klugen, edlen und gutaussehenden und möglichst reichen Ehemann?

MDR KULTUR: Was fasziniert uns bis heute an Jane Austen – obwohl das Thema ihrer Romane begrenzt ist und es nie um Sex geht?

Dr. Katrin Berndt: Ich denke, dieser Anfangssatz ist ein ganz eingehendes Beispiel dafür, warum die Romane von Jane Austen auch nach 200 Jahren noch faszinieren. Denn sie schafft es, in einem einzigen Satz eine ganze Welt lebendig werden zu lassen. Die Hoffnungen der Figuren vor dem Hintergrund der sozialen und ökonomischen Bedingungen ihrer Zeit, die daraus resultierenden Zwänge und Begehrlichkeiten; aber auch der Wunsch nach Sicherheit in einer Gesellschaft, die sich damals rapide verändert hat. Dazu kommt, dass diese "allgemein anerkannte Wahrheit", wie Jane Austen schreibt, natürlich gar keine ist.

Der Holzschnitt zeigt die britische Schriftstellerin Jane Austen (undatierte Aufnahme). Um Jane Austen ranken sich viele Mythen. Zum 200. Todestag der britischen Schriftstellerin geht die Suche nach der «wahren» Jane Austen weiter.
Jane Austen Bildrechte: dpa

Der erste Satz vermittelt uns Lesern lediglich die Hoffnung des niederen Landadels, die für ihre Töchter geeignete Ehemänner finden wollen und auch müssen. Denn Frauen in jener Zeit hatten sehr eingeschränkte Eigentumsrechte und wenig Möglichkeiten, beruflich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das heißt, die sozialen Aktivitäten in dieser Schicht waren darauf ausgerichtet, Möglichkeiten zu schaffen, wo man so einem potenziellen Ehemann begegnen kann. Im Text merken wir dann sehr schnell, dass diese "allgemein anerkannte Wahrheit" nicht die Meinung der Hauptdarstellerin ist – denn Elizabeth Bennet muss zwar heiraten, um ihren Lebensstandard zu behalten, aber sie ist doch sehr wählerisch in ihrer Partnerwahl.

Die Themen Heirat und Geld sind ganz zentrale Themen, weil sie eng miteinander verknüpft sind und in viele andere Bereiche der Gesellschaft damals hineingewirkt haben.

Wenn man sich im Bekannten- und Freundeskreis umhört, dann sind vor allem Frauen Jane Austen-Leser. Für viele Männer sind die Verfilmungen typische "Frauen-Kost". Warum spricht Jane Austen eher Frauen an und welche Erfahrungen haben Sie an der Universität gemacht, wenn Sie Seminare zu Jane Austen geben – kommen da auch Männer?

Ja! Rein beruflich ist es mir bisher nicht so stark aufgefallen. Ich kenne einige Kollegen, die begeisterte Leser von Jane Austen sind und auch zu ihr forschen. Auch in meinen Seminaren habe ich genauso viel oder genauso wenig Männer – wir haben in den Geisteswissenschaften ja mehr weibliche Studenten – als wenn ich Shakespeare oder Dickens anbiete.

Die Filme allerdings richten sich eher an ein weibliches Publikum und sind auch schon so konzipiert und produziert. Sowohl in den Filmen als auch in Jane Austens Romanen ist die Hauptfigur ja immer eine junge Frau und im Zentrum steht eine Liebesgeschichte. In den Filmen wird auch sehr stark darauf fokussiert. Die männlichen Hauptfiguren werden den Schönheitsstandards entsprechend mit besonders attraktiven Darstellern besetzt – das heißt, die männliche Figur bietet sich da auch als Sehnsuchts-, als Projektionsfläche für die Zuschauerin an.

