Buch: Ljudmila Ulitzkaja: «Jakobsleiter»
Ljudmila Ulitzkaja:
"Jakobsleiter"
Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Buch der Woche | Ljudmila Ulitzkaja: "Jakobsleiter" "Jakobsleiter" - Extrem sinnlich und unglaublich hart

Mit ihrer 1983 erschienenen Erzählung "Sonetschka" erlangte Ljudmila Ulitzkaja erste Bekanntheit. Seither erwarb sie sich international einen Namen durch Werke wie "Daniel Stein" oder "Das grüne Zelt". Jetzt erschien ihr neuer Roman "Jakobsleiter", in den auch autobiografische Elemente eingeflossen sind.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Buch: Ljudmila Ulitzkaja: «Jakobsleiter»
Ljudmila Ulitzkaja:
"Jakobsleiter"
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Ljudmila Ulitzkaja benutzt für ihren Roman die biblische Traumvision von der Jakobsleiter, die Himmel und Erde verbindet, als Symbol für die Generationen einer russischen Familie namens Ossetzki, die, wie auf einem Zeitstrahl, immerzu weiter nach oben klettern müssen.

Es ist eine Leiter der Erkenntnis, der Erweiterung des Horizonts, ob wir dies wollen oder nicht. Wir alle stehen auf dieser riesigen Leiter, hinter uns stehen unsere Vorfahren, vor uns unsere Nachkommen.

Ljudmila Ulitzkaja

Diese Familie Ossetzki hat zur Hälfte jüdische Wurzeln.

Die 1890 geborene Maria Ossetzkaja stammt aus einer alten Uhrmacherdynastie, die 1905 in Kiew fast einem Pogrom von Antisemiten zum Opfer fiel. Sie wendet sich früh von den Traditionen ihrer Sippe ab und bezeichnet sich als "parteilose Bolschewikin". 1911 lernt sie bei einem von Sergej Rachmaninov dirigierten Konzert den talentierten russischen Ökonomen Jakow Ossetzki kennen. Zwischen ihnen entspinnt sich eine leidenschaftliche Romanze. Die beiden heiraten und passen scheinbar ideal zueinander. Sie arbeitet glücklich als Tänzerin, er hat Erfolg als Statistiker.

Als 1917 die Oktoberrevolution ausbricht, beginnen die Konflikte zwischen den Eheleuten. Während Maria das kommunistische System bewundert, blickt der Wirtschaftsexperte Jakow skeptisch auf die Entwicklungen der Gesellschaft. Irgendwie rauft sich das Paar immer wieder zusammen, auch wenn es in der Beziehung heftig kriselt.

Opfer von Stalins Säuberungen

Aber 1931 kracht das Leben der Ossetzkis urplötzlich aus den Fugen. Jakow Ossetzki gerät im Zuge von Stalins sogenannten Säuberungen in Haft und wird wegen vermeintlicher Sabotage angeklagt. Die Richter verbieten ihm den Aufenthalt in zwölf großen Städten der UdSSR und versetzen ihn zwangsweise in die Stalingrader Traktorenfabrik.

Gerade als er hofft, dort seine Strafe abgebüßt zu haben, arrestiert man ihn erneut und steckt ihn für sechs Monate ins Untersuchungsgefängnis. Eine Sonderkommission der Geheimpolizei verurteilt ihn zu drei Jahren Verbannung, die er in Bijsk im Südwesten Sibiriens durchleidet.

Verrat in der Familie

Das Erschütterndste an seinem Schicksal, das er mit 18 Millionen Russen teilt, ist der Umstand, dass sein Sohn Genrich sich in dieser Situation von ihm abwendet.

die russische Schriftstellerin und Kremlkritikerin Ljudmila Ulitzkaja
Die russische Schriftstellerin und Kremlkritikerin Ljudmila Ulitzkaja Bildrechte: dpa

Der Halbwüchsige erklärt den Vater kurzerhand zum Volksfeind: "Ein Schädling. Ich wusste es!" Nur ein Mal begegnet Jakow seinem Sprössling noch, und zwar nach einem weiteren Aufenthalt im Gulag, der ihn körperlich so zermürbt, dass er kurz nach seiner Rückkehr aus dem Lager an einem Herzinfarkt stirbt. Zum Glück bleibt es ihm erspart, zu erfahren, dass Genrich ihn nicht nur hasst, sondern ihn auch bei der Staatssicherheit anschwärzte, und zwar mit den Worten: "Meine politischen Überzeugungen stehen über meinen verwandtschaftlichen Gefühlen." Mindestens ebenso tragisch ist der Fakt, dass Maria sich von Jakow heimlich während seiner Verschleppung scheiden lässt, um Repressalien zu entrinnen.

