Neue Biografie des umstrittenen Philosophen "Nietzsche. Ich bin Dynamit"

Jede Zeit hat ihren Nietzsche. Nach dem Krieg war er als vermeintlicher Vordenker der Nazis in Verruf geraten. Dann aber wurde Nietzsche in den 70er- und 80er Jahren, ausgehend von Intellektuellen in Frankreich und den USA, wiederentdeckt. Und heute gilt er als ein der wichtigsten Vordenker der Postmoderne. Die jetzt vorliegende Biografie von Birgit Lahann und Ute Mahler zeigt ihn als entschiedenen Antirassisten, Antinationalisten und streitbaren Antipoden des Antisemitismus.

von Ralf Eichberg, Leiter des Nietzsche-Dokumentationszentrums Naumburg

Das Buchcover irritiert zunächst. Eine Nietzsche-Büste, verpackt, wie um sie vor Staub zu schützen, wenn man sie gedenkt, auf den Dachboden zu räumen.

Birgit Lahann: Nietzsche. Ich bin Dynamit
Birgit Lahann: "Nietzsche. Ich bin Dynamit" Bildrechte: Dietz Verlag

Der eigentlich heroische Ausdruck ist dadurch gemildert, mit einer Unschärfe überzogen. Doch geht man in den Text, liefert der Band auf nahezu 200 Seiten das Wichtigste, was man über Nietzsche heute wissen muss.

Der Autorin Birgit Lahann und der Fotografin Ute Mahler ist es auf vergleichsweise wenig Seiten gelungen, nicht nur eine Einführung in seine Biografie zu geben, sie verschaffen uns auch Einblicke in die Landschaften seines Lebens und Denkens, die die beiden Autoren selbst bereist haben. Dies allerdings, ohne dem Vollständigkeitswahn zu verfallen. Es gelingen ihnen poetische Einblicke in die Lebensorte dieses Wanderers, die auch durch vorsichtige Inszenierungen auf die jeweiligen Problemlagen seines Philosophierens hinweisen.

Zwischen den Enden

Der Text beginnt und endet mit einem Ende. Zwischen seinem psychischen Zusammenbruch in Turin im Jahre 1889 (ob er den Droschkengaul wirklich umarmt hat, sei einmal dahingestellt) und dem physischen Verschwinden des Philosophen anlässlich seiner Grablegung in Röcken 1900, entwickelt der Text die gesamte Lebens und Denkentwicklung des Philosophen sowie  prägnante Teile seiner oft problematischen Wirkungsgeschichte, die vor allem bis 1945 im deutschen Sprachraum durch das Weimarer Nietzsche-Archiv geprägt wurde.

Friedrich Nietzsche
Bildrechte: IMAGO

Als Protagonistin dieser Entwicklung fungiert auch in dieser Arbeit Nietzsches Schwester Elisabeth. Ob man ihr in dieser Rolle jegliche Schuld beimessen kann und Nietzsche völlig von politischer Mehrdeutigkeit freisprechen kann, ist zu fragen. Der Autorin gelingt es allerdings eindrucksvoll herauszuarbeiten, wie sehr sich Nietzsches Denken von allem unterscheidet, was für die Archiv-Politik und das Weltbild seiner Schwester steht.

Antipode des Antisemitismus

Lahann zeigt Nietzsche zwar nicht als "lupenreinen Demokraten", dafür aber als entschiedenen Antirassisten, Antinationalisten und streitbaren Antipoden des Antisemitismus. Nietzsche, der die Gefahren nationalstaatlicher Verengung sah, wird als Kosmopolit und "guter Europäer" vorgestellt, eine Figur, die er sich erfand und welche seiner Perspektive abendländischer Kulturentwicklung ein Gesicht gab. Reizvoll und klug ausgesucht sind die Kapitelüberschriften sowie die Bildunterschriften. Sie sind sämtlich dem Werk entnommen und reizen zum Nachlesen.

Angaben zum Buch Birgit Lahann: "Nietzsche. Ich bin Dynamit"

Fotos: Ute Mahler
200 Seiten, gebunden, 24,90 Euro
ISBN 978-3-8012-0504-1
Dietz Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 06. Dezember 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Dezember 2017, 09:15 Uhr

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