Jane Austen Museum Natur, Familie, Teegesellschaften

Jane Austen Museum in Chawton/New Hampshire
Das Jane Austen Museum in Chawton/New Hampshire, südwestlich von London. Hier lebte Jane Austen von 1809 bis 1817, zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Schwester Cassandra und ihrer alten Freundin Martha Lloyd. Erst in Chawton wurde sie zur erfolgreichen Schriftstellerin: Hier schrieb, überarbeitete und veröffentlichte sie alle ihre Romane. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Jane Austen Museum in Chawton/New Hampshire
Das Jane Austen Museum in Chawton/New Hampshire, südwestlich von London. Hier lebte Jane Austen von 1809 bis 1817, zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Schwester Cassandra und ihrer alten Freundin Martha Lloyd. Erst in Chawton wurde sie zur erfolgreichen Schriftstellerin: Hier schrieb, überarbeitete und veröffentlichte sie alle ihre Romane. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Jane Austens
Jane Austens "Donkey Carriage". Mit diesem Eselskarren konnte die Schriftstellerin kleine Ausflüge in die Umgebung von Chawton unternehmen. Eine große Pferdekutsche für Reisen übers Land konnte sich die Familie Austen nicht leisten. Der Vater, ein Landpfarrer, hatte seiner Familie nicht genug Geld hinterlassen. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Klavier im Jane Austen Museum
Das "clementi pianoforte". An diesem Klavier übte Jane Austen jeden Morgen einige Stunden. Zu Jane Austens Zeit war es wichtig, dass sich kultivierte Frauen in Gesellschaft bewegen und Gäste unterhalten konnten. Die Familie war zwar arm, aber überdurchschnittlich gebildet und belesen. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Eine Erstausgabe von Jane Austens Roman
Eine Erstausgabe ihres Romans "Emma" aus dem Jahr 1816. Jane Austen veröffentlichte ihre Romane nicht unter ihrem Namen. Damals galt es als unschicklich für eine Frau, Romane zu schreiben. Ihr erstes Buch "Verstand und Gefühl" veröffentlichte sie 1811 unter dem Pseudonym "A Lady". Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Esszimmer im Jane Austen Museum
Der "dining room“. Die Austens liebten Hausmannskost wie Hammelbraten, Gans, Schinken und Pudding. Weil sie sich nur wenige Bedienstete leisten konnten, mussten die Austen-Frauen selbst mit anpacken. Cassandra als älteste Tochter hatte die Aufsicht über den Haushalt. Zu Janes Pflichten gehörte es, für das Frühstück zu sorgen. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Schreibtisch von Jane Austen
An diesem kleinen Walnussholz-Tisch schrieb Jane Austen ihre Romane. Jeden Vormittag nach dem Frühstück saß sie hier und schrieb mit Feder und Tusche auf kleine Papierseiten. Dabei ließ sie sich ungern stören. Wenn jemand ins Zimmer trat, versteckte sie ihr Geschriebenes. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Roman von Jane Austen
Jane Austen ist heute eine der meistgelesenen Autorinnen der Welt. Bereits zu ihren Lebzeiten waren ihre Romane beliebt. Allerdings waren sie um 1800 auch sehr teuer: Ein Roman kostete damals ungefähr so viel wie ein durchschnittlicher Wochenlohn. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Schlafzimmer von Jane Austen
Das Schlafzimmer von Jane und ihrer Schwester Cassandra. Die beiden hatten ein sehr inniges Verhältnis zueinander und waren engste Vertraute. Schon in Steventon, wo Jane aufwuchs, teilte sie sich Bett und Zimmer mit Cassandra. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Eine Haarlocke des Vaters von Jane Austen
Jane hatte eine Haarlocke ihres Vaters aufbewahrt. Die Familie war ihr immer sehr wichtig. Alle Austens standen sich sehr nah. In ihren Romanen spielen die Beziehungen zwischen Familienmitgliedern eine große Rolle. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Kleid, das Jane Austen getragen haben soll
Dieses Kleid soll Jane Austen getragen haben. Auch wenn die Schriftstellerei ihre große Leidenschaft war, liebte sie das Vergnügen. Sie war gesellig und tanzte gern, liebte Zerstreuungen wie Teegesellschaften und Bälle. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Blick auf das Jane Austen Museum vom Garten aus
Das Jane Austen Museum vom Garten aus betrachtet. Jane liebte die Natur und hielt sich gern im Freien auf. Es gab auch einen Obst- und Gemüsegarten, denn die Austen-Frauen versorgten sich zum großen Teil selbst, sogar mit Hühnern und Puten. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Gräber von Janes Schwester Cassandra und ihrer Mutter
Nur wenige Schritte vom Chawton Cottage entfernt liegt die St. Nicholas Kirche. Auf dem kleinen Friedhof sind Janes Schwester Cassandra und ihre Mutter begraben. Janes Grab – sie starb am 18. Juli 1817 mit nur 41 Jahren – befindet sich in der Kathedrale von Winchester. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
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Wir erinnern an "Sinn und Sinnlichkeit" und "Stolz und Vorurteil" – das sind die bekanntesten Streifen. Kann man sagen, dass die Filme ein minderer Abklatsch der Romane sind? Sind die Bücher einfach besser als die Filme?

