Pressefotografen bei der Preisverleihung der Leipziger Buchmesse
Große Medienaufmerksamkeit bei der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse. Bildrechte: MDR/ Stephan Flad

Preis der Leipziger Buchmesse 2017 Natascha Wodin gewinnt Leipziger Buchmessepreis

Sie begab sich auf Spurensuche und erzählte die Geschichte ihrer Mutter, die von Nazis nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt wurde: Für "Sie kam aus Mariupol" wurde Natascha Wodin mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Die Schriftstellerin bekam die mit 15.000 Euro dotierte Ehrung in der Kategorie "Belletristik". Weitere Preisträgerinnen sind die Übersetzerin Eva Lüdi Kong und die Sachbuchautorin Barbara Stollberg-Rilinger.

Pressefotografen bei der Preisverleihung der Leipziger Buchmesse
Große Medienaufmerksamkeit bei der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse. Bildrechte: MDR/ Stephan Flad

Der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Belletristik" geht an Natascha Wodin. Die Schriftstellerin wurde für ihr Werk "Sie kam aus Mariupol" (Rowohlt) ausgezeichnet. "Ich wünsche mir, dass möglichst viele vom Ausmaß der Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfahren", sagte sie in einer ersten Reaktion. Mit Wodin gewinnt erstmals seit 2009 eine Frau den Preis. Damals wurde Sibylle Lewitscharoff mit ihrem Roman "Apostoloff" ausgezeichnet.

In ihrer literarischen Biografie "Sie kam aus Mariupol" macht sich die 71-jährige Natascha Wodin auf Spurensuche nach ihrer Mutter, die von Nazis zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde und sich später das Leben nahm. Als junge Frau erlebte sie den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror; als sie starb, waren ihre beiden Töchter gerade vier und zehn Jahre alt.

Buchmessepreisträgerin Natascha Wodin mit Blumenstrauß
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Für "Sie kam aus Mariupol" wurde Natascha Wodin in der Kategorie "Belletristik" mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

MDR KULTUR - Das Radio Do 23.03.2017 17:30Uhr 04:46 min

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Eine persönliche Spurensuche

Natascha Wodin forscht nach ihrer Mutter, die im Zweiten Weltkrieg aus der Ukraine nach Deutschland deportiert wurde. Eine literarische Biographie, die an die Geschichte der Zwangsarbeiter erinnert, und eine persönliche Spurensuche, die dem Verlorenen eine Sprache gibt.

Jury des Leipziger Buchmessepreises

Natascha Wodin wurde in Fürth als Kind ukrainischer Zwangsarbeiter geboren und wuchs in Nachkriegslagern auf. Sie lebt seit 1994 in Berlin. In ihren Büchern, darunter "Einmal lebt ich" und "Erfindung einer Liebe", setzt sie sich vor allem mit den Themen Entwurzelung und Fremdheit auseinander. Für das Manuskript zu der jetzt nominierten Geschichte ihrer Mutter erhielt sie 2015 bereits den Alfred-Döblin-Preis.

Sachbuchpreis für Buch über "Maria Theresia"

Weitere Preisträgerinnen des Preises der Leipziger Buchmesse sind die Übersetzerin Eva Lüdi Kong und die Sachbuchautorin Barbara Stollberg-Rilinger. Damit geht der Leipziger Buchpreis erstmals in allen drei Kategorien an Frauen.

Barbara Stollberg-Rilinger
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Der Buchmessepreis in der Kategorie "Sachbuch/Essayistik" ging an Barbara Stollberg-Rilinger für "Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit".

MDR KULTUR - Das Radio Do 23.03.2017 17:40Uhr 07:20 min

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Den Buchmessepreis in der Kategorie "Sachbuch/Essayistik" bekommt Barbara Stollberg-Rilinger für "Maria Theresia". Die Kaiserin in ihrer Zeit" (C.H. Beck). "Ich bin vollkommen überwältigt", sagte Stollberg-Rilinger auf der Buchmesse. "Ich finde es erstaunlich, dass man sich für das 18. Jahrhundert interessiert, da das ja schon weit weg ist. Aber es gibt auch diesem Buch viele Aktualitätsbezüge." "Ihre Biografie ist bahnbrechend", sagte Jury-Mitglied Alexander Camman.

Stollberg-Rilinger suche nicht die geheime Wurzel, den Generalschlüssel zur Person Maria Theresias, sondern beschreibe stattdessen ihr Leben als Inszenierung, als ernstes Spiel in vielen gleichzeitigen Rollen. "Stollberg-Rilingers Stil ist glänzend, von dezenter Eleganz", so Camman. Sie erkläre das Vergangene, aber gleichzeitig auch den Bezug zur Gegenwart. Die Biografie sei ein Meisterinnenwerk.

