Buch der Woche | Ines Geipel: "Tochter des Diktators" Die zerstörte Biografie der Beate Ulbricht

Ines Geipel folgt in ihrem Roman "Tochter des Diktators" den Lebenslinien der Beate Ulbricht, Adoptivtochter des DDR-Staatschefs Walter Ulbricht. Ein anrührendes Buch über ein Schicksal, welches dem Kalten Krieg zum Opfer gefallen ist.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Was ist geblieben von den großen Ideen des Kommunismus und wie bestimmten diese Ideen den Alltag vieler Menschen in den Jahren vor dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers?

Eine Frage, die gerade zum Tag der Deutschen Einheit alljährlich diskutiert wird. Als ein nachdrücklicher, sehr bewegender Beitrag zu dieser Diskussion liest sich der Roman "Tochter des Diktators" von Ines Geipel.

Auf den Spuren von Beate Ulbricht

Die ehemalige DDR-Sportlerin Ines Geipel.
Die Romanautorin Ines Geipel. Bildrechte: dpa

Ines Geipel, ehemalige Spitzensportlerin, Weltrekordlerin mit einer DDR-Sprintstaffel, ist dafür der Biografie einer Frau nachgegangen, deren Leben von den kommunistischen Machthabern geradezu zermahlen wurde. Die Rede ist von der Adoptivtochter Walter Ulbrichts, die im Jahr 1991 unter bis heute nicht geklärten Umständen ums Leben kam. Aber kaputtgegangen ist sie schon lange vorher - und dieses zerbrochene Leben erforscht Ines Geipel in ihrem Roman.

Obwohl sich Ines Geipel an der wahren Lebensgeschichte der Beate Ulbricht orientiert, geht der Roman doch weit über einen dokumentarischen Ansatz hinaus. Geipel solidarisiert sich und will, im Modus der Anteilnahme, zugleich herausfinden, wie die ideologischen Zwänge der frühen DDR den konkreten Alltag des Landes überformt haben.

Beate Ulbricht ist - so paradox es klingt - ein prominentes und zugleich vergessenes Opfer des Kalten Krieges. 1944 als Maria Pestunowa, als Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin in Leipzig geboren, wurde sie wohl aus politischem Kalkül vom mächtigsten Mann der frühen DDR, von Walter Ulbricht, und dessen Frau Lotte adoptiert. Die Frau an Ulbrichts Seite sollte nicht nur Parteikämpferin, sondern auch Mutter sein, konnte selbst aber keine Kinder bekommen. Mit 15 Jahren wird Beate Ulbricht nach Leningrad geschickt - mit ihrem widerspenstigen Charakter war sie den Ulbrichts in Ost-Berlin einfach zu lästig geworden.

Mit den Mitteln der Literatur über das Historische hinaus

Ines Geipel erzählt die Geschichte der Beate Ulbricht aus der Perspektive einer italienischen Frau, Anni, die wiederum seit ihrer Kindheit in einem italienischen Dorf mit einem Jungen, Ivano, befreundet war, der als Sohn italienischer Kommunisten in den 1960er Jahren zum Studium in die Sowjetunion delegiert wurde. Und hier nun verlieben sich Beate Ulbricht und der Italiener ineinander. Was beinahe so klingt, als wäre es in einer Drehbuchwerkstatt entworfen, ist tatsächlich so passiert und nun von Ines Geipel zurückübersetzt worden in einen Roman. Dabei tritt Ines Geipel mit den Mitteln der Literatur über das historisch Verbürgte hinaus.

Das undatierte Archivbild zeigt den ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, der seine Frau Lotte über einen See rudert.
Walter Ulbricht und seine Frau Lotte. Sie konnte selbst keine Kinder bekommen. Bildrechte: dpa

In starken Bildern führt sie vor, wie Lotte und Walter Ulbricht an ihrer Adoptivtochter die eigenen kleinbürgerlichen und verhärteten Charaktermasken nachschleifen und das Glück der Tochter einer politischen Doktrin opfern. Es darf nicht sein, dass ausgerechnet ihre Tochter einen Weg geht, den ihr die Ulbrichts gar nicht zugewiesen haben.

Ines Geipel erzählt dieses Leben aus einer klug verschobenen Perspektive - und eröffnet sich somit einen erzählerischen Raum, in dem sie fragen, frei assoziieren und immer wieder auch mutmaßen kann: Was wäre passiert, wenn dieses und jenes nicht oder anders passiert wäre? Wie hat sich in diesen Jahren das Politische über das Private gelegt - ja, es geradezu erstickt?

Das Politische legt sich über das Private

Beate und Ivano kämpfen um ihre Liebe, sie versuchen sich, im Schatten der übermächtigen Schwiegereltern, sogar einzurichten in Ost-Berlin, aber letztlich haben sie keine Chance. Immer sitzen die Ulbrichts am längeren Hebel, können über Ein- und Ausreisemodalitäten des Paares bestimmen und sich über staatliche Stellen sogar in die Erziehung der von Beate inzwischen geborenen Tochter einmischen. Ende der 1960er Jahre ist Beate Ulbricht dann so gefügig gemacht, dass sie in die Scheidung von ihrem italienischen Ehemann einwilligt. Beide, Beate und Ivano, werden später wieder andere Partner heiraten - aber glücklich werden sie nicht mehr. Lotte Ulbricht sorgt schon zu DDR Zeiten dafür, dass Beate das Sorgerecht für ihre Kinder verliert.

Im Jahr 1991 erzählt Beate in einem langen Interview einer Illustrierten ihre Geschichte - aber da ist sie schon Alkoholikerin, hat jede soziale Bindung verloren. Wenig später wird sie in ihrer Wohnung tot aufgefunden.

Beate und die Italienerin Anni: Schwestern im Geiste

Geschickt bindet Ines Geipel die Biografie der Beate Ulbricht in die Zeitläufe des späten 20. Jahrhunderts ein. Auch in Italien gab es ja in den 1970er Jahren eine starke kommunistische Bewegung, es gab die Roten Brigaden mit ihren brutalen Terroraktionen und es gab natürlich den Aufbruch der 68er, in den die junge Italienerin Anni immer wieder hineingerät. In gewisser Weise sind die beiden Frauen, Beate Ulbricht und die Italienerin Anni, Schwestern im Geiste: Beide geraten sie in Konflikte mit ihren Vätern - nur steht hinter dem Vater der einen eben ein ganzer politischer Apparat, nämlich der der frühen DDR. Die andere hingegen hat das größte Glück, das ein junger Mensch in dieser Zeit wohl haben kann: Sie darf Irrtümer wagen, darf ihre Gesellschaft in Frage stellen, ohne von dieser Gesellschaft im Gegenzug zerstört zu werden.

Ines Geipels "Tochter des Diktators" ist eine gelungene literarisches Erkundung jüngerer politischer Geschichte - und eine bewegende Erinnerung an ein dem Kalten Krieg geopfertes Schicksal.

Angaben zum Buch Ines Geipel: "Tochter des Diktators"
Klett-Cotta-Verlag
ISBN : 978-3-608-98311-1
198 Seiten
20,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 03. Oktober 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Oktober 2017, 15:51 Uhr

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