Einfließende Lebenserfahrungen der Autorin

Viele der dramatischen Ereignisse, die Ljudmila Ulitzkaja hier schildert, beruhen auf ihrer eigenen, bewegten Familiengeschichte. Man hat es zum Teil mit einem autobiografischen Roman zu tun. Die Autorin streut Briefe in den Text ein, die von ihren Großeltern stammen. Sie entdeckte diese rund 500 Briefe im Nachlass ihrer Großmutter, mit der sie sich wegen politischer Differenzen so heftig zerstritt, dass sie über viele Jahre den Kontakt zu ihr abbrach. Lange zögerte sie die Lektüre der Botschaften hinaus, weil sie fürchtete, unangenehme Dinge über ihre Angehörigen zu erfahren:

Die Wahrheit über sich selbst, über die eigene Familie, die eigenen Zeitgenossen und Vorfahren ist manchmal schwer zu ertragen. Man möchte dieses Wissen aus dem Gedächtnis streichen, möchte bewusst darauf verzichten, um sich die Gegenwart nicht zu verdüstern. Auch ich bin solchem 'unbequemen' Wissen lange ausgewichen.

Ljudmila Ulitzkaja

Später versuchte Ulitzkaja, aus dem Material die Lebensläufe ihrer Großeltern zu rekonstruieren, scheiterte aber an einer Menge von Lücken, die sich wegen verschollener Papiere nicht schließen ließen. Deshalb entschied sie sich, keinen klassischen Dokumentar-Roman zu verfassen. Sie übernahm einige der geerbten Briefe im Original, andere veränderte sie inhaltlich geschickt, manche erfand sie sogar gänzlich neu.

Man darf also nur bedingt von einem autobiografischen Roman reden, auch wenn absolut klar ist, dass Jakow Ossetzki mit Jakow Ulitzki - dem Großvater von Ljudmila Ulitzkaja - identisch ist. Dass es sich bei Jakow Ossetzkis Enkelin Nora, die das aufwühlende, verstörende und fesselnde Geschehen als kluge Chronistin bündelt, um ein Konterfei der Autorin handelt, bleibt dem Leser ebenfalls nicht lange verborgen. Trotzdem legt die Schriftstellerin geschickte eine Reihe von falschen Fährten, auf die man hereinfällt, weil sie brillant arrangiert sind.

Eine gesunde Prise Wissenschaftlichkeit

Wie schon in anderen Büchern greift die Autorin auch in "Jakobsleiter" wissenschaftliche Themen auf, und zwar auf ebenso leidenschaftliche wie populäre Art. Sie fachsimpelt viel über Religion, Ideologie, Musik und Soziologie. Das verwundert nicht, denn Jakow Ossetzkis reales Vorbild Jakow Ulitzki verfügte über enorme Kenntnisse. Ljudmila Ulitzkaja sagt über ihn: "Er war ein hervorragender Wirtschaftswissenschaftler und zugleich Musiker, er beherrschte mehrere Fremdsprachen, war bewandert in Philosophie und Geschichte." Deshalb finden sich in ihrem neuen Roman auch viele sehr interessante Betrachtungen über Probleme aus universellen Bereichen des Denkens.

Dennoch bekommt man es hier nicht mit einem intellektuellen, sondern mit einem extrem sinnlichen Roman zu tun. Manchmal quellen die Emotionen bei der Autorin geradezu über. Unter dem Strich fasziniert und schockiert ihr Buch wegen der unglaublichen Härten, durch die sich die Figuren quälen. Die Lektüreeindrücke graben sich garantiert tief ins Bewusstsein ein.


Angaben zum Buch Ljudmila Ulitzkaja: "Jakobsleiter"
Übersetzung aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt.
Carl Hanser Verlag
640 Seiten, gebunden, 26 Euro
Print: ISBN 9783446256538
E-Book: ISBN 9783446257726 (ePUB)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 29. August 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2017, 09:07 Uhr

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