Litauen
Lyriker, Essayist und Übersetzer Laurynas Katkus in seiner Lieblingsbuchhandlung Eureka! nahe der Uni Vilnius. Bildrechte: Ramūnas Danisevičius

Gastland Litauen Fortsetzung folgt!

Zur Leipziger Buchmesse präsentiert sich die Literaturlandschaft der baltischen Republik Litauen modern und selbstbewusst – ohne die schwierige Geschichte zu vergessen.

von Nils Kahlefendt

Litauen
Lyriker, Essayist und Übersetzer Laurynas Katkus in seiner Lieblingsbuchhandlung Eureka! nahe der Uni Vilnius. Bildrechte: Ramūnas Danisevičius

In der Literaturgeschichte eines Landes sind 15 Jahre eine verhältnismäßig kurze Zeit, vielleicht ein Wimpernschlag. Blickt man auf den komplizierten Prozess der Neu- und Wiederentdeckung der litauischen Literaturlandschaft für den deutschsprachigen Raum, scheinen die Uhren langsamer zu ticken. Fast 15 Jahre ist es her, dass sich Litauen als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2002 mit großen Lettern auf die europäische Literaturlandkarte einschrieb.

Wenn sich der südlichste der drei baltischen Staaten im März 2017 als Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse präsentiert, muss die Geschichte nicht mehr von Anfang an erzählt werden. Man kann an bestehende Netzwerke anknüpfen. Nun, so erklärt Aušrinė Žilinskienė, Direktorin des litauischen Kulturinstituts und Kuratorin des Leipzig-Auftritts, geht es darum, "zu zeigen, wie genau wir anders sind im gemeinsamen Haus Europa".

Differenzierung und Vielfalt

Kirche St. Anna Kirche und Bernhardiner-Kirche und das Denkmal des polnischen Dichters Adam Mickiewicz in Vilnius
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Zu Besuch beim Gast der Leipziger Buchmesse Litauen erlesen

Litauen - Zu Besuch beim Gast der Leipziger Buchmesse

Litauen ist ein Land, das literarisch für viele Deutsche noch Terra incognita ist. In Leipzig zeigt es nun wie es Bücher liebt. Nils Kahlefendt mit einer Reportage.

MDR KULTUR - Das Radio Do 23.03.2017 12:40Uhr 03:21 min

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Während etwa in Deutschland aktuell die Flüchtlingskrise die gesellschaftliche Debatte bestimmt, leidet Litauen unter massiver Migration ins westliche Ausland: Seit der Unabhängigkeitserklärung von 1991 haben fast eine Million Litauer die Heimat verlassen – alarmierend für ein Land mit knapp drei Millionen Einwohnern. Nicht erste literarische Probebohrungen also, sondern Differenzierung und Vielfalt sind angesagt. Als Gastland in Leipzig will sich Litauen, das seit 2004 Mitglied der EU und der NATO ist und seit 2015 zum Schengenraum gehört, als moderner Staat mit 100-jähriger Geschichte präsentieren.

"Litauen. Fortsetzung folgt" lautet konsequenterweise das Motto des Auftritts. 2018 begeht das baltische Land den 100. Jahrestag der Gründung der Republik Litauen. Über 100 Jahre auf dem Weg in die Moderne wird eine eigens für Leipzig vorbereitete Messe-Anthologie berichten: 25 Autorinnen und Autoren beleuchten dort mit ganz individuellem Blick schlaglichtartig Entwicklungen in Kultur, Wirtschaft, Architektur und Wissenschaft.

