Schriftsteller Navid Kermani
Schriftsteller Navid Kermani wurde 2015 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Bildrechte: dpa

Buch der Woche | Navid Kermani: "Sozusagen Paris" Liebevolles Staunen

In seinem neuen Buch knüpft Navid Kermani an seinen erfolgreichen Roman "Große Liebe" an. Dreißig Jahre später trifft der junge Mann die damalige Schulhofschönheit wieder und es entspinnt sich ein liebevoller Diskurs um Ehe, Alltag, Weltrettungsenthusiasmus und Kommunalpolitik. Zwischen Proust und Tantra: Die Erzählung einer Nacht führt in das Leben einer nicht mehr jungen Frau, flankiert vom Liebesdiskurs der französischen Literatur.

von Katrin Schumacher

Schriftsteller Navid Kermani
Schriftsteller Navid Kermani wurde 2015 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Bildrechte: dpa

Bei dem Philosophen Roland Barthes heißt es das "punctum", dieses Detail auf einer Fotografie, das alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, das die Wahrnehmung punktiert, das einen Stich versetzt, das sich in Erleben und Gedächtnis brennt. Juttas Zahnlücke ist solch ein "punctum" für den Erzähler, jenes Detail, das schon in Kermanis Roman "Große Liebe" zur Fantasie führt, er wolle gerne hindurchschlüpfen. Auch im neuen Roman, der an den vor zwei Jahren erschienenen Liebesroman um den jungen Mann und die Schulhofschönheit anknüpft, ist es Juttas Zahnlücke, die gewissermaßen eine Schlüssellochrolle spielt. Wie genau, darf eines erzählerischen Kunststücks wegen hier leider nicht ganz verraten werden.

Die Wiederbegegnung mit der Schulschönheit

Doch der Reihe nach. Vorm Signiertisch des Ich-Erzählers, der grade eine Lesung in der Provinz absolviert hat, steht zu Beginn des Romans eine Frau, die bittet: "Aber nicht für Jutta." Es dauert ein wenig, bis der Schriftsteller bemerkt, dass dort vor ihm genau das Mädchen steht, das er zur real-fiktiven Protagonistin seines Romans gemacht hat. Die Schönheit aus der Raucherecke, drei Jahrzehnte später, nun Bürgermeisterin des kleinen Städtchens, Mutter von drei Kindern, verheiratet mit einem Arzt und gewillt ihn mit in die Nacht zu nehmen. Nach einem Essen im Kreise der Kommunalpolitiker und Lokalprominenzen landet er im Juttaschen Wohnzimmer zwischen Kinderkram und Chipstüten. Wo sich Seite um Seite ein Leben aufblättert, nämlich das der jungen Frau, die in südamerikanischen Slums gerne die Welt gerettet hätte, dort einen ebenso enthusiastischen jungen Arzt geheiratet hat, nun mit ihrer kleinen Familie in einem durchorganisierten Leben als Bürgermeisterin sitzt und ihre kleinen Sensationen im Nebenjob als Tantralehrerin sucht.

"Das ruhige Dasein hatte sie frisch erhalten wie einen Winterapfel im verschlossenen Schrank“

Buchcover: Navid Kermani -
Bildrechte: Hanser Literaturverlage

"Das ruhige Dasein hatte sie frisch erhalten wie einen Winterapfel im verschlossenen Schrank“, zitiert der Ich-Erzähler aus einer Erzählung von Guy de Maupassant. Und nachdem er bereits Marcel Proust als Referenten herangezogen hat, legt er nach ein paar Seiten seinen Plan offen, aus der französischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein literarisch-theoretisches Gerüst für den Roman unter die nächtliche Redekur zu bauen. Und tatsächlich findet sich zu Beginn eine klassischen Situation, die bei Maupassant, Flaubert, Balzac, Zola, Proust zu finden wäre: kommt ein Künstler (hier Dichter) in die Provinz und wird der etwas ennuierten (Arzt-, respektive Lehrers-, respektive Bürgermeister-)Gattin zur Verhängnis. Dass hier im Verlauf dieses Roman kein Verhängnis und nicht einmal ein Verhältnis dräut, stellt der Ich-Erzähler schnell klar. Dass es aber doch um die eine Sache und ihre Spielweisen geht, um das Verhältnis von Ekstase, Empfindsamkeit und Ehe, lässt schon der Fortsetzungsstatus des Romans ahnen. Denn schon in "Große Liebe" wurde das erotische Erwachen auf der Folie mittelalterlicher arabischer Liebes-Mystik beschrieben.

Die Nacht schreitet voran, mit Wein, Lemongrastee und einem Joint

Der Erzähler bemerkt schnell, dass die alte große Liebe seine Neugier weckt, sogar ein paar ihrer Schönheitslinien und hübschen Gesten an seinem Begehren rühren. Doch er fühlt sich weniger als Mann denn als Romancier herausgefordert. Und auf den folgenden 250 Seiten dekliniert er Liebeskonzepte und –situationen durch, beschwört literarische Geister, inspiriert von Juttas Bücherregalwand. Die Nacht schreitet voran, mit Wein, Lemongrastee und einem Joint, mit einem Heulanfall und zwei streichelnden Händen. Wir erfahren viel über Juttas Ehe und viel über Banalitäten wie etwa das Einräumen von Spülmaschinen. Wir begegnen dazwischen immer wieder der Fiktion eines Lektors, der die Konstruiertheit des Romans in seinen Details bekrittelt (viel zu viel literarisches Brimborium!). Und wir begegnen dem Ich-Erzähler, der mindestens vierfach geschrieben daherkommt: als Romanheld, als Protagonist eines anderen Romans, als Erzähler und als Autorfiktion. Und natürlich findet sich in diesem Roman auch der Leser Kermani, der einmal unter der Lektüre von Marcel Proust die Erkenntnis formuliert hat, dass man von Liebe zu Liebe nicht klüger wird, sondern raffinierter irrt.

Kermani ist ein Plädoyer für die Zweisamkeit gelungen

Literatur entsteht aus Literatur, Liebe aus Biochemie und sehr sehr viel Diskurs über ihre Phänomene. Navid Kermani ist ein feines Gewebe gelungen, das für diese scheinbaren Binsen noch einmal neue Worte findet. Und im Kern ein Plädoyer für die Zweisamkeit ist – und zwar die des Lesers mit der Literatur. Die lehrt einmal mehr: auch wenn eine Ehe sich nach zwei Jahrzehnten weniger über die Ekstase denn über die Empfindsamkeit formuliert, passt in die Lücke zwischen zwei Zähnen immer noch ein liebevolles Staunen.

Über den Autor

Navid Kermani wurde 1967 in Siegen geboren und lebt in Köln. Für sein literarisches und essayistisches Werk erhielt er unter anderem den Kleist-Preis, den Joseph-Breitbach-Preis und 2015 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2016, 00:01 Uhr

Federico Axat: Mysterium
Bildrechte: Politycki & Partner/Atrium Verlag

Angaben zum Buch Navid Kermani: "Sozusagen Paris"

Navid Kermani: "Sozusagen Paris"

erschienen beim Hanser Verlag
288 Seiten
22,00 Euro (Hardcover)/16,99 (E-Book)
ISBN: 978-3-446-25276-9/978-3-446-25415-2
Hörbuch bei Parlando, gelesen von Christian Brückner: 5 Stunden 50 Minuten, 5 CDs, 24,99 Euro

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