Beste Übersetzung: Eva Lüdi Kong

Eva Lüdi Kong-Portrait
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Für den Roman "Die Reise in den Westen" (aus dem Chinesischen) hat Eva Lüdi Kong in der Kategorie "Übersetzung" den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten.

MDR KULTUR - Das Radio Do 23.03.2017 17:20Uhr 06:54 min

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In der Kategorie "Übersetzung" wurde Eva Lüdi Kong für "Die Reise in den Westen" (aus dem Chinesischen, Reclam) ausgezeichnet. "Ich freue mich unheimlich, dass ich dieses Buch, was ich für unheimlich wertvoll halte, diesen Anklang findet und geschätzt wird", so Lüdi Kong in ihrer Dankesrede. "Die Reise in den Westen" gehört zu den populärsten Büchern der chinesischen Literatur. Auf Deutsch hatte es das etwa 400 Jahre alte Werk vor Lüdi Kongs Übersetzung nicht gegeben, sagte Jury-Mitglied Burkhard Müller. Die Übersetzung des Werks habe viele Jahre in Anspruch genommen.

Die übrigen Nominierten

Zu den Nominierten in der Kategorie "Belletristik" gehörten außerdem Brigitte Kronauer mit ihrem Roman "Der Scheik von Aachen" (Klett-Cotta), Anne Weber mit "Kirio" (S. Fischer), Lukas Bärfuss mit seinem Roman "Hagard" (Wallstein Verlag) und Steffen Popp mit seinem Lyrikband "118" (Kookbooks).

Auf die Shortlist in der Kategorie "Sachbuch/Essayistik" hatten es darüber hinaus Leonhard Horowski mit "Das Europa der Könige" (Rowohlt), Klaus Reichert mit "Wolkendienst" (S. Fischer), Jörg Später mit "Siegfried Kracauer" (Suhrkamp) und Volker Weiß mit "Die autoritäre Revolte" (Klett-Cotta) geschafft.

Nominiert in der Kategorie "Übersetzung" waren außerdem: Gabriele Leupold für "Die Baugrube" von Andrej Platonow (aus dem Russischen, Suhrkamp), Petra Strien für "Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda" von Miguel de Cervantes (aus dem Spanischen, Die Andere Bibliothek), Holger Fock und Sabine Müller für "Kompass" von Mathias Énard (aus dem Französischen, Hanser Berlin) und Gregor Hens für "Shark" von Will Self (aus dem Englischen, Hoffmann & Campe).

Große Namen der Literaturszene

Guntram Vesper
Schriftsteller Guntram Vesper Bildrechte: dpa

Zu den Preisträgern der vergangenen Jahre gehören in der Kategorie "Belletristik" unter anderem Guntram Vesper mit "Frohburg" (2016), Saša Stanišić mit "Vor dem Fest" (2014), Wolfgang Herrndorf mit "Sand" (2012) und Clemens Meyer mit "Die Nacht, die Lichter" (2008).

2016 gewann Jürgen Goldstein den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Sachbuch/Essayistik"; in der Kategorie "Übersetzung" ging die Auszeichnung an Brigitte Döbert für ihre Übersetzung von "Die Tutoren" von Bora Ćosić aus dem Serbischen.

Höhepunkt auf der Leipziger Buchmesse

Der Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 verliehen und ist mit insgesamt 60.000 Euro dotiert. Insgesamt wurden 365 Werke aus 106 Verlagen eingereicht. Darüber, wer mit dem Preis ausgezeichnet wird, entschied eine siebenköpfige Jury aus Literaturkritikern und Journalisten. In diesem Jahr gehörten Maike Albath, Alexander Cammann, Meike Feßmann, Kristina Maidt-Zinke, Burkhard Müller, Jutta Person und Gregor Dotzauer zur Jury.

Eine Frau sitzt zwischen vielen Büchern.
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Jutta Person ist Literaturkritikerin und eine der Jurorinnen zum Preis der Leipziger Buchmesse. MDR KULTUR spricht mit ihr über ihre Jury-Arbeit und über die Kunst, gute von schlechten Texten zu unterscheiden.

MDR KULTUR - Das Radio Do 09.03.2017 18:05Uhr 06:46 min

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Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Gespräch | 23.03.2017 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. März 2017, 20:49 Uhr

Mehr zu den Nominierten der Kategorie Belletristik

Kirio von Anne Weber
Bildrechte: MDR/Verlag S.Fischer

Ein mitreißender Roman über das wunderbare Wesen Kirio, das quer durch Frankreich und schließlich in Deutschland wandert.

MDR KULTUR - Das Radio Do 09.03.2017 18:05Uhr 04:11 min

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