Bildergalerie Literarisches Litauen

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Vielbeschäftigt: Cornelius Hell, Übersetzer aus dem Litauischen, hatte in den letzten Monaten alle Hände voll zu tun. Bildrechte: Mindaugas Mikulenas
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Vielbeschäftigt: Cornelius Hell, Übersetzer aus dem Litauischen, hatte in den letzten Monaten alle Hände voll zu tun. Bildrechte: Mindaugas Mikulenas
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Exportschlager: Kęstutis Kasparavičius, hier in seinem Atelier in der Altstadt von Vilnius, gilt als berühmtester Kinderbuch-Künstler Litauens. Bildrechte: Nils Kahlefendt
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Reisen in die ferne Nähe: Der in Kanada aufgewachsene Litauer Laimonas Briedis wird zur Messe im Wieser-Verlag eine spannende Kulturgeschichte des west-östlichen, multikulturellen Vilnius vorlegen. Bildrechte: Nils Kahlefendt
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Von der Werbung zur Literatur: Undinė Radzevičiūtė erhielt für ihren letzten Roman "Fische und Drachen" den Literaturpreis der EU. Bildrechte: Mindaugas Mikulenas
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Wie Diogenes: Lyriker, Essayist und Übersetzer Laurynas Katkus in seiner Lieblings-Buchhandlung Eureka! nahe der Uni Vilnius. Bildrechte: Ramūnas Danisevičius
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Schreibeinsamkeit: 40 Kilometer von Vilnius entfernt, in dem Dörfchen Zabarija, hat sich der Lyriker und Essayist Eugenijus Ališanka ein malerisches Holzhaus ausgebaut. Bildrechte: Nils Kahlefendt
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Ein Schluck auf die Poesie: Eugenijus Ališanka, einer der meistübersetzten Dichter Litauens. Bildrechte: Mindaugas Mikulenas
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Magischer Ort: Jonas Valonis und seine Buchhandlung "Mint Vinetu" in Vilnius. Bildrechte: Nils Kahlefendt
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Im Paradies spricht man Litauisch: Buchhandlung "Mint Vinetu" Bildrechte: Nils Kahlefendt
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Hashtag vorm Präsidentenpalast: Die Litauer sind stolz auf ihre für europäische Verhältnisse hohe W-Lan-Dichte. Bildrechte: Nils Kahlefendt
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Die Flagge Litauens
Bildrechte: Colourbox.de

Getrennte Welten rücken zusammen

Mit dem Tod zweier berühmter Schriftsteller – des Lyrikers Bernardas Brazdzionis und des Prosaisten Ricardas Gavelis – ging 2002, im Jahr des Frankfurter Gastauftritts, das 20. Jahrhundert in der litauischen Literatur zu Ende. Ein Jahrhundert, das von Exil, Unterdrückung, von der erzwungenen Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus und mehreren Neuanfängen geprägt war. Seither haben es Jahr für Jahr nur eine Handvoll litauischer Autoren auf den deutschsprachigen Buchmarkt geschafft. Das wird sich 2017 gründlich ändern: 26 Neuerscheinungen werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu entdecken sein. Die Liste der engagierten Verlage reicht von Aufbau bis Wieser, der thematische Zugriff von der Auseinandersetzung mit der litauischen Geschichte bis in die unmittelbare Gegenwart. Zu entdecken gilt es moderne Klassiker der litauischen Literatur, aber auch die "Jungen Wilden".

Keine Kompromisse mit der Macht

Viele litauische Schriftsteller von Rang, die das Inferno des Zweiten Weltkrieges überlebten, gingen in den Westen. Antanas Škėma etwa emigrierte 1949 in die USA; sein berühmter Roman "Das weiße Laken" ("Balta Drobule") ist in Litauen Schullektüre und wird nun von dem auf literarische Wiederentdeckungen spezialisierten Guggolz Verlag zwischen Buchdeckel gebracht. Bei Suhrkamp erscheint 2017 ein neues Buch des in Klaipéda geborenen Lyrikers und Essayisten Tomas Venclova, der Litauen 1977 verließ. Venclova lehrt seither in Yale slawische Literaturen und hat sich mit seinen engen Kontakten zu den Nobelpreisträgern Joseph Brodsky und Czeslaw Milosz in eine übernationale osteuropäische Kultur eingebürgert.

Der 2002 gestorbene Jurgis Kunčinas war in Litauen geblieben: Er studierte Germanistik an der Universität Vilnius, wurde aber 1968 zwangsexmatrikuliert, als er sich weigerte, am obligatorischen Wehrkundeunterricht teilzunehmen. Später arbeitete er als Übersetzer aus dem Deutschen, Erzieher, Transportarbeiter und Krankenpfleger. Sein in den frühen 90er-Jahren erschienener Roman "Tula" ist die autobiografische Geschichte eines jungen Literaten, der keine Kompromisse mit den Mächtigen eingehen will – und ein großartiger Vilnius-Roman, der nun endlich bei Corso zu entdecken sein wird.

Postkommunistische Masern

Mit seinem bewegenden Roman "Mein Name ist Maryte" – der das lange in Vergessenheit geratene Schicksal der ostpreußischen "Wolfskinder" nach dem Einmarsch der Roten Armee aufgreift – hat der 1966 geborene Autor und Regisseur Alvydas Šlepikas bereits zahlreiche deutsche Leser gefunden. Von Šlepikas legt der Mitteldeutsche Verlag den Erzählband "Der Regengott" nach.

