Marc-Uwe Kling mit der Trophäe des Bayerischer Kabarettpreises
Marc-Uwe Kling bei der Verleihung des Bayerischen Kabarettpreises. Bildrechte: IMAGO

Buchkritik | "QualityLand" Dystopisches Nummernprogramm von Känguru-Autor Marc-Uwe Kling

Hört man den Name Marc-Uwe Kling, denkt man sofort an die Geschichten über ein freches Känguru. Diese machten ihn schlagartig bekannt. Nun hat er einen düsteren, aber auch satirischen Zukunftsroman geschrieben. Gerrit Bartels hat ihn gelesen.

Marc-Uwe Kling mit der Trophäe des Bayerischer Kabarettpreises
Marc-Uwe Kling bei der Verleihung des Bayerischen Kabarettpreises. Bildrechte: IMAGO

Der Autor und Poetry-Slammer Marc-Uwe Kling wurde mit seinen Geschichten "Neues vom Känguru" in den Jahren 2009 und 2010 schlagartig bekannt. Geschichten, die gleichermaßen humorvoll, gesellschaftskritisch und subversiv waren, mit Kling als Ich-Erzähler und seinem Mitbewohner dem Känguru. Die "Känguru-Chroniken", "Das Känguru-Manifest" und die "Die Känguru-Offenbarung" erschienen später auch in Buch- und Hörbuchform. Bis heute sind sie fast 900.000 Mal verkauft worden.

Nun gibt es ein neues Buch von Kling, keine Känguru-Episoden, sondern ein richtiger Roman: "QualityLand“. Wir haben mit dem Literaturkritiker Gerrit Bartels über die Zukunftssatire gesprochen.

MDR KULTUR: Geht es in "QualityLand" auch wieder um das Känguru, oder ist das jetzt etwas völlig Anderes?

Marc-Uwe Kling
Marc-Uwe Kling: "QualityLand" (dunkle Edition). Bildrechte: Ullstein Buchverlag

Gerrit Bartels: Nein, das ist jetzt tatsächlich ein anderer Stoff, den Kling hier bearbeitet - auch wenn das Känguru einmal als Figur durch diesen Roman huscht. "QualityLand" ist eine Art Dystopie, ein durchaus Angst machender Zukunftsroman, obwohl Kling ihn selbst schon als "lustige Dystopie", als "satirische Dystopie" bezeichnet hat. 

Es geht also um eine Gesellschaft in einer komplett durchdigitalisierten Welt, eine Gesellschaft, in der Menschen aus Fleisch und Blut auf Augen- und Gesprächshöhe mit Androiden leben, mit Kampfrobotern, Liefer-Drohnen, mit ihren Smartphones und Tablets, und natürlich mit den Algorithmen, die alles beherrschen. 

Auf der einen Seite gibt es hier zunehmend mehr rechte Parteien, es herrscht gerade Wahlkampf, und auf der anderen sind noch mächtiger als die Politik bestimmte, an Amazon, Facebook oder Google erinnernde Unternehmen - nur dass diese bei Kling eben "TheShop", "QualityPartner", "What-I-Need" oder "Everybody" heißen. Die Zukunft, von der Kling erzählt, ist doch eine nicht besonders weit entfernte mehr, eigentlich zu großen Romanteilen schon unsere Gegenwart. 

Was erzählt Kling für eine Geschichte, hat der Roman auch eine Handlung?

Man muss sich schon ein bisschen einfinden. Es gibt immer mal wieder kurze Kapitel, die sind mit "QualityLand" überschrieben, und da werden die Eigenheiten dieses Landes erklärt: Was ein Ohrwurm ist oder was Maschinenstürmer sind oder warum Menschen nach bestimmten Levels eingeteilt sind. