Der Schriftsteller Christoph Hein posiert am 17.03.2016 auf der Buchmesse in Leipzig (Sachsen). Er stellt sein Buch Glückskind mit Vater vor.
Schriftsteller Christoph Hein Bildrechte: dpa

Buch der Woche | Christoph Hein: "Trutz" "Eine erschütternde Jahrhundertchronik"

Christoph Hein hat einen neuen Roman vorgelegt, und wie im letzten Jahr mit seinem Buch "Glückskind mit Vater" ist es auch diesmal wieder eine das Jahrhundert umspannende Familienchronik. Hein gehört zu den bekanntesten und wichtigsten Autoren seiner Generation. Er wurde 1944 in Schlesien geboren und ist in Bad Düben aufgewachsen. Seine erste Novelle "Der fremde Freund" erschien 1982 in der DDR, es folgten zahlreiche Bücher, Hörspiele und Theaterstücke. Über "Trutz" sprach MDR KULTUR mit Redakteur Rayk Wieland.

Der Schriftsteller Christoph Hein posiert am 17.03.2016 auf der Buchmesse in Leipzig (Sachsen). Er stellt sein Buch Glückskind mit Vater vor.
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MDR KULTUR: Trutz klingt altdeutsch, klingt nach Wagner oder Kleist. Was hat es mit dem Wort auf sich?

Rayk Wieland: Ja, Christoph Hein ist ja bekannt für manchmal eigenwillige Namen seiner Figuren – ich erinnere nur an Willenbrock, den gleichnamigen und auch verfilmten Roman, oder an Weiskern aus "Weiskerns Nachlaß" - jetzt also Trutz, der Name der Hauptfigur, und sie heißt auch noch Rainer mit Vornamen. Aber man muss das nicht überstrapazieren, das ist auch einfach ein bäuerlicher Name, Trutz kommt aus einem Dorf in Vorpommern, und weil er den Hof nicht erben kann vom Vater, das tut nämlich der ältere Bruder, geht er nach Berlin, ins Berlin der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, um dort sein Glück zu suchen.  

Findet er es dort, das Glück?

Buchcover Christoph Hein:
"Das Buch hat einen unwiderstehlichen Erzählsog", sagt Kritiker Rayk Wieland Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Ja und nein. Es ist, wie so oft bei Christoph Hein, ein Glück, das nur ein vorläufiges ist, ein ahnungsloses im Hinblick auf das Unglück, das kommt. Das allererste Glück, das Trutz hat, ist gleich ein Unfall: Er wird in Berlin von einem Auto angefahren, in dem aber eine junge Frau sitzt, eine sowjetische Bürgerin, die in der Kulturabteilung der Botschaft arbeitet und ihm auf die Beine und ins Leben hilft. Sie hat Kontakte, mit ihrer Hilfe wird er Schriftsteller, er schreibt zwei kleine Romane. Und als er aus Berlin fliehen muss, weil die Nazis ihn verfolgen, da besorgt sie ihm in letzter Sekunde ein Visum für Moskau.

Als Deutscher im Moskau der 30er-Jahre – das ist das Paradies der Werktätigen, wie es damals hieß, aber das sind auch die Jahre des Stalin-Kults, der Säuberungen und Denunziationen. Spielt das in dem Buch eine Rolle?

Das ist sein Hauptthema, würde ich sagen. Bei Hein gibt es ja immer wieder die großen historischen Fragen, die aus der Sicht von Randfiguren geschildert werden, von sogenannten kleinen Leuten. Das ist auch bei "Trutz" so, wie nämlich dieser Mann (und wie eigentlich alle Figuren des Buches) seiner Individualität zum Trotz schier zwangsläufig ein Opfer von politischen Entwicklungen werden muss.

Die Erlebnisse der Deutschen in der Sowjetunion, der Linken und Kommunisten, die geflüchtet waren vor dem Krieg – darüber wurde lange geschwiegen, auch in der Literatur. Viele wurden ja deportiert, umgesiedelt und verhaftet. Wie geht Christoph Hein mit dem Thema um?