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Schriftstellerin Undinė Radzevičiūtė wurde 2015 mit dem Literaturpreis der EU geehrt Bildrechte: Mindaugas Mikulenas

Einen herausgehobenen Platz in der litauischen Gegenwartsliteratur nimmt die 1967 geborene Undinė Radzevičiūtė ein, die nach ihrem Kunststudium in Vilnius zunächst in die Werbung ging und als "Art Director" für Weltkonzerne wie Saatchi & Saatchi und Leo Burnett arbeitete. Nun hat sich der Salzburger Residenz Verlag die Rechte an ihrem bislang besten Roman "Fische und Drachen" gesichert, der 2015 den Literaturpreis der EU gewann. In ihm verwebt Radzevičiūtė kunstvoll zwei Erzählstränge, die uns ins China des 18. Jahrhunderts und den modernen Großstadtalltag von vier Frauen aus drei Generationen führen.

Vom Lyriker und Essayisten Eugenijus Ališanka – einem der meistübersetzten litauischen Gegenwartsautoren, dem wir wunderbare Gedichtbände bei DuMont und Suhrkamp verdanken – erscheint im kleinen Berliner Klak Verlag ein hochspannender autobiografischer Essayband. Der Autor und Übersetzer Laurynas Katkus, der 1995 mit einem Erasmus-Stipendium nach Leipzig kam, hat diesmal ebenfalls ein Essaybändchen im Gepäck: "Moskauer Pelmeni" (Leipziger Literaturverlag) kreist um das schwierige Verhältnis von Litauern und Russen und die "postkommunistischen Masern" in Katkus' Heimat.

Buchmarkt im Umbruch

Dass die Rolle Litauens im zusammenwachsenden Europa im kommenden März in zahlreichen gesellschaftspolitischen Debatten thematisiert werden wird, steht außer Frage. Literaturbegeisterte können aber auch auf gestandene Kinderbuch-Illustratoren wie Kęstutis Kasparavičius treffen – oder sich gleich Anregungen für den nächsten Urlaub holen. Als modernes Kulturreiseland hat Litauen mehr zu bieten als das Thomas-Mann-Kulturzentrum in Nida auf der Kurischen Nehrung. Der litauische Buchmarkt – der sich vom mit der Weltwirtschaftskrise 2008 einhergehenden Einbruch noch nicht vollends erholt hat – erwartet sich einiges vom "Schaufenster" Leipzig. Rund 100 Verlage gibt es, etwa 2.000 Bücher erscheinen pro Jahr. Kleine, unabhängige Verlage wie Kitos Knygos ("Andere Bücher") haben einen schweren Stand gegen Konzerne wie Alma Littera – die größte Verlagsgruppe des Baltikums betreibt zugleich Litauens größte Buchhandels-Kette und einen Buch-Club.

Winnetou reitet weiter

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Jonas Valonis in seiner Buchhandlung "Mint Vinetu" Bildrechte: Nils Kahlefendt

Zu den Indie-Buchhändlern, die trotz Gegenwind neu gestartet sind, gehören die Karl May-Fans der Buchhandlung "Mint Vinetu" in der Altstadt von Vilnius: Gute Musik, starker Kaffee, kostenloses W-Lan, neue und gebrauchte, einheimische und fremdsprachige Bücher, Schallplatten, an den Wänden stimmungsvolle Schwarz-Weiß-Fotos von Leserinnen und Lesern – dieses Bücherparadies könnte so auch in Helsinki, Berlin oder Brooklyn zu finden sein. Selbst die litauische Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė, die in der Altstadt von Vilnius zur Schule ging, brachte schon ein paar ausgelesene Lieblingsbücher mit, um sie gegen neuen Lesestoff einzutauschen.

Die Mietpreise im Herzen der Altstadt klettern, doch noch hält sich "Mint Vinetu" tapfer gegen den Mainstream. "Wenn du in Vilnius eine Bar aufmachst, hast du zwei Jahre, um zu überleben – oder zu scheitern", sagt Gründer Jonas Valonis. "Wir sind jetzt seit sieben Jahren hier."

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch: im Radio:
23.03.2017 12-14 Uhr und 17-19 Uhr
24.03.2017 12-14 Uhr und 17-19 Uhr
25.03.2017 14-16 Uhr
im Fernsehen:
25.03.2017 | Artour-Spezial | 0 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2017, 14:06 Uhr

Claudia Sinnig
Bildrechte: Cordula Giese

MDR FIGARO trifft Claudia Sinnig, Autorin und Übersetzerin aus dem Russischen und Litauischen

Claudia Sinnig, Autorin und Übersetzerin aus dem Russischen und Litauischen

Aufgewachsen in Gotha, studierte sie in Leipzig und Vilnius, war 1990 Mitbegründerin von Litauens erster unzensierter Zeitung. Sie lebt in Berlin und übersetzte u. a. Bücher des litauischen Exilautors Tomas Venclova.

MDR KULTUR | 25.03.2017 | 11:05 Uhr