Im Bildsaal vom Panorama Museum Bad Frankenhausen (Thüringen) schauen sich Besucher das Monumentalgemälde 'Frühbürgerliche Revolution in Deutschland' des Malers und Grafikers Werner Tübke (1929-2004) an.
Tübkes Monumentalgemälde "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" im Panorama Museum Bad Frankenhausen Bildrechte: dpa

30 Jahre Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen Tübkes größte Malschlacht

Das Rundbild von Werner Tübke in Bad Frankenhausen lockt jährlich 100.000 Besucher an. Vor 30 Jahren beendete er es. Das Museum feiert das am Sonnabend mit einer Museumsnacht.

Im Bildsaal vom Panorama Museum Bad Frankenhausen (Thüringen) schauen sich Besucher das Monumentalgemälde 'Frühbürgerliche Revolution in Deutschland' des Malers und Grafikers Werner Tübke (1929-2004) an.
Tübkes Monumentalgemälde "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" im Panorama Museum Bad Frankenhausen Bildrechte: dpa

Als "Elefantenklo" bezeichnen die Thüringer das Rundpanorama auf dem Hügel über Frankenhausen. Denn als es dort in den 70er-Jahren errichtet wurde, waren die Anwohner skeptisch gegenüber diesem Betonklotz, der ihre Landschaft verschandelte. Die DDR-Regierung hatte Großes vor in Bad Frankenhausen: Hier auf dem Schlachtberg, wo einst die entscheidende Schlacht des Deutschen Bauernkrieges unter Führung von Thomas Müntzer geschlagen wurde, sollte ein monumentales Schlachtgemälde entstehen, nach Vorbild der großen russischen Heldenverehrungen. An der Gedenkstätte wollte die DDR-Führung Fahnenweihen abhalten und Soldaten vereidigen. Doch keiner der zunächst angefragten Künstler wollte das wichtigste Kunstprojekt der DDR angehen. Zu groß war die Gefahr, mit einem 123 Meter langen und 14 Meter hohen Gemälde zu scheitern.

Kein Schlachtenpanorama nach sowjetischem Vorbild wie geplant

Werner Tübke 1981 in seinem Atelier
Der Leipziger Maler und Grafiker Werner Tübke in seinem Atelier (1981) bei Arbeiten an seiner 1:10 Fassung des monumentalen Bauernkriegspanorama-Gemäldes. Bildrechte: dpa

Der Leiter des Leipziger Kunsthochschule Werner Tübke nahm die Herausforderung schließlich an, stellte aber harte Bedingungen: Niemand durfte ihm bei der Gestaltung hereinreden, es gab keinen festen Fertigstellungstermin und er ließ sich mit 75.000 DDR-Mark pro Jahr bezahlen. Einzig stand fest, dass er den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit und den Bauernkrieg in seinem Werk festhalten sollte. Tübke war für die SED-Granden Rettung und Fluch zugleich. Sein Wahlspruch war immer "l’art pour l’art", Kunst allein um der Kunst willen. Und das hieß für ihn kein Schlachtenpanorama mit heroischen Bauern nach sowjetischem Vorbild, keine Verklärung der "frühbürgerlichen Revolution" als Vorläuferin des Sozialismus.

Mir ist meine Arbeit bzw. die bildende Kunst zu schade zur Gehirnwäsche. Ich will niemanden belehren.

Werner Tübke
Ausschnitte aus dem Bauerkriegspanorama von Werner Tübke.
Thomas Müntzer steht im Zentrum der Schlacht - und trägt die Gesichtszüge des Künstlers Werner Tübke. Bildrechte: VG Bild/Kunst

Stattdessen zeichnet er die Geschichte der Menschheit als eine Leidensgeschichte ohne Ende: Da sind Arme, Bettler, Flüchtende und auf der anderen Seite die Reichen, die wegschauen, die um Macht spielen. Der Papst wird mit Eselsohren dargestellt, gleichzeitig Luther als Janusköpfig, da er einerseits seine bürgernahen Thesen propagiert, andererseits gegen den Aufstand der Bauern ist. Mit Thomas Müntzer als Anführer des Aufstandes, der infolgedessen gefangen genommen und hingerichtet wurde, scheint Tübke dagegen zu sympathisieren – denn er hat ihm in seinem Gemälde seine eigenen Gesichtszüge gegeben.

