Schriftsteller Julian Barnes
Schriftsteller Julian Barnes Bildrechte: IMAGO

Buch der Woche | Julian Barnes "Der Lärm der Zeit" Zerrissenheit eines Staatskomponisten

Der Leser von "Der Lärm der Zeit" muss weder das Werk des Autors Julian Barnes noch das des Protagonisten Dmitri Schostakowitsch kennen, um diesen biographischen Roman über den berühmtesten Sowjetkomponisten mit Gewinn lesen zu können. Die Grundfrage, wie man als Mensch aufrichtig leben und lieben kann, geht schließlich jeden an.

von Rolf-Bernhard Essig

Schriftsteller Julian Barnes
Schriftsteller Julian Barnes Bildrechte: IMAGO

Julian Barnes zeigt uns, wie bei einem herausragenden Künstler wie Schostakowitsch, der als Teenager schon ein Star ist und als hochdekorierter Staatskomponist 1975 stirbt, jeder Anspruch auf Integrität unter einer unerhört grausamen und vollkommen undurchschaubaren Diktatur immer wieder neu scheitert, besonders unter dem Terror Stalins, dem zig Millionen zum Opfer fielen.

Sinfonie aus Lebenslagen

Cover des Buches "Der Lärm der Zeit"
Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Der Engländer komponiert sein Buch wie eine dreisätzige Sinfonie mit einem grotesken szenischen Rahmen. Die einzelnen Teile heißen "Im Flur", "Im Flugzeug" und "Im Auto" und präsentieren den Komponisten in drei Lebenslagen: 1937, als er mit seiner Abholung durch den Geheimdienst rechnet und lieber mit gepacktem Koffer im Flur wartet, um die Familie vielleicht doch heraushalten zu können. 1949, als er im Flugzeug von einer Reise in die USA zurückkehrt, die ein Traum hätte sein können, doch gefährlich und demütigend zugleich verläuft. Schließlich 1972, als er hinter dem Chauffeur im Wagen sitzt, krank, verkannt, verehrt, doch tief verunsichert und unzufrieden.

Was hätte man selbst getan?

Besonders reizvoll an diesem Künstlerroman ist, dass er ganz historisch ist und uns doch auf jeder Seite anspringt mit Fragen. Wie hätte man selbst dem Druck der Verfolgung standgehalten? Hätte man andere verraten? Hätte man seine Überzeugungen konsequent verteidigt oder gekuscht? Ein Credo, hoffnungslos pathetisch, aber berührend gibt es:

Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen? Nur die Musik, die wir in uns tragen – die Musik unseres Seins –, die von einigen in wirkliche Musik verwandelt wird. Und die sich, wenn sie stark und wahr und rein genug ist, um den Lärm der Zeit zu übertönen, im Laufe der Jahrhunderte in das Flüstern der Geschichte verwandelt. Daran hielt er fest.

Die Widersprüche des Charakters

Der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch
Der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch Bildrechte: dpa

Barnes bleibt hier und immer ganz eng an seinem komplizierten Helden, präsentiert ihn in den drei heiklen Situationen durch Selbstreflexionen und Erinnerungen. So lässt sich eine Fülle von Widersprüchlichkeiten in seinem Charakter erkennen: Schwermut, Feigheit und Mut, feine Ironie und plötzliches Aufbegehren im Umgang mit der Macht, ein tiefes Bedürfnis, in Ruhe gelassen zu werden, was im Kommunismus nicht nur für Künstler unmöglich war, schließlich eine große Kraft, Demütigendes auszuhalten, Angst, Terror, weiter zu machen.

Mit diesem Schostakowitsch gelingt Barnes eine großartige Figur, die trotz ihrer Wahrhaftigkeit, die auf gutem Quellen- und Biographiestudium beruht, eine ganz eigenständige Qualität gewinnt, die hinausweist aus der Vergangenheit auf unsere aktuellen Zwangslagen, Zerrissenheiten, Verlogenheiten, nicht nur der Künstler. Die Unmittelbarkeit und schamlose Offenheit der Gedanken ist es, die fesselt, freilich auch die Fülle an Fakten und Details. Höchstens könnte man sich wundern, dass das Technische und Künstlerische des Komponierens selten vorkommt. Da ist ein Dreiklang fast schon ein ungewöhnlicher Fachbegriff.

Klavier im Seemannsbordell

Dafür stellt sich Schostakowitsch die Frage, ob Ironie, Zynismus oder Lüge in der Musik möglich sind, ob man seine Kunst zeitweise verraten und damit schützen könne, ob man darin versteckte Botschaften wenigstens in der Zukunft verstehen wird. Er macht sich kaum Hoffnung darauf. Über die Tatsache, dass er oft und sehr erfolgreich Propaganda- und Filmmusik schreibt, tröstet er sich damit, dass Brahms in einem Seemannsbordell Klavier spielte.

Dieser Künstlerroman ist nicht nur schwere Kost, es gibt auch Leichtes. Beispielsweise nimmt Barnes die Liebe der Russen zu Redensarten und Sprichwörtern produktiv auf. Die zeigen, wie man sich in einer Diktatur wenigstens für die Dauer eines klugen Satzes in einer Art Freiheit befinden konnte. So heißt es einmal:  "Er lügt wie ein Augenzeuge." Und ein ander Mal:

Es gibt nur guten Wodka und sehr guten Wodka, schlechten Wodka gibt es nicht.

Julian Barnes in "Der Lärm der Zeit"

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Roman. Übersetzt von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch. 245 S. 20 Euro.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im ... : Radio | 20.02.2017 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2017, 17:06 Uhr

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