Volker Kutscher
Schriftsteller Volker Kutscher hat mit seinem Roman "Der nasse Fisch" die Vorlage für die Serie "Berlin Babylon" geliefert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schriftsteller Volker Kutscher im Interview Babylon Berlin - überraschend aktuell

"Babylon Berlin" – die neue Serie von den bekannten Regisseuren Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten – zeigt eine zerrissene Hauptstadt zwischen arm und reich, zwischen rechts und links. Und das wohlgemerkt im Jahr 1929. Die Serie ist erschreckend aktuell. Volker Kutscher hat mit seinen Krimis um Gereon Rath die Vorlage geschrieben und ist mit MDR KULTUR im Gespräch.

Volker Kutscher
Schriftsteller Volker Kutscher hat mit seinem Roman "Der nasse Fisch" die Vorlage für die Serie "Berlin Babylon" geliefert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Wie aktuell ist "Babylon Berlin"?

Volker Kutscher: Das Berlin von 1929 ist in vielen Punkten überraschend nah dran an der Gegenwart. Zum einen in politischer Hinsicht: die Demokratie ist in Gefahr. Und Berlin ist damals wie heute als Party-Stadt en Vogue, die Verbindung von "arm, aber sexy". Ich glaube, es hat die Leute damals fasziniert und es fasziniert sie heute auch, dass Berlin keine klassische Schönheit ist, sondern eher eine amerikanische Großstadt, mit sehr viel Lärm, Dreck und Industrie. Das Rathenau-Zitat "Spreeathen ist tot, Spreechicago wächst heran" trifft es und ich habe es dem ersten Buch der Serie "Der nasse Fisch" vorangestellt.

Wie war das Leben damals in Berlin?

Das legendäre Moka Efti.
Das Berghain der 20er-Jahre: Das legendäre Moka Efti in Mitte. Oben wurde getanzt und eine Etage tiefer angeschafft. Bildrechte: Frédéric Batier/X Filme

Man spricht ja gern vom Tanz auf dem Vulkan – der es ja im Rückblick auch war. Da kam etwas, das die Goldenen Zwanziger beendet hat. Aber es war nicht der Vulkan, an den wir heute denken, denn davon wussten die Leute nichts. Sondern es war eher der andere Vulkan, den man gerade hinter sich gelassen hatte: das Kaiserreich, der Erste Weltkrieg. Die Völkischen waren als Phänomen dauernd sichtbar. Aber vom Gedanken her, von dem, was die Leute wahrnahmen, waren der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg 1929 noch weit weg. Für die Leute war es unvorstellbar, dass die paar Menneken mit den Hakenkreuzen irgendwann mal Deutschland regieren würden. Das konnte sich keiner vorstellen.

Aus heutiger Sicht ist es arrogant, zu sagen "Das musste man doch kommen sehen" – was ist denn heute? Wissen wir denn heute, was die schlimmste Entwicklung ist? Ist es der zunehmende Rechtspopulismus in der Politik? Ist es der Islamismus? Ist es ein kapitalistisches Problem? Was ist das, was unsere Demokratie, unsere Meinungsfreiheit bedroht? Das wissen wir nicht.

Was macht diese Zeit so interessant für Sie, sodass Sie ihr eine ganze Romanreihe widmen?

Die späten 20er- und frühen 30er-Jahre sind für mich interessant geworden durch Erich Kästner, durch die Kinderbücher und durch "Fabian" später. Ich fand interessant, dass die Kästner-Welt von meiner Kindheit in den 70er-Jahren gar nicht so weit weg war. Und zu wissen, dass nach dieser Kästner-Welt dann erstmal das Dritte Reich kam, das ist mir so richtig deutlich geworden, als ich zum ersten Mal den Film "Emil und die Detektive" gesehen hatte, der 1931 gedreht worden ist. Da sieht man viele Kinderdarsteller, mit strahlenden Gesichtern, da ist Hoffnung drin. Und wenn man weiß, acht Jahre später beginnt der Zweite Weltkrieg, die meisten werden Soldaten oder SS-Männer sein, die werden vielleicht sogar in KZ’s sitzen, als Wächter oder als Insassen, sie werden ein beschissenes Leben haben, weil sie dieser Generation angehören. Ihre Hoffnungen werden enttäuscht. Das ist so tragisch. Das ist auch einer der Beweggründe meines Schreibens.

Wie haben Sie sich die Geschichte um den Kommissar Gereon Rath erarbeitet?

