Buch der Woche | "Tyll" Kehlmanns Schelm zieht durch die Zeitgeschichte

Daniel Kehlmann gehört zu den bedeutendsten und auch erfolgreichsten Autoren nicht nur der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Spätestens seit seinem Buch "Die Vermessung der Welt", das nach Patrick Süskinds "Parfüm" der meistverkaufte deutsche Roman ist, ist er aus der ersten Liga der deutschen Autoren nicht mehr wegzudenken. Nun erscheint pünktlich zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse Kehlmanns neuer Roman "Tyll", abermals ein historischer Roman.

von Gerrit Bartels, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Obwohl Daniel Kehlmanns Roman den Titel "Tyll" trägt und obwohl der Schausteller Tyll Ulenspiegel, wie er hier heißt, in jedem der acht Kapitel gewissermaßen auftritt, ist er keine Till-Eulenspiegel-Biografie, kein Buch über den legendären Schelm und Gaukler. Der hat im 14. Jahrhundert womöglich wirklich gelebt, in der Umgebung von Wolfenbüttel, am Rande des Elms. Der könnte aber auch bloß eine beliebte Figur mittelalterlicher Erzählungen sein. Eine Figur zwischen Leben und Tod, Wirklichkeit und Fiktion, Krieg und Frieden. Das kommt Kehlmann entgegen, denn er hat seinen Tyll, seinen Roman in das unruhige, unübersichtliche 17. Jahrhundert mit seinen Kriegen, religionspolitischen Wirren und Hexenjagden verlegt. Ihn interessieren andere historische Figuren genauso wie Tyll, bis in ihre psychische Geografie hinein: der deutsche Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher, der Winterkönig, Friedrich V. von der Pfalz, seine Frau, die englische und schottische Prinzessin Elisabeth Stuart oder der Arzt und Schriftsteller Paul Fleming. Und überhaupt der Dreißigjährige Krieg mit seinen Verheerungen in Europa, insbesondere in Deutschland.

Kehlmann
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Daniel Kehlmann im Interview

In seinem neuen Buch begibt sich Daniel Kehlmann erneut auf historisches Terrain. "Tyll" ist keine Biographie über Till Eulenspiegel und doch genauso trickreich. Wir haben mit dem Autor gesprochen.

artour Do 12.10.2017 22:05Uhr 03:53 min

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Kehlmann erzählt zwar zunächst, wie sein Tyll bei einer Müllerfamilie aufwächst. Doch schon hier konzentriert er sich auf das Schicksal des Vaters, der es mit der Müllerei nicht so hat. Claus Ulenspiegel liest lateinische Bücher, ohne Latein zu können, fragt sich, wann ein Körnerhaufen ein Haufen ist und wann er den Haufen-Charakter verliert (wieviel Körner müssen da weg?) und beschäftigt sich bevorzugt mit Magie, Zeichenlehre und Wissenschaften. Zwei Jesuiten, darunter der junge Kircher, überführen ihn der Hexerei und bringen ihn an den Galgen. Tyll flieht daraufhin mit Schwesterfreundin Nele aus dem Dorf, und so wie sie beide dann umherziehen und mal hier, mal dort gesichtet oder auch gesucht werden, so geht es von nun an in diesem Roman hin und her, in Raum und Zeit, einmal gar bis ins frühe 18. Jahrhundert, da eine der Figuren seine Autobiografie zu schreiben versucht und sich des Krieges erinnert.

Wie Kehlmanns Romane "Ruhm" und "F" hat "Tyll" den Charakter eines Erzähl-, Geschichten- und Schicksalsreigen, lose verbunden in der Figur des Schelms.

Gerrit Bartels, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Fiktion auf historischem Terrain

Daniel Kehlmann: 'Tyll'
Das Cover zum Buch zeigt eine Gauklermaske, darunter eine ganze Schelmen- und Guakler-Truppe. Bildrechte: Rowohlt Verlag

Es geht ins bayrische Zusmarshausen, wo die letzte große Schlacht des Dreißigjährigen Kriegs stattfindet, und von dort nach England und Schottland, wo Elisabeth Stuart sich mit ihrem Vater Jakob über die bevorstehende Ehe mit Friedrich unterhält: "Der Tölpel hat eine große Zukunft", sagt der Vater. Wir erleben hier die Gelehrten Adam Olearius, Paul Fleming und Athanasius Kircher auf einer Reise, um Tyll Ulenspiegel zu suchen. Und wir sehen dort Tyll, nachdem er Mineur geworden ist und in einer Kriegsschlacht mit ein paar Kameraden verschüttet wird. Dem Tode nahe, lässt er ein paar seiner Lebensstationen an sich vorbeiziehen, um zu beschließen: "Ich geh jetzt. So hab ich's immer gehalten. Wenn es eng wird, gehe ich. Ich sterbe hier nicht."

Beeindruckend ist, wie sicher sich Kehlmann auf dem historischen Terrain unterwegs ist, wie er scheinbar ohne große Anstrengung und ohne großen Aufwand seine Settings baut.

