Hand pflückt roten Apfel vom Baum
Eine "Obstdiebin" spielt die tragende Rolle in Handkes aktuellen Roman Bildrechte: imago/imagebroker

Buchempfehlung Neuer Roman vom Meister der Stille

Peter Handke spaltet die Buchwelt. Seine "Publikumsbeschimpfung" von 1966 brachte ihm den Durchbruch, fortan wurde er ebenso geliebt wie gehasst. Dutzende Romane, Theatertexte, Gedichte und essayistische Einmischungen sind seither erschienen. Einige wurden zum Skandal, andere wurden verfilmt. Ohne Peter Handke, den literarischen Großmeister aus Kärnten, wäre die deutschsprachige Literatur heute eine andere. Zu seinem 75. Geburtstag am 6. Dezember liegt nun sein neuer Roman "Die Obstdiebin" vor.

von Michael Ernst, Autor MDR KULTUR

Hand pflückt roten Apfel vom Baum
Eine "Obstdiebin" spielt die tragende Rolle in Handkes aktuellen Roman Bildrechte: imago/imagebroker


Peter Handkes Sprache ist voller Poesie, wie im Gedicht. Er ist ein Poet auch für die Bühne, selbst im Roman; "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" macht da keine Ausnahme. "Ja, siehe: die Natur, die Große, (...) Ja, das da war mein Eigen." - mit dieser großen Natur, Handkes Garten, beginnt "Die Obstdiebin". Man kann das als Metapher lesen, hier bestellt und erntet der Autor.

Weiter heißt es: "Wie erleichternd dagegen statt 'Werk' und 'Eigentum' das, was 'das Werk der Natur' hieß. Überall in der Gegend war in dem vergangenen Vierteljahrhundert der Grund und Boden aufgegraben, aufgeschüttet, eingeebnet, planiert worden. Einzig ich hatte, so jedenfalls wieder meine Einbildung, den Boden, das Gartenland, in Ruhe gelassen, dank meiner Trägheit oder dank sonst etwas."

Fortführung und Reduktion

Sein als Opus Magnum angekündigter Roman schreibt einerseits bisherige Handke-Romane fort: Fußball spielt eine Rolle, immer wieder taucht die vielbeschriebene Niemandsbucht auf, auch von Raumverdrängern und vom gestrandeten Einbaum ist die Rede. Kenner wissen da natürlich um Querbezüge zur "Angst des Tormanns vorm Elfmeter", zu "Mein Jahr in der Niemandsbucht", zur "Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg".

Peter Handke
Peter Handke Bildrechte: dpa

Andererseits lebt der neue Roman von der absoluten Reduktion. Denn hier sind lediglich drei Tage beschrieben, drei Tage dieser titelgebenden Obstdiebin auf kleinstem Raum in Handkes "Niemandsbucht" rund um Paris. Im Buch schreibt er: "Was sie doch in den drei Tagen ihrer Fahrt ins Landesinnere alles erlebt hatte, und wie jede Stunde dramatisch gewesen war, auch wenn nichts sich ereignete, und wie in jedem Augenblick etwas auf dem Spiel gestanden hatte [...]: seltsam. Oder auch nicht? Nein, seltsam. Bleibend seltsam. Ewig seltsam."

Eigenes Erleben

Es ist, als würde Peter Handke da ein Stück seiner eigenen Geschichte erzählen, die ja stets auch ein Stück Tochter-Geschichte ist. Es gibt kaum eine Handlung, umso mehr wird beobachtet auf dieser Reise, dieser "Einfachen Fahrt", deren Orte ihm bestens vertraut sind. Denn seit 1990 lebt Peter Handke in seiner "Niemandsbucht" in Chaville, quasi am Stadtrand von Paris, und erkundet die Region Île-de-France, meistens per pedes.

Peter Handke ist ein bekennender Geher. Gehend zum Schauen bestellt. Seine "Obstdiebin" durchstreift diese Region. Sie schwärmt darin aus.

War das denn möglich: ein einzelner Mensch, welcher ausschwärmte? Es war möglich. Noch als Mutter, auch als Großmutter würde sie von der Obstdiebszeit träumen.

Peter Handke in "Die Obstdiebin"

Die Obstdiebin ist keine Diebin im herkömmlichen Sinn. Sie ist Obstdiebin insofern, dass sie bei ihrem Unterwegssein gern hier und da nascht. Eine selbstbewusste junge Frau, deren schier endloses Gehen die Suche nach ihrer Mutter ist. Auf diesem Weg, auf dieser Fahrt lässt Handke kaum eine Winzigkeit aus: Was auch immer die junge Frau sieht, was sie fühlt, wem sie begegnet, was sie erinnert - Handke beschreibt noch die kleinsten Details: "Was so ein Obstdieb nicht alles entdecken konnte! Im Lauf des inzwischen Vierteljahrhunderts ihres Lebens hatte sie oft und oft die Orte gewechselt, war aber an ihnen, wenigstens für den einen und dann vielleicht auch noch einen Tag - länger fühlte sie sich nirgends in Sicherheit -, jedesmal heimisch geworden dank ihres Obstdiebestums."

Peter Handke
Peter Handke 1973 auf der Frankfurter Buchmesse Bildrechte: dpa

Dieses Beschreiben ist mit reichlich Gedankensprüngen und Überraschungen garniert. Zufallsbegegnungen der Obstdiebin. Peter Handke, nachweislich ein Meister des Beobachtens, verlangt seiner Leserschaft reichlich Geduld ab bei seinen akribischen Schilderungen. Aber ebenso reichlich belohnt er uns mit anregenden Miniaturen. Mehr denn je ist er ein Meister der Stille.

Von einem dritten Nachbarn kam mir dann zu, der andere habe sich beklagt über mich: er fühle sich belästigt, wenn nicht bedroht von der Stille, die ihm entgegenkomme aus meinem Haus und Garten, eine Art Stillebelästigung, Stilletortur.

Peter Handke in "Die Obstdiebin"

Wer Altersweisheit in diesem Buch erwartet, sieht sich getäuscht. Aber wer einen offenen Sinn für die Poesie im Roman hat, dürfte großen Gefallen an der "Obstdiebin" finden.

Peter Handke, Die Obstdiebin,Cover
Bildrechte: Suhrkamp

Angaben zum Buch Peter Handke "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere"

559 Seiten, gebunden, 34,00 Euro
ISBN: 978-3-518-42757-6
Suhrkamp Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Dezember 2017 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 13:15 Uhr