Die ersten Recherchen habe ich 2003 gemacht, da war das noch nicht abzusehen, was mit Deutschland passieren sollte. Das erste, was ich gemacht habe: Ich habe nochmal Kästner und Döblin gelesen, mit Notizbuch. Die Alltagsbeschreibungen habe ich mir notiert, um einen Eindruck zu haben von dieser Welt. Ich habe Sachbücher und Geschichtsbücher gelesen. Alte Fotos, alte Filme - ich habe alles gesammelt, was ich in die Finger kriegen konnte.

Wie wichtig ist es Ihnen, den Berliner Alltag von 1929 im Detail authentisch darzustellen?

Vielleicht zu wichtig. Ich habe da einen kleinen Spleen: Mir ist zum Beispiel wichtig, wenn man weiß, das ist kalendarisch der und der Tag, dass das Wetter stimmt. Das ist vielleicht übertrieben, aber das ist mir wichtig, weil meine Romane reine Fiktion sind. Der Hintergrund meiner erfundenen Geschichten muss dann stimmig sein, damit sie eine gewisse Authentizität bekommen. Sonst könnte ich ja Fantasy-Geschichten schreiben. Außerdem lasse Markennamen aufploppen. Da steht mal eine Sinalco auf dem Tisch oder eine Flasche Odol oder was auch immer, Markennamen, die man heute noch kennt – für mich ein Mittel, um dem Leser diese Welt näher zu bringen, um Bekanntheit herzustellen.

Wer ist Ihr Held Gereon Rath – und mögen Sie ihn?

Er lügt leider Gottes gern und viel. Er hat Probleme mit Autoritäten und ein sehr starkes Gerechtigkeitsempfinden, das ihm im Zweifel wichtiger ist als Recht und Gesetz. Er übt Selbstjustiz aus, will Schurken nicht davonkommen lassen. Er ist mir nicht immer sympathisch, aber ich bin immer auf seiner Seite. Wenn er Mist baut und sich wie ein Arschloch benimmt, schadet er sich meist mehr selbst als seiner Umwelt – und das kann man noch eher verzeihen. Ich mag keine perfekten Helden.

Wie gelungen finden Sie die Umsetzung Ihrer Romane in der TV-Serie "Babylon Berlin"?

Sie ist geglückt. Sie haben das Berlin-Flair gut hinbekommen und man fiebert mit. Gelungen ist auch, eine Vertrautheit zwischen dem Zuschauer und dieser Welt herzustellen, ohne anachronistisch zu sein – zum Beispiel durch Partyszenen, sodass man denkt: Da hätte ich auch gern mitgefeiert. Dass dafür ein moderner Soundtrack benutzt wurde, finde ich gut, um die Zeitlosigkeit hervorzuheben - das stellt mehr Nähe zur damaligen Wirklichkeit her, als wenn man die ganze Zeit Charleston hört. Die Serie nimmt sich viele Freiheiten - mir war nur wichtig, dass der Kern der Geschichte erhalten bleibt und das ist er. Ansonsten habe ich keine Vorgaben gemacht, das wäre zu einschränkend gewesen. Es muss ja eine gewisse eigene Handschrift erkennbar sein.

Inzwischen ist Ihr Roman aktueller als gedacht – durch die rechtspopulistische Entwicklung in Deutschland. Wird Sie das beim Schreiben jetzt beeinflussen?

Ein bisschen wahrscheinlich schon. Aber ich bin der Meinung, dass Geschichte sich nicht wiederholt und dass man die Parallelen so platt nicht ziehen darf. Die wichtigste Erkenntnis, die ich aus dieser Entwicklung ziehe  ist, dass keine Demokratie, egal wie gefestigt sie zu sein scheint und wie toll ihre Verfassung ist, jemals sicher ist. Solange nicht die Demokraten in ihr dafür kämpfen und sie gegen ihre zahlreichen Feinde verteidigen. Mein altes Weltbild ist dadurch erschüttert, weil ich dachte: Natürlich, das ist unsere Errungenschaft, das bleibt jetzt immer so und wird höchstens besser werden. Aber Geschichte geht nicht in eine Richtung, sie ist keine Heilsgeschichte.

Wissen Sie schon, wie die Serie ausgehen wird?

Nach dem neunten Band ist Schluss. Wie es ausgeht, weiß ich noch nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 12. Oktober 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2017, 09:50 Uhr

Aktuelle Filmempfehlungen

Dokfilm: Zeit für Stille
Bildrechte: Mindjazz Pictures

Meistgelesen bei MDR KULTUR