Orhan Pamuk
Orhan Pamuk Bildrechte: dpa

Buch der Woche | Orhan Pamuk: "Die rothaarige Frau" Orhan Pamuk beweist seine absolute Weltklasse

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Orhan Pamuk
Orhan Pamuk Bildrechte: dpa

Orhan Pamuk hat schon oft turbulente Stoffe für seine Romane gewählt. So auch dieses Mal: Die Handlung beginnt gleich abenteuerlich mit einem Paukenschlag. Der Vater des 16-jährigen Cem Celik verschwindet im Jahr 1985 spurlos. Der Pharmazeut hatte in seiner Apotheke in Istanbul Bereitschaftsdienst und musste das Geschäft über Nacht öffnen. Am nächsten Morgen kehrte er nicht heim.

Der Junge und seine Mutter rutschen dadurch in eine finanzielle Notlage. Cem ist zwar bescheiden, will aber zumindest studieren. Zu diesem Zweck muss er eine "Paukschule" besuchen, die Geld kostet. Deshalb braucht er einen Job. Zuerst hütet er die Obstgärten seines Onkels, dann lernt er den geübten Brunnenbauer Meister Mahmut kennen, der ihm anbietet, gegen  gute Entlohnung für einige Wochen bei ihm als Helfer einzuspringen.

Ein schicksalhafter Unfall

Orhan Pamuk: "Die rothaarige Frau"
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Buch der Woche | Orhan Pamuk: "Die rothaarige Frau" "Mich hat das Buch beflügelt"

Die rothaarige Frau: "Mich hat das Buch beflügelt"

Der neue Roman des türkischen Nobelpreisträgers: eine klassische Geschichte um Liebe und Verrat, Schuld und Sühne in einem zerrissenen Land. Vorgestellt von Ulf Heise.

MDR KULTUR - Das Radio Di 26.09.2017 07:40Uhr 06:52 min

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Trotz des Altersunterschiedes kommen die beiden überraschend gut miteinander klar. Zwischen dem Mittvierziger und dem Halbwüchsigen entwickelt sich schnell ein emotionales Verhältnis, fast so etwas wie eine Vater-Sohn-Beziehung. Im Auftrag eines Unternehmers, der in einer Gemeinde am Rande Istanbuls eine Firma aus dem Boden stampfen will, gräbt das Duo auf der Suche nach Wasser einen 25 Meter tiefen Schacht. Mahmut hackt in der Tiefe den Abraum locker, Cem hievt ihn per Seilwinde hoch. Plötzlich passiert ein Unglück. In einem Moment der Unachtsamkeit entgleitet Cem das Tau, so dass der Behälter mit der Erde ungebremst nach unten rast. Aus der Tiefe hört er einen gellenden Schrei. Er gerät sofort in Panik und flieht vom Ort des Fiaskos, ohne Hilfe zu holen. 

Obwohl er Mahmut als eine Art Ersatzvater betrachtet, reagiert er in dieser dramatischen Situation so herzlos, weil ihn der Gedanke an König Ödipus lähmt. Laut der Sage ermordete Ödipus seinen eigenen Vater. Cem überträgt diese Legende der griechischen Mythologie im Sinne der Freudschen Psychoanalyse auf sein Schicksal und glaubt daher, den Mann umgebracht zu haben, der zwar nicht sein leiblicher, aber zweifellos sein geistiger Vater war. Durch Zufall erfährt er später, dass Meister Mahmut den vermeintlich tödlichen Unfall mit einer zerschmetterten Schulter als Krüppel überlebte.

Affäre mit Folgen

Die ominöse rothaarige Frau, die dem Roman den Titel gibt, ist eine attraktive Schauspielerin, die in einem Provinztheater auftritt, das in jenem Istanbuler Vorort gastiert, in dem Cem und Mahmut an ihrem Brunnenprojekt arbeiten. Cem fühlt sich von ihr magisch gefesselt, obwohl sie die Dreißig überschritten hat. Wann immer er über Freizeit verfügt, heftet er sich wie ein Stalker an ihre Fersen. Irgendwann wittert sie seine Leidenschaft und lädt ihn in ihr Quartier ein, um ihn dort zu verführen. Beide verbringen eine leidenschaftliche Nacht miteinander, doch nach diesem erotischen Rausch kristallisiert sich heraus, dass diese Frau mit Cems Familie verknüpft ist.      

Von den Stunden, die ich in die Lektüre investiert habe, bereue ich keine einzige.

Kritiker Ulf Heise über "Die rothaarige Frau"

Wie bei einem Thriller eskaliert das Geschehen munter weiter. Allerdings ereignet sich der große Knall erst rund dreißig Jahre nach den verhängnisvollen Verwicklungen in Cems Jugend. Da erreicht den inzwischen glücklich verheirateten und erfolgreichen Bauingenieur nämlich eine E-Mail, in der sich ein Steuerberater bei ihm meldet, der behauptet, sein Sohn zu sein. Diese Nachricht verstört Cem, weil auf seiner gut funktionierenden Ehe der Fluch der Kinderlosigkeit lastet. Von diesem Moment an überschlagen und überstürzen sich die Geschehnisse. Sie münden in ein tragisches Finale, dessen Pointe ich hier um keinen Preis verrate.

Stilistisch auf hohem Niveau

Orhan Pamuk ist derzeit einer der international besten Schriftsteller. Und zwar in erster Linie, weil er im Gegensatz zu einer Vielzahl von Kollegen nicht andauernd seine Biografie variiert, sondern sich etwas ausdenkt, also fabuliert. Die ganz hohe Kunst besteht bei ihm darin, dass seine Geschichten, obwohl sie ausgeklügelt sind, allesamt so anmuten, als habe er sie am eigenen Leib erfahren. Das zeugt von absoluter Weltklasse. Als Pluspunkt gesellt sich hinzu, dass der Autor sich stilistisch auf hohem Niveau bewegt. Mich hat sein jüngstes Buch beflügelt. Von den Stunden, die ich in die Lektüre investiert habe, bereue ich keine einzige.

Angaben zum Buch Orhan Pamuk: "Die rothaarige Frau"
aus dem Türkischen übersetzt von Gerhard Meier
Hanser
ISBN : 978-3-446-25648-4
286 Seiten
22 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. September 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2017, 08:20 Uhr

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