Sehr klar und schonungslos, was die realen Vorgänge damals betrifft – sehr informativ übrigens auch: Wir erfahren zum Beispiel, was der Hitler-Stalin-Pakt konkret für die deutschen Emigranten in Moskau bedeutete, oder was mit den Spanienkämpfern passierte, die dort im Exil lebten - und mit sehr viel Sympathie und Anteilnahme für seine Figuren. Rainer Trutz, als er nach Moskau kommt, ist ja gerettet, vorerst, aber er ist gekommen, wie Wolf Biermann das mal formuliert hat, "vom Regen in die Jauche". 

Man muss sich das vorstellen: In Berlin ein linker Schriftsteller, er sitzt im Romanischen Café, er geht zu Piscator-Premieren ins Theater, schreibt für die "Weltbühne" – und dann der Schock. Moskau ist sehr arm, es herrscht ein roher Ton. Die Familie wohnt mit Kind in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Und es beginnt, wie Sie sagten, die Zeit der großen Säuberungen. Menschen verschwinden auf Nimmerwiedersehen, Ausländer stehen sowieso unter Generalverdacht, Klassenfeinde zu sein.

Trutz darf dann als Tagelöhner beim Bau der Moskauer Metro mitschuften, in der internationalen Brigade "Karl Marx", alles Hilfsarbeiter, Intellektuelle wie er, die aber verachtet und "Dermowschtschik" genannt werden. Als er sich erkundigt, was das bedeutet, erfährt er: "Das ist ein Schimpfwort, ein Fluch. Eigentlich unübersetzbar. Toilettenputzer, so könnte man vielleicht sagen, aber glaub mir, ein so nettes Wort ist Dermowschtschik nicht. Wenn wir es mit Kloscheißbürste übersetzen, kommen wir dem Sinn ein wenig näher."

Vielleicht können Sie noch sagen, was es mit dem ersten Satz des Buches auf sich hat: "In diesen Roman" – heißt es da – "geriet ich aus Versehen oder vielmehr durch eine Bequemlichkeit." Das klingt sehr beiläufig, nach einer ganz unwichtigen Geschichte, nebensächlicher geht's kaum ...

Der Satz ist eine Finte des Autors, die das Ungeheuerliche, das wir erfahren, noch ungeheuerlicher macht, weil es eben so zufällig, so nebenbei herauskommt. Der Erzähler trifft in unseren Tagen auf einer Veranstaltung des Bundesarchivs, auf der er etwas ganz anderes wollte, einen alten Mann, und der fällt ihm dort auf, weil er in dem Vortrag einer Direktorin zahlreiche Fehler nachweist, und zwar aus dem Gedächtnis. Man kommt ins Gespräch, es stellt sich heraus, der Mann ist ein – schwieriges Wort – Mnemoniker, ein Gedächtniswissenschaftler, Gedächtniskünstler, der alles behält, was er hört und liest, ein lebendes Archiv sozusagen.

Und dieser alte Mann ist der Sohn jenes Rainer Trutz, von dem wir die ganze Zeit hier sprechen. Sein Name ist Maykl, das Buch  ist praktisch die Lebensgeschichte seiner Familie und seiner Freunde, und auch ein bisschen die Geschichte der Mnemonik, der Gedächtniskunst – die, und das ist eine der Pointen des Buches, praktisch vergessen beziehungsweise ausgelöscht worden ist.

Also, die vergessene Kunst der Erinnerung und vergessene Lebensgeschichten aus dem furchtbaren  letzten Jahrhundert, die Gegenstand von Christoph Heins neuem Roman "Trutz" sind. Abschließend: ein lesenswertes Buch?

Unbedingt. Und übrigens unverständlich, dass dieses Werk nicht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Das Buch hat einen unwiderstehlichen Erzählsog, dabei ist es in einer durchaus schmucklosen Sprache geschrieben. Und es ist eine Jahrhundertchronik, eine erschütternde, ich würde sogar sagen, eine entmutigende Chronik des Desasters des letzten Jahrhunderts - die Geschichte von Leuten, deren einziges Glück darin besteht, dass sie nicht früher, sondern erst später umgebracht werden: sei es vom Staat, von Kriminellen oder eben von Zuständen, die man nicht überleben kann. Die eigentlich umsonst gestorben sind. Und wenn sie eins verdient haben, dann, dass man sich heute ihrer erinnert.

Angaben zum Buch Christoph Hein: "Trutz"
erschienen bei Suhrkamp
477 Seiten
25 Euro
ISBN: 978-3-518-42585-5

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 21.03.2017 | 07:10 Uhr

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