Der Vorwurf, dass der Film dem Buch nicht gerecht wird, das haben wir ja nicht nur bei Austen. Ich würde nicht sagen, dass die Filme ein Abklatsch sind. Es gibt sehr gelungene Verfilmungen wie zum Beispiel "Sinn und Sinnlichkeit" oder auch die BBC-Produktion von "Stolz und Vorurteil". Ich denke, was die Filme gut machen, ist, dass sie bestimmte Aspekte aufgreifen, die im Roman vielleicht nur am Rande vorkommen.

Dafür werden andere Aspekte dann vielleicht vernachlässigt. Beispiel: Die Figur des Mr. Collins aus "Stolz und Vorurteil", der die Hauptfigur in eine Vernunftehe drängen möchte – wird eigentlich seit Jahrzehnten, von Film zu Film, immer unattraktiver. Ich finde, das ist ein Zeichen dafür, dass diese Versorgerehe bei uns immer mehr aus der Mode gekommen ist. Und die Filme bieten auch eine Möglichkeit, erotische Anziehungskraft, die in den Romanen angedeutet wird, deutlicher in den Vordergrund zu stellen – durch die Attraktivität der Darsteller, die Schönheit der Kostüme. Auch da wird etwas, was Austens Publikum in Andeutungen gut verstanden hat, für ein heutiges Publikum deutlicher erfahrbar gemacht.

In England erscheinen Jane Austens Romane in Millionenauflage. Jane Austen ist dort Kult. Kann man sie mit etwa Shakespeare oder Dickens auf eine Stufe stellen?

Was alle drei gemeinsam haben – und das finde ich bemerkenswert – dass sie, von dem Moment, in dem ihre Werke geschaffen wurden, bis heute ununterbrochen populär gewesen sind und dass sie auch immer kritische Anerkennung gefunden haben. Das zeichnet alle drei aus. Was bei Austen noch hinzukommt, ist, dass sie in ihrer Zeit tatsächlich für ihren Realismus berühmt geworden ist. Also gar nicht so sehr für die Romanze, mit der wir sie heute identifizieren, sondern dass sie den englischen Roman stilprägend geformt hat durch eine lebensnahe Darstellung, durch Erzähltechniken wie die indirekte Rede. Deshalb ist Jane Austen eine der wichtigsten Autorinnen der englischen Literaturgeschichte.

Was ist für Sie das Beste an Jane Austen?

Ich stimme vielen Kritikern zu, dass ihre Figuren ziemlich lebendig sind und dass sie die Welt, die sie erschafft, lebendig werden lässt. Ich kann eigentlich nur empfehlen, sie nicht nur einmal, sondern mehrfach zu lesen. Man trifft immer wieder alte Freunde. Und entdeckt dann doch immer wieder etwas Neues.

Buchempfehlungen zu Jane Austen John Spence: "Geliebte Jane" , Insel-Taschenbuch, Übersetzerin: Ursula Gräfe, 379 Seiten, Preis: 8,99 Euro

Felicitas von Lovenberg: "Jane Austen – Ein Portrait", Insel-Taschenbuch, 92 Seiten, Preis: 8 Euro

Kim Wilson: "Auf den Spuren von Jane Austen: Die Schauplätze ihres Lebens und ihrer Romane", Knesebeck-Verlag, Übersetzerin: Maria Meinel, gebundene Ausgabe, mit vielen Fotos, Preis: 29,95 Euro

Jane Austen: "Ich bin voller Ungeduld": Briefe an Cassandra, Insel-Taschenbuch, Übersetzerin: Ursula Gräfe, 208 Seiten, 10 Euro

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: MDR KULTUR Spezial | 18.07.2017 | 18:05 Uhr

U.a. mit folgenden Themen:

Wer war Jane Austen? Über das Leben der Schriftstellerin

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Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2017, 20:36 Uhr

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