Real Nazis - Werk von Piotr Uklanski
Real Nazis - Werk von Piotr Uklanski auf der Documenta 14 in Kassel. Bildrechte: dpa

Platte Parolen und ein geschmackloser Auschwitz-Vergleich Documenta: Relevante Kunst ist anderswo

Die Documenta gilt als wichtigste Plattform für das, was heute in der aktuellen Kunst passiert. Doch dieses Jahr scheitert sie - an zu viel Agitprop und Moralpredigten. Eine Betrachtung.

von Andreas Höll, MDR KULTUR-Kunstredakteur

Real Nazis - Werk von Piotr Uklanski
Real Nazis - Werk von Piotr Uklanski auf der Documenta 14 in Kassel. Bildrechte: dpa

"Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf" sang 1968 der Politbarde Franz Josef Degenhardt, und ein bisschen fühlt man sich bei der aktuellen Documenta 14 in Kassel daran erinnert. Denn noch nie zuvor gab sich diese Weltkunstschau so agitatorisch und verbalradikal wie dieses Mal, will man doch nichts Geringeres als dem "Neoliberalismus", "Kolonialismus" und ganz generell dem "kapitalistischen System" den Kampf ansagen. Doch die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft weit auseinander.

Kritische Reflexion über kapitalistische Verstrickungen des Kunstbetriebs fehlt

Der erste Widerspruch zeigt sich bereits bei der schlichten Frage, wer diese radikale Gesellschaftskritik finanziert. Ausgerechnet die Volkswagen AG ist der größte Documenta-Sponsor, und dieses Unternehmen verkörpert in Zeiten des Diesel-Skandals wohl kaum die Tugenden eines umweltfreundlichen Mäzenatentums, das über jegliche Zweifel erhaben scheint. Doch gerade bei dieser sich so kompromisslos gebärdenden Weltkunstschau findet sich kein Künstler, der sich etwa mit dem zweifelhaften Gebaren des potentesten Geldgebers auseinandersetzt.

Das war in der jüngeren Kunstgeschichte nicht immer so, denkt man zum Beispiel an den Konzept-Künstler Hans Haacke, der 1971 einen Frontalangriff gegen mächtige Sponsoren des New Yorker Guggenheim-Museums wagte. Unter dem Titel "Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, a Real-time Social System, as of May 1, 1971"  hatte er eine monumentale Foto- und Textdokumentation präsentiert, in der die kriminellen Aktivitäten von bekannten New Yorker Großgrundbesitzern und Immobilienspekulanten aufgeführt waren. Dass auch einige prominente Mäzene des Guggenheim-Museums dazugehörten, konnte jeder von den Schildern ablesen. Der Effekt:  die Museumsleitung sah sich gezwungen, die explosive Ausstellung sechs Wochen vor der Eröffnung abzusagen.

Andreas Höll
MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll Bildrechte: MDR/Hendrik Kirchhof

Solch eine ebenso präzise wie provokante Reflexion über die ökonomischen Grundlagen des heutigen Kunstbetriebs, ein Nachdenken darüber, wie man selbst mit einem Budget von rund 34 Millionen Euro in das so viel gescholtene kapitalistische System verstrickt ist, vermisst man bei dieser hochpolitisierten Documenta schmerzlich.

Kritik an der "Fetischisierung der Flüchtlingskrise" durch die Documenta

Installation des Künstlers G. Galindo aus Wracks von Flüchtlingsbooten von der griechischen Küste
Installation des Künstlers G. Galindo aus Wracks von Flüchtlingsbooten von der griechischen Küste. Bildrechte: dpa

Generell scheinen der Kurator Adam Szymczyk und sein Team gegen Selbstkritik, aber auch Kritik von außen gefeit zu sein. So wurden die heftigen Proteste aus der Athener Kunstszene ignoriert, die in den Vorwürfen gipfelte, die Documenta trete wie eine Kolonialmacht auf und habe mit ihren Millionen die kleine Athen-Biennale plattgemacht. Die Geste der Solidarität mit den krisengeschüttelten Griechen, welche die Documenta im Vorfeld mit großem moralischen Vibrato verkündet hatte, ging sprichwörtlich nach hinten los. Selbst Geflüchtete protestierten in Athen gegen die "Fetischisierung der Flüchtlinge" und die künstlerische Ausbeutung des Themas durch die Documenta.

In Kassel spitzen sich nun die Kontroversen über den ästhetischen Umgang mit der Flüchtlingskrise zu. Nach heftigen Protesten gegen die geplante Performance "Auschwitz on the beach" des italienischen Autors und Aktivisten Franco Bifo Berardi, die vom 24. bis 26. August im Fridericianum gezeigt werden sollte, wurde das Vorhaben am Dienstagabend abgesagt. So wurde im offiziellen Documenta-Text die europäische Migrationspolitik mit dem Massenmord an den Juden verglichen. Berardi bezichtigte die europäischen Regierungen,  dass sie "Konzentrationslager auf ihren eigenen Territorien" errichteten und "ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten" dafür bezahlten, "die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeers zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt."

Martin Sehmisch, der Leiter der Kasseler Informationsstelle Antisemitismus, warf der Documenta daraufhin vor, die nationalsozialistische Judenverfolgung zu relativieren. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Ilana Katz, bezeichnete die Performance als verletzend für die Opfer des Holocaust.

