Fake News Anzeige
Könnten Fake News bei der Bundestagswahl das Zünglein an der Waage sein? Bildrechte: Christian Ohde

Sachbuch | Ingrid Brodnig – Lügen im Netz Was tun gegen "Lügen im Netz"?

Spätestens seit der Abstimmung über den Brexit und dem knappen Ausgang der US-Wahlen im vergangenen Jahr sind Fake News in aller Munde. Auch hierzulande ist die Angst groß, Falschmeldungen und gezielte Manipulationen könnten – zum Beispiel zur Bundestagswahl im September – die Wähler irreführen und bei Abstimmungen das Zünglein an der Waage sein. Doch wie genau funktionieren Falschmeldungen, wer setzt sie in die Welt und wie gefährlich sind sie wirklich? Die Journalistin Ingrid Brodnig liefert in ihrem Buch "Lügen im Netz" Antworten.

von Vera Linß, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Fake News Anzeige
Könnten Fake News bei der Bundestagswahl das Zünglein an der Waage sein? Bildrechte: Christian Ohde

"Merkel hofft auf 12 Millionen Einwanderer" – "BKA bestätigt: Flüchtlinge krimineller als Deutsche"

Fake News wie diese wurden 2017 millionenfach geklickt. Doch bedrohen sie tatsächlich die Demokratie? Ja, warnt Ingrid Brodnig. Die Journalistin befasst sich seit Jahren mit digitaler Debattenkultur und sagt, die Gefahr durch Falschmeldungen ist real. Vor allem in politischen Hochphasen könne man damit viele Menschen erreichen.

In Deutschland etwa löste das Thema "Flüchtlinge" Hunderte von Fake News aus. Gefälschte Meldungen kursieren auch regelmäßig bei Wahlen mit dem Ziel, Zweifel an deren ordnungsgemäßem Ablauf zu wecken. Wie etwa bei der Abstimmung zur Verfassungsänderung in Italien im Dezember 2016.

Fünf von zehn Facebookmeldungen falsch

"Eine Auswertung ergab, dass von den zehn erfolgreichsten Meldungen auf Facebook fünf irreführend bis falsch waren. Vier waren wirklich komplett falsch, eine war irreführend im Titel", sagt Ingrid Brodnig.

Mir macht es Sorge, wenn mit Desinformation Stimmung gemacht wird. Und ich glaube, darüber müssen wir reden. Nämlich, welches Potential die Irreführung gerade in digitalen Zeiten hat und warum sich das Internet so gut eignet, auch mit unfairen Argumenten durchzukommen.

Ingrid Brodnig, Autorin

Warum aber fallen Menschen überhaupt auf Falschmeldungen rein? Und warum teilen sie diese – manchmal sogar auch dann, wenn sie erkennen, dass eine Meldung nicht wahr ist? Das liege daran, dass man unbewusst Informationen als relevanter und wahrscheinlicher ansieht, wenn sie die eigene Haltung bestätigen. Dies gilt besonders jene, die konservativ eingestellt sind.

Was Menschen lesen, geht in ihr Denken über

Brodnig zitiert Studien, wonach politisch rechtsdenkende Bürger negative Informationen eher für wahr halten und Risiken stärker vertrauen als Menschen, die sich politisch links verorten. So erklärt sich auch, dass unter den zwanzig meist verbreiteten Falschmeldungen während der US-Wahl achtzehn besonders der Trump-Kampagne von Nutzen waren. 

Diese Falschmeldungen funktionieren zum einen, weil sie bestehende Ängste ansprechen. Weil sie sehr emotionalisierend sind und weil sie ja oft das Feindbild oder die Sorgen von Menschen ansprechen, die tatsächlich existieren.

Ingrid Brodnig, Autorin

Fake News, so Brodnig, funktionieren deshalb so gut, weil sie immer wieder wiederholt werden: "Studien zeigen, je öfter ich etwas lese, desto eher halte ich es für wahr, für plausibel. Das heißt, was Menschen lesen, geht in ihr Denken über."

"Ökosystem" aus "alternativen Medien"

Sachkundig und anhand zahlreicher Beispiele analysiert Ingrid Brodnig, wie sich rechte Parteien bei Facebook und Twitter ein eigenes intransparentes "Ökosystem" aus "alternativen Medien" geschaffen haben, mit dem sie ungefiltert ihre Klientel mit (Des)Informationen versorgen. Die Wirkung liege in der großen Reichweite. In Österreich etwa käme kein klassisches Medium an die Zahlen des FPÖ-Chefs mit seinen 590.000 Facebook-Fans heran. 

Weil die Struktur des Internets solch undemokratische Kommunikation unterstütze, fordert die Journalistin klare Regeln. Facebook etwa müsse von der Politik gezwungen werden, die Algorithmen transparent zu machen, nach denen Posts weiterverbreitet werden. Die Politik müsse das einfordern. 

„Ich kann natürlich Transparenzvorschriften machen, dass gewisse Algorithmen, die eine extreme Bedeutung für die Gesellschaft haben, auf gesellschaftliche Nebeneffekte hin untersucht werden sollten", so Brodnig. "Über Transparenz können wir auch schon viel besser die Problematik verstehen lernen." Transparenz sei auch gut, wenn es um das Thema Hasskommentare gehe. "Dass wir zum Beispiel wissen: Wie viele Moderatoren, die deutsch beherrschen, beschäftigt Facebook?"

Ein wichtiges und aufklärerisches Buch

Ich glaube, über Transparenz wird ein Druck auf Anbieter ausgeübt, möglichst gute Lösungen zu finden.

Ingrid Brodnig, Autorin

Außerdem schlägt Brodnig eine staatliche Monitoring-Stelle vor, die  Desinformationen systematisch erfasst. Aber auch den Usern gibt sie Tipps, etwa wie man gekonnt eine Richtigstellung verfasst, um sich effizient gegen Fake News zur Wehr setzen zu können.

Ingrid Brodnig hat ein wichtiges und aufklärerisches Buch geschrieben. Sie stellt sich damit gezielt gegen die gefährlichste Desinformation, die derzeit kursiert: Dass man gegen das politische Spiel mit der Fehlinformation im Netz nichts tun kann.

Angaben zum Buch: Ingrid Brodnig: "Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren"
Brandstätter Verlag
Wien 2017
208 Seiten
19,90 Euro

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 11.08.2017 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2017, 00:00 Uhr

Sachbuch-Empfehlungen

Meer
Bildrechte: Colourbox.de

Das Leben am, im und über dem Meer steckt voller Geschichten über Menschen. Zu seinem 20-jährigen Jubiläum gibt der Mare-Verlag einen prächtigen Bildband heraus. Bernd Schekauski stellt vor.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 29.07.2017 08:15Uhr 04:04 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Meistgelesen bei MDR KULTUR