Axel Hackes neue Gebrauchsanweisung zum Umgang miteinander Was war das nochmal: Anstand?

Als klugen Beobachter und cleveren Psychologe in Erziehungsfragen kennen wir ihn. Jetzt holt der Autor und Kolumnist Axel Hacke in Zeiten galoppierender Verrohung einen leicht angestaubten Begriff aus der Mottenkiste mit den vergessenen Umgangsformen: Anstand! Am 5. November liest er übrigens in Torgau aus seinem Buch.

von Lars Friedrich, MDR KULTUR

"Wir werden Frau Merkel - oder wen auch immer - jagen!" So drohte Alexander Gauland nach der Bundestagswahl. "Unser Land" und "unser Volk" werde man sich zurückholen. Eine Kriegserklärung. Mit AfD, Pegida & Co. zog ein rüde-aggressiver Ton ein in die politische Debatte, der zum Gewaltausbruch auf der Straße geradezu einzuladen scheint. Politiker wurden von Marktplätzen vertrieben, der Kanzlerin und ihrem Vize zeigte man in Dresden bei einem der montäglichen Umzüge den Galgen, noch als Attrappe. Der Kolumnist Axel Hacke sieht die Angst hinter der galoppierenden Verrohung, doch zu tolerieren ist sie deswegen noch lange nicht, findet er:

Teilnehmer der Pegida Demonstration halten einen gebastelten Galgen hoch, an dem Schilder mit der Aufschrift "Reserviert Angela "Mutti" Merkel" und "Reserviert Siegmar "Das Pack" Gabriel" zu sehen sind.
Beim Pegida-Rundgang in Dresden Bildrechte: dpa

Man kann sich doch nicht anschauen, wie ein Galgen durch die Gegend getragen wird. Denn das führt natürlich dazu, dass die Grenze dessen, was man darf oder glaubt zu dürfen, immer weiter hinausgeschoben wird.

Axel Hacke, Buchautor

Einer, für den es keine Grenzen des Anstands zu geben scheint, amtiert als US-Präsident: Donald Trump - ein Name, der mittlerweile ein Synonym für den Tabubruch geworden ist. Doch was bedeutet es eigentlich, dass der fortgesetzt ohne Folgen bleibt?

Das bedeutet, dass eine gewisse Form von Niedertracht offenbar sogar für etwas Positives gehalten wird. Denn sie zeigt: 'Ich bin so stark. Ich kann mich darüber hinwegsetzen! Und diese Stärke, auch diese Lautstärke, wollen die Leute offenbar.

Axel Hacke, Buchautor
Axel Hacke im Porträt
Wie gehen wir im Alltag miteinander um? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch Deutschlands berühmtester Kolumnist will sich nicht mit der Verrohung der Sitten abfinden, die sich etwa darin ausdrückt, dass Menschen nach einem Tritt - einfach so - die U-Bahn-Treppe hinunterstürzen oder in der Bank-Filiale nach einem Zusammenbruch am Boden liegen gelassen werden. In der Politik, im Alltag und insbesondere in den sozialen Netzwerken sieht Hacke den Anstand abhanden gekommen. Deshalb hat er ein Buch geschrieben "Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen".

Der Begriff Anstand hat ja so was Vermufftes und Verstaubtes manchmal. Ich hab' das als Kind auch ein paar Mal zu oft gehört: 'Setz Dich anständig hin!', 'Benimm Dich anständig!' Aber mir geht es nicht so sehr darum, wie man Messer und Gabel hält oder ob man jemanden in den Mantel hilft oder nicht.

Axel Hacke, Buchautor
Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten
Bildrechte: Kunstmann Verlag

Axel Hacke findet, es ist an der Zeit, den Begriff zurückzuholen. Jetzt, wo alles "top" und "flopp" und "aggro" ist; rau, schnell und rücksichtslos. Ums Runterdimmen in Ton, Lautstärke, Wortwahl - auch darum geht es ihm. Deshalb wählte er diesen scheinbar überkommenen Begriff.

Er meint, viele, die sich allzu laut als anständig gerieren sind gerecht - vor allem mit sich selbst. Etwa jener Politikertypus, der auf eigene Rechte pocht, aber die "Wahrheit" oder "demokratische Spielregeln" eigentlich für vernachlässigbare Kategorien hält.

"Jeder ist selbst verantwortlich"

Axel Hacke im Porträt
Anstand hängt nicht vom Stand des anderen ab ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Anstand, sagt Axel Hacke, "hat zunächst mal mit mir selbst zu tun" - auch in den schwierigsten Zeiten. Beim Blick auf die Geschichte fällt Hacke eine Anekdote seines Journalisten-Kollegen Georg Stefan Troller ein, der einst vor den Nazis aus Wien flüchten musste. Troller - mit seinen 95 Jahren inzwischen ein Jahrhundertzeuge - sei mal gefragt worden, ob er sich erinnern könne, wie es damals anfing mit der Juden-Verfolgung. Er habe geantwortet, daran, dass die Gassenjungen ihm als Juden die Mütze wegnahmen, irgendwo in den Baum warfen und niemand ihm half.

Was man schon verstehen muss, ist, dass man nicht nur zuschauen sollte. Sondern, dass man auch sich einmischen muss, und sich engagieren muss. Wir leben in einem demokratischen System, das darauf basiert, dass wir uns auch dafür engagieren.

Axel Hacke, Buchautor
Axel Hacke im Porträt
Anstand bedeutet: eine grundsätzliche Solidarität mit anderen Menschen, sagt Axel Hacke. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hackes kleines, gescheites Buch ist beinahe eine Gebrauchsanweisung für den Alltag, in dem es daran erinnert, was Anstand ist: "Es ist der Respekt vor Anderen, eine grundsätzliche Solidarität mit anderen Menschen." Die zunehmende Verrohung wird nicht von alleine stoppen. Wir müssen dagegen angehen. Uns empören. Engagieren. Anständig sein.                                         

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 19. Oktober 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2017, 22:14 Uhr

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Buchtipp Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Kunstmann Verlag
192 Seiten
ISBN: 978-3-95614-200-0

Axel Hacke im Gespräch

transparent

Gespräch mit Axel Hacke: "Über den Anstand in schwierigen Zeiten" Wie gehen wir miteinander um?

Gespräch mit Haxel Hacke: "Über den Anstand in schwierigen Zeiten"

Der Kolumnist und Autor Axel Hacke sieht die grundlegenden Regeln menschlichen Anstands in Gefahr. Aber was verstehen wir heute unter Anstand? Und was kann der Begriff für jeden einzelnen von uns bedeuten?

MDR KULTUR - Das Radio Di 03.10.2017 07:10Uhr 08:00 min

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