Ein Frau wird gefilmt
Ein Filmdreh und die Spiele um Macht, Lüge und Wahrheit Bildrechte: IMAGO

Buch der Woche | Bernd Schroeder: "Warten auf Goebbels" Filmdreh mit Schlagseite

"Warten auf Goebbels" heißt der neue Roman von Bernd Schroeder. Der 1944 geborene Schriftsteller bewegt sich mit seiner Geschichte auf einem Gebiet, das in den letzten Jahren schon mehrere Autoren fasziniert hat: Die Nationalsozialisten und ihre Kunst, das entscheidend von Joseph Goebbels erdachte Zusammenspiel von Propaganda und Ästhetik, von Filmkunst und völkischer Lehre.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Ein Frau wird gefilmt
Ein Filmdreh und die Spiele um Macht, Lüge und Wahrheit Bildrechte: IMAGO

Bernd Schroeder entwirft in seinem Roman eine zugleich groteske wie auch Goebbels-typische Szenerie: Anfang des Jahres 1945, die militärische Niederlage der Nationalsozialisten ist nicht mehr abzuwenden, wird in einem relativ unversehrten deutschen Dorf eine bittersüße Heimkehrerschmonzette gedreht: Die Deutschen haben den Krieg doch noch gewonnen, die Soldaten kehren aus Russland zurück, zudem wird das letzte Versteck zweier Juden entdeckt. Ein Film, der den Deutschen Mut machen soll, eine Wunderwaffe für die Köpfe sozusagen. 

Bernd Schroeder erzählt recht nüchtern, wie diese kitschige Kriegsgewinner- und Heimkehrergeschichte gedreht wird: Soldat kommt aus dem Krieg zurück auf den heimatlichen Hof, seine Frau aber ist schwanger von einem anderen, der zudem der beste Freund des Kriegsheimkehrers war. Die Enttäuschung ist groß, aber letztlich rückt man wieder zusammen - weil eben im Zeichen des Sieges die deutsche Volksgemeinschaft sich bewährt; man schreitet gemeinsam in die neue Zeit.

Innenansichten

Bernd Schroeder:
Bernd Schroeder: "Warten auf Goebbels" Bildrechte: Hanser Verlag

Dazwischen montiert Bernd Schroeder Zitate aus den Goebbels-Tagebüchern, die ja heute zu den wichtigsten Zeugnissen zum Denken der Nazi-Ideologen gehören. Und es gibt im Roman auch immer wie Zeitungsmeldungen eingestreute Texte, die den Kriegsverlauf des Winters/Frühjahrs 1945, also das unaufhaltsame Vorrücken der Alliierten, noch einmal zusammenfassen. Auch werden von allen Beteiligten, von Kameramann, Produktionsleiter, Regisseur, Maskenbildner, Schauspielern usw. im Kurzdurchlauf die Biografien erzählt - manche sind überzeugte Nazis, manche in einer Art innerem Widerstand. Aber was alle vereint: Sie sind zum Filmdreh abkommandiert und müssen deshalb nicht an die Front. Sie drehen einen Film über den Endsieg, während drumherum alles in Scherben fällt.

Parallelen

Das ist natürlich erstmal eine schöne, wenngleich nicht ganz neue Ausgangsidee. Es sind ja zuletzt mehrere Romane entstanden, in denen es um Goebbels und um seine Filme oder Radiostrategien geht; Marcel Beyer und Christian Kracht haben so etwas geschrieben, aber auch der amerikanische Regisseur Quentin Tarantino, für den diese ganze, maßlos aufgepumpte völkische Bühne zugleich ein perfekter Raum ist, um ein Stück weit der künstlerischen Lust am Skurrilen zu folgen. Dass zum Beispiel hier in diesem Roman ein aus Russland heimgekehrter und angeblich halbverhungerter deutscher Soldat von einem übergewichtigen, viel zu dicken Schauspieler dargestellt wird - das könnte von Tarantino sein!

Doppeltes Spiel

In dem Roman "Warten auf Goebbels" entwickelt der Regisseur des entstehenden Films ein doppeltes Spiel und trickst Goebbels und die Nazis nun seinerseits mit den Mitteln des Films aus: Er bastelt zwar einen Film über den deutschen Endsieg, mischt dabei aber geheime Zeichen hinein, die von der moralischen Schuld der Deutschen erzählen oder einen möglichen anderen Kriegsausgang nahelegen. Der Regisseur hängt also ganz versteckt die weiße Fahne mit ins Bild. Und das ist ziemlich komisch, weil die ohnehin sehr hölzernen Film-Dialoge dann noch holpriger werden - etwa wenn sich ein heimgekehrter Wehrmachtssoldat innerhalb weniger Sätze plötzlich zum nachdenklichen Pazifisten wandelt.

Die Kunst und der Film bieten also Möglichkeiten, bestimmte ideologische Masken abzulegen beziehungsweise miteinander zu vertauschen: Das ist das zentrale Thema dieses Buches. Der Regisseur Eisleben ist ein Künstler, wie es letztlich viele gab in der NS-Zeit - weder Nazi noch Widerstandskämpfer, er hat sich irgendwie arrangiert und sucht nun einen Weg, um den Krieg zu überstehen. Damit er nicht an die Front muss, dreht er für Goebbels diesen Film, um aber bei einer Niederlage nicht zu eng ans NS-System gekettet zu sein, schmuggelt er Botschaften hinein, die eine gewisse Distanz zu den Nazis markieren. Und seine raffinierteste Idee: Er baut eine Szene ein um zwei Juden, die zum Kriegsende noch in diesem Dorf gefunden werden. Und damit es authentisch wirkt, lässt er zwei echte jüdische Schauspieler aus dem KZ  zurückholen, die diese Rollen der Juden nun spielen sollen. So wird Regisseur Eisleben, im Falle einer deutschen Niederlage, jederzeit behaupten können, er habe diese beiden Juden gerettet, indem er ihnen eine Filmrolle gegeben hat.

Das ist plausibel beschrieben und wirkt ziemlich komisch, obwohl ja in der Echtzeit des Romans gerade der Zweite Weltkrieg mit seinen Millionen Toten zu Ende geht. Allerdings hat sich der Autor fast ausschließlich auf diese in der Tat sehr romanträchtige Dramaturgie verlassen - bei den Figuren hingegen hätte er manchmal durchaus ein wenig weiter ausholen können. Die Romanidee wirkt manchmal ein bisschen größer als die konkrete Umsetzung dann im Buch - aber vielleicht ist das auch die künstlerische Methode des Autors Bernd Schroeder: Dass hier ein Film in seiner Entstehung beschrieben wird, der notwendigerweise in sich unstimmig und unfertig sein muss, weil der ausführende Regisseur ihn je nach politischer Wetterlage in diese oder in eine ganz andere Richtung verstanden wissen will!

Angaben zum Buch Bernd Schroeder: "Warten auf Goebbels"
240 Seiten, gebunden
Hanser Verlag
ISBN 9783446254527 (Hardcover)
ISBN 9783446256064 (ePUB-Format)

Über dieses Thema berichtet MDR Kultur auch im: Radio | 18.04.2017 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. April 2017, 09:12 Uhr

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