Die ägyptische Sängerin Dalida (1982)
Dalida (1982) Bildrechte: dpa

Filmkritik "Dalida" "Dalida weint und unsere Augen bleiben trocken"

Mit italienischem Akzent und orientalischem Charme versetzte sie das Nachkriegsfrankreich der fünfziger Jahre ins Träumen. Über 140 Millionen verkaufte Tonträger und eine weltumspannende Karriere machten aus Dalida, der in Ägypten geborenen Sängerin mit italienischen Wurzeln, eine der erfolgreichsten Interpretinnen der Musikgeschichte. Fast genau 30 Jahre nach Dalidas Selbstmord kommt nun ein französischer Film über ihr Leben in die Kinos.

von Jan Seemann, artour

Die ägyptische Sängerin Dalida (1982)
Dalida (1982) Bildrechte: dpa

Kaum eine andere europäische Sängerin war wandelbarer. In den 50ern sang Dalida italienische Folklore, in den 60ern interpretierte sie Chansons der größten französischen Autoren und in den 70ern wurde sie zur Disko-Queen. Doch der Ruhm half nicht gegen ihren Schmerz: "Das Leben ist mir unerträglich geworden", schrieb Dalida in ihrem Abschiedsbrief kurz vor ihrem Suizid 1987.

Bis dahin hatte sie alles erreicht, was sie sich früh vorgenommen hatte. In Frankreich wird sie, die Italienerin, zur Chanson-Ikone. Mit Alain Delon singt sie "Paroles, Paroles", einer von zahllosen Hits. Ihr Bruder Orlando, mit bürgerlichem Namen Bruno Gigliotti, war Dalidas Produzent und engster Vertrauter. Er erinnert sich: 

Dalida wollte schon als Kind erfolgreich sein. Sie sagte immer zu uns: ihr werdet schon sehen, wer ich einmal sein werde.

Orlando, Dalidas Bruder

Kein Selbstwertgefühl

Das Drehbuch zum Film entstand nun auf der Vorlage von Orlandos Memoiren. Gespielt wird Dalida von der 33–jährigen Italienerin Sveva Alviti, die mit dem Film ihr Kinodebüt gibt. "Dalida" erzählt die Geschichte eines kometenhaften Aufstiegs, wie aus Iolanda Gigliotti Dalida wird – eine der erfolgreichsten Sängerinnen der Musikgeschichte.

"Dalida hatte schon seit frühester Kindheit diesen Komplex:  Sie hatte kein Selbstwertgefühl“, sagt Orlando. "Woher das kam? Vielleicht lag es am frühen Verlust unseres Vaters. Dieses Gefühl des Verlassenseins, das hat sie lebenslang begleitet. Deshalb brauchte sie auch das Publikum."

Sie brauchte dieses Gefühl, geliebt zu sein.

Orlando, Dalidas Bruder

Die Männer in Dalidas Leben

Paris Mitte der fünfziger Jahre. Hierhin kommt Iolanda aus Ägypten. Sie will Schauspielerin werden. Nur aus Verlegenheit singt sie und wird zu 'Dalida‘.  Mit exotischem Repertoire verzaubert sie die Franzosen, die bis dahin nur den Realismus der französischen Chansons kennen.

Der Film erzählt davon, konzentriert sich aber vor allem auf die Männer in Dalidas Leben. Da ist Lucien Morisse, ihr Entdecker und erster Ehemann.

Wenn Dalida nicht auf der Bühne stand, wollte sie eine ganz normale, einfache Frau sein. Doch ihre Männer wollten sie immer wie 'Dalida', wie auf der Bühne sehen.

Orlando, Dalidas Bruder

Trauer vor den Augen der Weltöffentlichkeit

Dalida verlässt Lucien Morisse, ihren Entdecker. Dieser nimmt sich das Leben. Einer von vielen Selbstmorden, im Film wie im Leben Dalidas. 1967, beim Schlagerfestival von San Remo, ist Dalida liiert mit dem italienischen Sänger Luigi Tenco. Nach einem missglückten Auftritt bringt dieser sich um. Dalida entdeckt ihren Verlobten im Hotelzimmer.

Dalidas Trauerbewältigung findet vor den Augen der Weltöffentlichkeit statt. Nur einen Monat nach Tenco versucht auch Dalida sich umzubringen. Und überlebt. Doch Selbstmord bleibt ein Thema in ihrem Leben.

Es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen Dalida und ihren Männern. Alle kannten ihren Vater nicht oder hatten ihn früh verloren. Ich glaube, Menschen, die über Selbstmord nachdenken, ziehen sich an.

Orlando, Dalidas Bruder

Figur Dalida bleibt seltsam verschlossen

In den Siebzigern wird aus Dalida Frankreichs erste Disko-Queen. Der Film zeigt fast lückenlos ihren Aufstieg zum Weltstar. Dazu für jede Lebensepisode der passende Dalida-Song. Das alles ist auf der Leinwand nett anzuschauen.

Dennoch: Die Figur Dalida im Film bleibt für den Zuschauer seltsam verschlossen. Das gilt besonders für Szenen der letzten Lebensphase. Ihr Bruder Orlando an ihrer Seite, Dalida über 50, ohne Kinder, in ihrer größten Lebenskrise, als auch die Liebe des Publikums schwindet. 

Kino kann Einblicke geben in die Seele seiner Charaktere. Dieser Film tut es nicht. Dalida weint und unsere Augen bleiben trocken. Mit der spürbaren Verletzlichkeit und Hautlosigkeit der echten Dalida, die ihr Leiden nie versteckte, hat das wenig zu tun.

Filmstart: 10. August 2017

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Fernsehen: artour | 10.08.2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. August 2017, 15:26 Uhr

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