Gerrit Bartels, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Bitte, hereinspaziert, keine Angst, dieses Jahrhundert, dieser Krieg, diese Ränke, diese Menschen, sie sind womöglich wirklich nicht so weit entfernt! Man bekommt einen Einblick in die damalige Zeit, eine Ahnung von ihrer Gottesgläubigkeit und Teufelsfurcht, ihrer Magie und ihrem Aberglauben, ihren Lehren und Irrlehren, ihren Härten und Grausamkeiten.

Geschickt vermengt Kehlmann Fiktion und überlieferte Realität.

Gerrit Bartels, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Er ist geradezu sinnlich (die Gerüche in den Kriegslagern, auf den Schlachtfeldern!), ersinnt entlarvende, scharfkantige, mitunter lustige Dialoge und fühlt sich in sein Figurenpersonal ein. Zum Beispiel in die junge und die alte Elisabeth Stuart: in ihren Drang nach Glamour, der sie ihren Mann in sein und ihr Unglück treiben lässt. In ihre Tragik, als sie am Ende versucht, die pfälzische Kurfürstenwürde zumindest für ihren Sohn wiederzuerlangen. In ihr Fintenreichtum, der sie selbst ihre Würde bewahren lässt. Vieles bleibt in der Schwebe, ist Zauberei, wie der Tod, dem Tyll oder Athanasius Kircher mit ihren Griffen in die magische Trickkiste immer wieder ein Schnippchen schlagen.

Der Griff in die literarische Trickkiste

Auch Kehlmann greift in einem fort in seine literarische Trickkiste. Er lässt Shakespeare mitschwingen, zitiert einfach mal, in der Zeit weit vorausschreitend, die Gebrüder Grimm mit "Etwas Besseres als den Tod findest du überall" oder lässt einen alten Grafen Zusmarshausener Kriegserfahrungen schildern, die aus dem "Simplicissimus" stammen und von einer ganz anderen Schlacht handeln. Die wiederum der gute Grimmelshausen selbst aus einem fast einem Jahrhundert zuvor erschienenen Roman entnommen hatte, Philip Sidneys seinerzeit von Martin Opitz übersetzten "Arcadia".

Es steckt viel drin in "Tyll", diesem nicht nur trickreichen, sondern auch enorm unterhaltsamen Roman. Doch scheint es manchmal, als sei Kehlmann der zitatistische Erzählspaß, das literarische Spiel wichtiger als ernsthaft "eine aus den Fugen geratene Welt" zu porträtieren, wie der Verlag auf dem Cover wuchtig schlagzeilt. So als wolle er lieber doch nicht die ferne Vergangenheit mahnend nah an unsere Gegenwart koppeln.

Zwischen Distanz und Gegenwartsbezug

Daniel Kehlmann
Der Autor Daniel Kehlmann Bildrechte: IMAGO

Seine Sprache ist klar, zielorientiert und funkelnd, sie versucht gar nicht erst, sich der Zeit anzupassen. Ihr Ton aber ist ein oft ironischer, Abstand wahrender, das ferne Jahrhundert auf Distanz haltender, womöglich warnender. Vorsicht, das ist ein historischer Roman! Oder doch nicht? So stellt sich schon die Frage nach der Motivation Kehlmanns, sich dieses Geschehens anzunehmen, nach den Erkenntnissen, die man aus "Tyll" ziehen kann oder soll. Beispielsweise schimmerte beim "Treffen in Telgte", einer 1979 veröffentlichten Erzählung von Günter Grass über ein Dichter-Treffen 1647, am Ende des Dreißigjährigen Krieges, natürlich die Gruppe 47 mit durch, die Frage nach der gesellschaftlichen Aufgabe, die der Literatur zukommt oder eben nicht. Und Alfred Döblin entfaltete 1920 mit seinem Roman "Wallenstein" ein großformatiges Panorama des Dreißigjährigen Krieges, durchaus Parallelen zum Ersten Weltkrieg zulassend.

Aber hier? Es sind viel mehr Schlaglichter, die Kehlmann auf die Zeit wirft, und es hilft durchaus, sich zu der Lektüre seines Romans über das 17. Jahrhundert und die realen historischen Figuren begleitend zu informieren. Doch nötig ist das nicht unbedingt. Denn zuverlässig erscheint stets aufs Neue Tyll Ulenspiegel, der Trickster, der meistgesuchte Mann, der hier weder von den Menschen noch vom Tod wirklich gefasst werden kann.

Daniel Kehlmann, das zeigt dieser Roman einmal mehr, ist ein versierter literarischer Entertainer, ein durchtriebener überdies. Und vielleicht hat er sich selbst dann und wann in seinem Titelhelden wieder gefunden: Tyll, das bin doch ich!

Gerrit Bartels, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Angaben zum Buch Daniel Kehlmann: "Tyll"
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-03567-9
480 Seiten
22,95 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 10. Oktober 2017 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2017, 07:54 Uhr

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