Buch der Woche | Lukas Bärfuss: "Hagard" Im Bann der Ballerinas

Ein Roman des Zwielichts und der multiplen Geschwindigkeiten: Lukas Bärfuss‘ Stalking-Geschichte ist genauso Traum wie Alptraum, genauso Rausch wie Meditation. Mit "Hagard" erweist sich der Schweizer Schriftsteller als meisterlicher Ergründer der erzählerischen Zeugenschaft. Er versucht, einen Erzähler gegen seine Geschichte verlieren zu lassen - und positioniert sich damit als seriösester Anwärter auf den Preis der Leipziger Buchmesse.

von Katrin Schumacher

"Am Anfang dieser Geschichte", so beichtet der Erzähler das ihm peinliche Detail, "steht ein Paar Damenschuhe." Es sind weder Manolos noch Moonboots, es sind schlicht pflaumenblaue, aus Kalbsleder gefertigte und denkbar züchtige Ballerinas, die den Protagonisten buchstäblich in Gang setzen. Philip, ein gut angezogener alleinstehender Vater und Immobilienmakler mit urbanem Habitus, Ende vierzig und von etwas schwerer Gestalt, gerät an einem Vorfrühlingstag in den Bann der Ballerinas.

Verlust aus Spiel

Es ist der elfte März 2014, genau datiert durch die immer wieder zitierten Breaking News eines mysteriösen Parallelgeschehens, dem verschwundenen Flug 370 der Malaysian Airlines in diesen Tagen. Wir sind in einer nicht genannten aber diffus als Zürich ausgewiesenen Stadt, und zunächst scheint es eine Laune, ein Spiel: Philip folgt den Schuhen und der in ihnen steckenden weiblichen Gestalt in den feierabendlichen Pendlerschwarm. Durch die Stadt, in einen Vorort, in eine Neubausiedlung, unter den Balkon ihrer Wohnung. Dabei vergisst er sukzessive seine beruflichen Termine, seine Assistentin, seinen kleinen Sohn, den Akku seines Smartphones. Er übernachtet in seinem Auto, folgt am nächsten Vormittag der Frau auf dem Rückweg in die Stadt, und verliert weiteres: sein Geld, einen Schuh, sein vor zwölf Stunden noch gepflegteres Äußeres. Wobei sich mit dem Verlust der konventionellen Attribute seine Sinne schärfen, und er beginnt, den lemminghaften Charakter der Arbeitnehmerströme zu hinterfragen, durch die er der Frau hinterhersteigt.

Sukzessive wird hier die Umkehrfrage zu Philips unverständlicher Obsession provoziert: Ist es nicht genauso absurd obsessiv, sich durch elektronische Kästchen und Outlook-Kalender leiten zu lassen denn durch kalbslederne Ballerinas? Die Geschichte findet ein ebenso opakes Ende wie sie begonnen hat, die Farbe wechselt, aus pflaumenblau wird rot, die durch die Haut schimmernde Vene wird zur geöffneten Arterie, und natürlich ist es Philip, der in allerletzter Konsequenz noch sein Blut verliert.

Wild wuchernde Novelle

Was passiert, wenn ein Protagonist sich absentiert, wenn er der Welt abhandenkommt in einer Bewegung, die selbst ein gut informierte Erzähler einer Geschichte nicht fassen kann, das hat Lukas Bärfuss schon mehrfach buchstabiert, zuletzt in dem biografisch motivierten Roman "Koala", in dem der Autor dem Freitod des eigenen Bruders hinterher schrieb.

Um Philips mysteriösen Sog in den Selbstverlust sind weitere Biografien gelagert: die seiner Assistentin, die just den entscheidenden Anruf Philips von einem Festnetztelefon verpasst, weil sie eine französische Mittagspause mit ihrem Liebhaber einlegt. Die eines japanischen Forschers, der sich kurz vor seiner Hochzeit das Leben nimmt. Die des Taxifahrers, der Philip schlussendlich zusammenschlägt. All diese Personen sind mit schnellen präzisen Strichen aufs Blatt geworfen, wirken wie detaillierte Zeichnungen rund um das nebulöse Ölgemälde im Zentrum, das Philip zeigt, eine Figur mit so deutlich undeutlichem Gesicht wie auf einem Bild Francis Bacons. Überhaupt, es scheinen sich in dieser wild wuchernden Novelle permanent Türen zu öffnen in eine Erklärung des Geschehens.