Platte Parolen und fehlende Raffinesse

Skulptur
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Sandra Meyer über die Mammut-Schau "Luther und die Avantgarde" in Wittenberg. Dort setzen sich renommierte Künstler mit der Weltrevolution des Protestantismus auseinander.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 23.08.2017 18:05Uhr 03:30 min

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Kein Zweifel, diese Kritik trifft ins Schwarze und offenbart zugleich die unglaubliche Primitivität der politischen Agitation, wie sie hier betrieben wird: Schwarz-weiß-Denken, die simple Aufteilung der Welt in Gut und Böse prägt vielfach den Diskurs. Und das zeigt sich auch bei jenen großformatigen Installationen, die ewige Wahrheiten propagieren. Wie zum Beispiel ein 16 Meter hoher Obelisk aus Beton, der die Bibel mit dem Jesus-Wort zitiert: "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt." Oder eine Plakat-Serie - ausgerechnet von Hans Haacke - mit der platten Parole "Wir sind (alle) das Volk." Wie bei einem Kirchentag geht es zuvörderst um Demonstrationen der moralischen Rechtschaffenheit, und so wurde Szymczyk auch schon als die "Margot Käßmann des internationalen Kuratorenwesens" verspottet.

Das Kardinalproblem dieser Documenta ist der Überschuss an frommer Gesinnungsethik. Sie mag gut gemeint sein, interessiert sich aber nicht dafür, ob die Werke auch gut gemacht sind. Die grundlegenden Fragen nach Vieldeutigkeit, Hintersinn, ästhetischer Formfindung, Erfindungsreichtum und Raffinesse sind offenbar zweitrangig. Das zeigt sich besonders krass bei den vielen indigenen Volksvertretern, die nach Kassel eingeladen wurden. Ob Künstler aus dem skandinavischen Volk der Samen, die mit Rentierfellen und -schädeln die Geschichte ihrer Unterdrückung durch die Norweger erzählen oder Navajo-Frauen, deren Ausbeutung durch die US-Computerchipindustrie thematisiert wird.

Die Künstler eint, dass sie einer bedrohten Ethnie oder einer diskriminierten Minderheit angehören. Durch die Art und Weise der Präsentation kann indessen der fatale Eindruck enstehen, dass nur Betroffene das Recht haben sollen, über ihr erlittenes Unrecht zu erzählen, seien es transgeschlechtliche Menschen oder Frauenrechtlerinnen aus Indien oder Ureinwohner aus Kanada. Es droht die Gefahr der Abschottung gegen die Außenwelt. Wie man jedoch die gesellschaftliche Isolation überwinden und sich womöglich mit anderen verbünden könnte, um die Politik der Mehrheitsgesellschaft selbst mitzubestimmen – dieser universalistische Ansatz, wie er bei den sozialen Bewegungen der 60er- und 70er-Jahre propagiert wurde, fehlt.

Relevante Gegenwartskunst gibt es woanders

Wer wirklich wissen will, was heute in der Gegenwartskunst passiert, der muss sich in diesem Kunstsommer zum Beispiel den Deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig anschauen. Zu Recht hat Anne Imhof für ihr multimediales Gesamtkunstwerk "Faust" den Goldenen Löwen für den besten Pavillon bekommen, gelingt ihr doch eine ebenso aktuelle wie verstörende Parabel für das 21. Jahrhundert. Diese Arbeit kreist um die Verdinglichung des Körpers in unserer durchtechnisierten Welt, um Gewalt und Ohnmacht, Sexualität und Konsum, und so eröffnet sie neue Perspektiven auf unsere digitalsierte Kultur.

Ähnlich vieldeutige Arbeiten kann man auch bei den Skulptur-Projekten in Münster erleben, die zweifellos den Höhepunkt in diesem "Super-Kunst-Jahr“ der Großausstellungen markieren.  Etwa jene Videoinstallation von Hito Steyerl in dem futuristischen Ambiente der früheren Landesbausparkasse, wo sie, eingebettet in technoide Kunstwerke der 70er-Jahre, eigentümliche Utopien von Mensch und Maschine in der Roboter-Ära entwirft. Nicht zuletzt verkörpern jene Arbeiten die faszinierende Suchbewegung nach einer Ästhetik der Gegenwart und verleiten uns, die gewohnte Welt um uns herum infrage zu stellen. Und wer so die Weltanschauung schärft oder auf den Kopf stellt, der macht ohne Frage gute (und auch: politische) Kunst.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 23.08.2017 | 18:05 Uhr

+ Wie politisch ist die Kunst? - Der Kunsthistoriker Nikolaus Bernau über das Verhältnis von Kunst, Religion und Politik von der Antike bis zur Gegenwart.

+ Kunst als Agitprop und Moralpredigt? - MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll über die Documenta, den Begriff des Politischen und die Qualität der gezeigten Kunst.

+ Wenn zeitgenössische Künstler die Reformation deuten - MDR KULTUR-Redakteurin Sandra Meyer über die Mammut-Schau "Luther und die Avantgarde" in Wittenberg, bei der renommierte Künstler sich mit der Weltrevolution des Protestantismus auseinandersetzen.

+ Ägypten oder: Wenn Kunst Konsequenzen hat - MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll über die Künstlerin Shaima Sobhy, die ihre islamkritische Malerei in Leipzig präsentierte und umgehend von den ägyptischen Kulturbehörden bestraft wurde.

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2017, 18:05 Uhr

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