Tower Bridge im Nebel
Am Schaurigsten ist London im Nebel - erst recht im Viktorianischen Zeitalter Bildrechte: IMAGO

Buch der Woche | Christine Wunnicke: "Katie" Geister im Londoner Nebel

Honig aus der Historie zu ziehen ist eine Spezialdisziplin der Schriftstellerin Christine Wunnicke, die diesmal ins spiritistische London des 19. Jahrhunderts reist. In historischer Faktenlage, kühn und amüsant erzählt, tritt das berühmteste Medium dieser Zeit mit dem Geist einer seit zweihundert Jahren verstorbenen Piratentochter auf. Nebel, Neugier, Femmes fantômes: ein literarisch-geisterhafter Dreiklang.

von Katrin Schumacher

Tower Bridge im Nebel
Am Schaurigsten ist London im Nebel - erst recht im Viktorianischen Zeitalter Bildrechte: IMAGO

Schon der Umschlag des Buches ist eine perfekte Zusammenfassung des Geschehens. Ein Name prangt dort, der sich aus impressionistisch anmutenden Bleistiftstriche heraus formt: "Katie", so schwebt es über den Kulissenschemen von London. Im Nebel hockt die Fantasie, und so geht es hier tatsächlich um Wahrnehmungen, um Eindrücke, die sich mit Hilfe von ein wenig Leuchtphosphor verdichten zu einer Geistererscheinung. Katie, so heißt die Femme fantôme, eine vor zwei Jahrzehnten verstorbene Piratentochter und Seemannsbraut, Gattenmörderin und unruhige Seele, die sich durch die Hilfe der jungen Florence Cook materialisiert.

Viktorianisches Medium

Demonstration de Frederic Antoine Mesmer (Franz Anton Mesmer, 1733-1815)
Das Unheimliche lauert unter dem Wohnzimmertisch und nur ein Medium kann es heraufbeschwören Bildrechte: IMAGO

Man schreibt das Jahr 1872, Florence ist sechzehn, "schmal und zart, mit blassem Teint und einem tragischen Zug um den Mund" - und das berühmteste Medium Londons, das im heimischen Wohnzimmer publikumswirksam spiritistische Sitzungen gibt. Die Kindfrau lässt sich zum Paket verschnüren, in einen Wandschrank pferchen, und, ohne sich von der Stelle bewegen zu können, materialisiert sie vor den sensationslüsternen Londonern Signale aus dem Jenseits.

Doch plötzlich taucht Katie auf, eine walisische Blondine mit abenteuerlicher Biografie, ein "Kind der Sünde", ungetauft und schön und stark, 1653 geboren, zwanzig rasante Jahre später gestorben, seitdem wartend auf das Medium, das ihr den Weg aus dem Totenreich bahnt. Florence ist die Erwählte, und mit ihrer schließlichen Hervorbringung entert Katie einen Lebenden nach dem anderen: schleicht sich in die Betten des Haushalts, spielt mit den Kindern, ärgert die Hausfrau, verführt den Laborassistenten.

Die Natur steckt voller Mysterien

Wieviel echter Spuk und wieviel Budenzauber ist hier im Spiel? Fakt zu dieser Zeit ist: Man ist bereit für den Geist. Selbst die Wissenschaft muss man sich alles andere als spröde in dieser Hinsicht vorstellen. Hatte man doch erst vor etwa knappen dreiviertel  Jahrhundert miterlebt, dass es zwischen Himmel und Erde sehr viel mehr gibt als mit dem menschlichen Auge sichtbar (um 1800 wurden etwa das Infrarot und das Ultraviolett entdeckt, der Magnetismus erforscht, die Elektrizität zum wirkenden Prinzip an Mensch und Tier getestet); und hatte man doch just zu dem Zeitpunkt auch begonnen, die Grenze zwischen Leben und Tod in Frage zu stellen.

Alte Darstellung von Geistererscheinungen während einer Séance
Geistererscheinungen bei einer Séance - die Männer griffen zu den Säbeln, die Frauen waren der Ohnmacht nahe Bildrechte: IMAGO

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Suche nach Signalen aus dem Jenseits längst hippe Gesellschaftsspielerei - wobei auch die Gelehrten, allen voran die Lebenswissenschaftler, Physiker, Chemiker, immer noch süchtig sind nach Entdeckungen. Und wer weiß, vielleicht ist der sagenhafte vierte Aggregatzustand ja ein Strahlen aus dem Geisterreich?

Sie alle tauchen auf: beginnend mit dem alterstörichten Michael Faraday, der unter anderem die Grundgesetze der Elektrolyse aufgestellt hat, William Crookes, der Entdecker des Elements Thallium, und als Statist, dem das Rauchen in der Royal Society verboten wird, kommt selbst Charles Darwin ins Spiel. Im historisch korrekten Setting lässt Christine Wunnicke mit kundigem Witz das Metaphysische einbrechen.

Wenige Worte genügen

over: Christine Wunnicke:
Das Buch ist im Berenberg Verlag erschienen Bildrechte: Berenberg

Die Münchner Schriftstellerin ist eine Meisterin im Aufspüren und literarisieren abseitiger historischer Themen: mal geht’s bei ihr um japanische Fuchsgeister und die Psychoanalyse um 1900, mal um das beginnende Filmgeschäft in Hollywood - und hier also: der Spiritismus im nebligen London um 1870.

Es ist verblüffend, mit welch wenigen Strichen die Autorin Personen und Situationen materialisieren kann.

"Ist jemand anwesend?", rief plötzlich der Student an Crookes Seite. "Eine Präsenz? Eine Wesenheit? Eine Elektrizität?" - und dann, nach einem tiefen Luftholen, laut und gepresst: "Mama?"

Dieses schmale und herrlich schlaue Buch liest sich wie das Kondensat eines Historienromans. Wo Andere Seite um Seite Dekor bräuchten, ist es bei Wunnicke meist nur eine winzige Situation, die eine ganze Biografie auffächert. Am Schluss verschwindet das, was aus dem Londoner Nebel kam wieder im Nebel. Und doch: mit einer letzten gelächelten Nachricht aus dem Jenseits verabschiedet sich der Roman, um im Gedächtnis zu bleiben.

Angaben zum Buch Christine Wunnicke: "Katie"
176 Seiten, gebunden
Berenberg Verlag
ISBN: 9783946334132

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 14.03.2017 | 07:40 Uhr

Literatur bei MDR KULTUR

Tom Drury
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Schrifstellerkollegen wie Jonathan Franzen loben Tom Drurys Romane in den höchsten Tönen. Seit April unterichtet Drury für ein Semester in Leipzig. Tino Dallmann hat ihn getroffen.

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