Venus aus dem Jenseits

Diese Türen führen in die Kunst- und Literaturgeschichte, in die Psychologiehistorie, zwei Beispiele: Ein Zwischenstop in einem Pelzgeschäft lädt die geheimnisvolle Szene Richtung Jahrhundertschwelle auf, sofort kommen Leopold von Sacher-Masochs Venus im Pelz oder mehr noch die kleinen Dienstleisterinnen aus Arthur Schnitzlers Novellen in den Sinn, die, genau wie Frau in den Ballerinas unerklärliche Sehnsüchte in den Protagonisten wecken. Gibt es doch eine konsistente psychologische Deutung des Geschehens? Und: In welch großen Erzählungen der Literatur haben nicht schon Schuhe eine Rolle gespielt. Die roten Schuhe der Dorothy aus dem "Zauberer von Oz", die tippelnden Seidenpantoffeln des Chinesengeistes auf Effi Briests Dachboden, oder die zertanzten Schuhe in den Hausmärchen der Brüder Grimm. Liegt das Geheimnis im literarhistorischen Getrappel aus dem Jenseits?

Zwischen Falke und Verstörung

Nicht einmal der Titel ist Erlösung aus der Ungewissheit. "Hagard", dieses Wort kommt nicht vor im Text, ist es nun Adjektiv oder Eigenname, man weiß es nicht. Französisch prononciert bedeutet es einen Zustand der Verstörung, der Angst, der Wildheit. Im Englischen bezeichnet es eher einen Erschöpfungszustand. Und schaut man in die alte Jägersprache, so ist damit ein Falke gemeint, der nicht zu zähmen ist. All diese Deutungen passen zum Geschehen um Philip, keine ist eine Erklärung. Zu viele Bälle bekommt man zugeworfen, fangen lassen sich einige, das Jonglieren soll aber weder Leserin noch Erzähler gelingen. Und hier genau liegt denn auch die Tiefe dieser Stalking-Geschichte, die sich als Reflexion über das literarische Erzählen erweist.

Sinnlich, durchtrieben, monströs

Er sei Zeuge von Geschehnissen, behauptet der Erzähler ganz zu Anfang, und seine Obsession sei es, sie so wahrhaftig und ungeschönt wiederzugeben, wie sie sich zugetragen haben. Ohne etwas auszuschmücken, ohne etwas wegzulassen, ein Zeuge eben zu sein, der in ein Geschehen führt ohne es zu interpretieren. Aber was ist das, ein Erzähler, der sich selbst das Erzählen abspricht? Sich der Interpretation verweigert, sich dem Aufzeichnen der Fakten verschreibt und sich eben der Disziplin der Literatur (der Verfertigung der Geschichte beim Schreiben) als unfähig darstellt? Der Erzähler als Zeuge, ratlos und etwas haltlos, bar der ganzen Geschichte: Eine rasche und etwas atemlose Meditation (wenn es so etwas geben kann, aber ja, dann hat sie Lukas Bärfuss eben grade erfunden) steht am Beginn dieser wunderlichen Novelle. Schnell wird deutlich, dass hier ein Autor versucht, einen Erzähler willentlich gegen seine Geschichte verlieren zu lassen. Doch dieser Zeuge, den Bärfuss statt eines Erzählers auffährt, scheitert von Anfang an an seiner Zeugenschaft. Denn er führt in eine durchtriebene und detailversessene, sinnliche und monströse Geschichte - eben doch kein Protokoll, sondern ein Stück feinste und mitreißende Literatur.

Termine: Sonnabend, 25.03.2017 | 12:30 Uhr | MDR KULTUR Bühne in der Glashalle, Stand 17
Sonnabend, 25.03.2017 | 15:30 Uhr | ARD Forum, Halle 3, Stand B400

Lukas Bärfuss:
Bildrechte: Wallstein Verlag

Angaben zum Buch Lukas Bärfuss: "Hagard"
174 Seiten, gebunden
Wallstein Verlag, 2017
ISBN: 978-3-8353-1840-3
19,90 Euro

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 28.02.2017 | 7:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. März 2017, 10:04 Uhr

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