Max Ernst, 1933
Max Ernst (1891-1976), Aufnahme von 1933 Bildrechte: dpa

Buch der Woche | Markus Orths: "Max" Über den Surrealisten Max Ernst und die Liebe

Der deutsche Schriftsteller Markus Orths hat schon in seinen früheren Romanen bewiesen, dass er mit großem sprachlichen Geschick Charaktere und Zeitläufe erzählen und poetisch ausleuchten kann. In seinem neuen Roman "Max" widmet er sich nun Max Ernst – einem der großen Erneuerer der Bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Max Ernst, 1933
Max Ernst (1891-1976), Aufnahme von 1933 Bildrechte: dpa

In vielen Anekdoten und klug verschränkten Handlungssträngen trifft der Leser in diesem Buch auf die vielen Akteure dieser bahnbrechenden Kunst – Jahre mit Dada und Surrealismus in Deutschland und Frankreich, mit Max Ernst und André Breton, mit Paul Eluard, Hans Arp, Marcel Duchamp oder Meret Oppenheim. Wer sich für die gewaltigen künstlerischen Aufbrüche des 20. Jahrhunderts interessiert und auch für die dazugehörigen Lebensmodelle – wenig Geld plus ungebändigtes erotisches Flimmern plus überbordende künstlerische Gestaltungslust –, der wird mit diesem Roman glücklich werden.

Das Leben des Max Ernst unterteilt in Frauen-Beziehungen

Markus Orths hat eine Roman-Biografie geschrieben, die sich mit großer Erzähllust in dieses an vielen Stellen so rasante und auch grauenhafte 20. Jahrhundert hineinbohrt. Der Autor hat dafür eine schöne und sinnfällige eigene Struktur gefunden: Er unterteilt das Leben des Max Ernst in Etappen, die jeweils den Beziehungen zu den sechs wichtigsten Frauen seines Lebens entsprechen. Und so verzahnen sich künstlerische und gesellschaftliche Bewegungen mit Liebesgeschichten.

Wir sehen den jungen Max Ernst, der gerade zum Künstler wird und mit 23 Jahren in den Ersten Weltkrieg muss. Er heiratet seine erste Frau Lou und bekommt mit ihr einen Sohn. Und doch verlässt er die beiden, weil er mit Gala und Paul Eluard in einer Dreierbeziehung in Paris leben will. Von Lou über Gala zieht Max Ernst weiter zu den nächsten Frauen, vom Dadaismus weiter zum Surrealismus und von der Malerei zu immer neuen Materialien und Formen. Letztlich, auch das ist im Roman schön beschrieben, war das wichtigste Prinzip des Max Ernst die immerwährende Neugier. Nie darf der Künstler am Anfang des Werks schon wissen, was am Ende herauskommen soll – und das gilt auch für das Leben.

Die Frau, die Salvador Dalì berühmt machte

Seine Geliebten waren für Max Ernst immer auch seine Seelenverwandten – und die Liebe ein Zustand des Außer-Sich-Seins, der absoluten körperlichen und geistigen Verschmelzung. Es waren sehr verschiedene Frauen, mit denen Ernst zusammenlebte und die diesen Roman zum Leuchten bringen: Leonora Carrington etwa, die mit ihren magischen Bildern selbst berühmt wurde; Gala Eluard, die sich nach Paul Eluard und Max Ernst schließlich für Salvador Dalì entschied und – so ist es im Roman geschildert – als geniale Managerin ihren Mann zum Kunst-Star machte.

Schließlich Lou, die erste Frau von Ernst, die wahrscheinlich die am wenigsten extravagante im Leben des Künstlers war. Sie aber hat es geschafft, neben dem sprach- und bildwütigen Ernst ihr ganz eigenes Feld zu bestellen und sich im männerdominierten Kunstbetrieb des frühen 20. Jahrhunderts als Kunstwissenschaftlerin durchzusetzen. Zugleich ist ihr Schicksal das traurigste dieses Romans: Während es Ernst und viele seiner Mitstreiter schaffen, das nationalsozialistische Deutschland rechtzeitig zu verlassen, stirbt die Jüdin Lou Straus-Ernst in Auschwitz.

Klare Lese-Empfehlung

Markus Orths' Roman ist ein echtes Lesevergnügen: Vielfarbig, kunstgeschichtlich versiert und doch fantasievoll weitergesponnen. Raffiniert lässt Orths in Beschreibungen und Dialogen die Sprechweise der Dadaisten oder Surrealisten einfließen, etwa in traumartigen Protokollen oder bei den Auftritten des Dichters Hans Arp, der unentwegt Wortspiele und absichtliche Versprecher produziert. Zusammengefasst: Bilder sind zum Angucken da – aber über die, welche die Maler geschaffen haben, lassen sich wunderbare Romane schreiben!

Angaben zum Buch Markus Orths: "Max"
576 Seiten, Hanser Verlag
Fester Einband, 24 Euro
ISBN 978-3-446-25649-1
ePUB-Format, 18 Euro
ISBN 978-3-446-25767-2

Wald und Sonne/Sonnenuntergang von Max Ernst
Wald und Sonne/Sonnenuntergang von Max Ernst Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Oktober 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2017, 15:02 Uhr

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