Zehn Stunden Akkord-Malen am Tag

"Das Bild hat seine Gesundheit ruiniert", sagt Brigitte Tübke-Schellenberger. Doch für ihren 2004 verstorbenen Mann war es der Auftrag seines Lebens. Zwölf Jahre lang arbeitete er daran. „Er sagte immer, das Bild sei zur richtigen Zeit gekommen“, sagt sie. „Früher hätte ich es fachlich nicht gekonnt und später hätte ich es körperlich nicht mehr gekonnt.“

Zunächst malte der Meister seinen Entwurf auf 12,30 Meter Breite, das Ganze wurde dann von Hilfsmalern mithilfe von Projektoren auf das 123 Meter breite und 14 Meter hohe Panorama geworfen und übertragen. Drei Jahre lang standen die Maler zehn Stunden am Tag auf dem Gerüst: Die Helfer kümmerten sich um Farbflächen, wie Himmel und Regenbogen, der Meister übernahm die knapp 3.000 Figuren, die zum Teil vier Meter groß sind. Am 16. Oktober 1987 signierte er vor laufenden Kameras das Monumentalgemälde "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" und sagte: "Die Zeit des Leidens ist zu Ende". Für Publikum und Kunstkritik war ein Jahrhundertwerk geboren. Insgesamt kostete es die DDR 96 Millionen Mark und war damit das teuerste Kunstprojekt ihrer Geschichte.

Bildergalerie Das Bauernkriegpanorama im Detail

Im Bauernkriegspanorama sind über 3.000 Figuren zu sehen und zahlreiche interessante Symbole und Details verborgen, die wir hier erklären.

Im Bildsaal vom Panorama Museum Bad Frankenhausen (Thüringen) schauen sich Besucher das Monumentalgemälde 'Frühbürgerliche Revolution in Deutschland' des Malers und Grafikers Werner Tübke (1929-2004) an.
Das Monumentalgemälde "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" zeigt eine Epoche im Umbruch: Vom Mittelalter zur Neuzeit. Den Mittelpunkt des Gemäldes bildet der Deutsche Bauernkrieg. Bildrechte: dpa
Im Bildsaal vom Panorama Museum Bad Frankenhausen (Thüringen) schauen sich Besucher das Monumentalgemälde 'Frühbürgerliche Revolution in Deutschland' des Malers und Grafikers Werner Tübke (1929-2004) an.
Das Monumentalgemälde "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" zeigt eine Epoche im Umbruch: Vom Mittelalter zur Neuzeit. Den Mittelpunkt des Gemäldes bildet der Deutsche Bauernkrieg. Bildrechte: dpa
Bauernkriegspanorama von Werner Tübke
Thomas Müntzer steht im Zentrum der Schlacht - und trägt die Gesichtszüge des Künstlers Werner Tübke. Bildrechte: Werner Tübke
Bauernkriegspanorama von Werner Tübke
Auch als Sterbender hat sich Tübke hier verewigt. Malen ließ er sich von einem seiner Helfer und verriet ihm erst anschließend, wen er da gerade gemalt hat. Bildrechte: Werner Tübke
Bauernkriegspanorama von Werner Tübke
Verderben und Leiden als ewiger Kreislauf der Menschheit ist eines der Kernthemen des Bildes. Menschen hungern und flüchten. Symbolisch für das menschliche Scheitern steht der unfertige Turm zu Babel. Bildrechte: Werner Tübke
Bauernkriegspanorama von Werner Tübke
Unterhalb des Turms zu Babel schwebt der blaue Fisch, das Symbol für Christus, in dessen Bauch vermutlich Jonas zu sehen ist und aus dem sich die Sintflut ergießt - eine Prophezeiung des bald drohenden Weltuntergangs. Bildrechte: Werner Tübke
Bauernkriegspanorama von Werner Tübke
Die Reichen wenden sich ab vom Leid und treiben ihre Machtspiele wie Glücksspieler: Kaiser Karl V., daneben der türkische Sultan, gegenüber König Franz I. von Frankreich, dahinter der Doge von Venedig, außerdem u.a. der englische, der böhmische Künig, der Herzog von Sachsen u.a. Bildrechte: Werner Tübke
Bauernkriegspanorama von Werner Tübke
Mitten im Geschehen: Das Siebenlasterweib, die Verkörperung der Todsünden Hochmut, Geiz, Wolllust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit des Herzens. Bildrechte: Werner Tübke
Bauernkriegspanorama von Werner Tübke
Eine der Schlüsselszenen des Bildes befindet sich unterhalb der Schlacht: Es sind die Wegbereiter der neuen Zeit, die ohne Waffen sondern mit Worten und Kunst kämpfen. Es sind u.a. Maler Albrecht Dürer, Reformator Martin Luther, Künstler Lucas Cranach d.Ä., die Humanisten Philipp Melanchton und Erasmus von Rotterdam, Astronom Nikolaus Kopernikus, Mediziner Paracelsus, Amerika-Entdecker Christoph Kolumbus, Erfinder des Buchdrucks Johannes Guttenberg. Bildrechte: Werner Tübke
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 05. Oktober 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2017, 16:10 Uhr

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