Cover: Thomas Lehr: Schlafende Sonne
Cover des Romans "Schlafende Sonne" von Thomas Lehr Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Buch der Woche | Thomas Lehr: "Schlafende Sonne" Thomas Lehrs gewaltiges Panorama deutscher Geschichte und Gegenwart

Thomas Lehr gehört seit den 90er-Jahren zu den anerkannt kunstvollsten deutschen Prosa-Autoren und wurde schon mehrfach mit Literaturpreisen geehrt. Auch sein neuer Roman "Schlafende Sonne" hat es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft und gehört zu den meistdiskutierten Büchern dieses Herbstes.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Cover: Thomas Lehr: Schlafende Sonne
Cover des Romans "Schlafende Sonne" von Thomas Lehr Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Thomas Lehr, 1957 in Speyer geboren, veröffentlichte Romane wie "Nabokovs Katze", "42" und "September. Fata Morgana". Sein neuer Roman "Schlafende Sonne" nun entwirft ein gewaltiges Panorama deutscher Geschichte und Gegenwart, die sich im Werk einer Künstlerin spiegeln, im Werk der gebürtigen Dresdnerin Milena Sonntag. "Schlafende Sonne" ist der Titel ihrer Ausstellung, die im Jahr 2011 in Berlin eröffnet wird – und in Malerei, Fotografie, Film und auch mit Performance-Elementen durch die Biografie der Künstlerin führt.

Vom Ersten Weltkrieg bis ins Jahr 2011

Diese Biografie wird in riesigen erzählerischen Bögen aufgefächert, in einem unendlichen Netz von Bildern, Assoziationen und in der Begegnung mit anderen Personen, deren Biografien ebenfalls augelotet werden. Das sind Jonas, der Ehemann der Künstlerin, ein Physiker und Solarforscher; Rudolf, Uni-Dozent und Dokumentarfilmer, sowie Edmond und Esther, hinter denen wiederum der deutsche Philosoph Edmund Husserl und seine später von den Nazis ermordete Assistentin Edith Stein zu erkennen sind. Und damit ist auch der Zeitrahmen des Romans gezogen: Von den Jahren vor Beginn des Ersten Weltkriegs bis 2011.

Gegenstimme zu Ingo Schulzes Roman "Peter Holtz"

Der Schriftsteller Thomas Lehr, aufgenommen am 17.09.2015 im Stadttheater in Koblenz (Rheinland-Pfalz). Thomas Lehr wird am 18.09.2015 mit dem Joseph-Breitbach-Preis, dem höchstdotierten deutschsprachigen Literaturpreis, ausgezeichnet.
Schriftsteller Thomas Lehr Bildrechte: dpa

Lehr erfasst diesen komplexen Stoff mittels kühner Assoziations- und Bildketten. Die Figuren der Kunstausstellung treten hinaus ins echte Leben, kehren zurück ins Kunstwerk und treffen einander an den Knotenpunkten von Kunst und Realität. So verschachtelt sich eines im anderen – und Lehr lässt kaum eine Verknüpfungsmöglichkeit aus. Der Autor gilt mit seinem Roman als einer der Favoriten für den Deutschen Buchpreis; seine Erzählerstimmen sind sozusagen entgegengesetzt angelegt zur Stimme des anderen Favoriten, Ingo Schulze. Bei Schulze ist es ein Schelm, ein naiver Erzähler, bei Lehr sind es Erzähler, die alles wissen und hinterfragen, die sich zugleich selbst misstrauen und deshalb auch vom Pathetischen ins Ironische wechseln und wieder zurück.

Schwer zu fassende Lebensbilder

Der Roman wagt viel und scheint in manchem seiner Erzählstränge doch ein wenig ins Leere zu laufen: Die Figuren tragen in ihren Biografien so viel mit sich herum, dass der Leser diesen Lebensbildern zum Teil gar nicht mehr folgen und trauen mag. Das zeigt sich vor allem bei der Figur der Milena: Sie wird als unglaublich schön beschrieben. Sie war als Jugendliche im Dresdner Kunst-Underground-Geschehen, studiert erst Philosophie, wird dann erfolgreiche Künstlerin. Sie liebt ihren Mann und erklärt ihm doch schon vor der ersten Liebesnacht, dass sie sich für "unbedingt verrückt" hält und ihrem Mann auch als liebende Frau untreu sein wird. Aber vielleicht hätte der Leser genau das, die Verrücktheit, das Einzigartige dieser Roman-Hauptfigur, auf den 600 Seiten auch gern selbst entdecken wollen.

Meisterhafte Schilderungen versus Geschichts-Comic

Lehrs neuer Roman hat wundervolle, großartige Passagen. Wenige Autoren können so plastisch und erinnerungstreu vom studentischen Leben im Westdeutschland der 80er- und 90er-Jahre erzählen. Die Ahnung von Freiheit, die Flirts in der Mensa, aber dann auch die Erleuchtungsmomente, wenn man in der Vorlesung sitzt und von einem beseelten Professor in eine neue Denk-Welt geführt wird: Plötzlich ist der wichtigste Ort nicht mehr der Studentenklub, sondern tatsächlich die Bibliothek. Das ist meisterhaft erzählt.

Wenn Lehr hingegen vom Herbst '89 in der DDR erzählt oder von der Rolle des deutschen Kaisers vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wirkt der Roman mitunter wie ein Geschichts-Comic, das der Absurdität der historischen Stoffe hinterherläuft. "Wird fortgesetzt" steht am Ende des Romans; die Geschichte der Milena Sonntag hat gerade erst begonnen.

Angaben zum Buch Thomas Lehr: "Schlafende Sonne"
640 Seiten, gebunden
Hanser Verlag, 2017
ISBN: 978-3-446-25647-7
28,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. September 2017 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2017, 10:31 Uhr

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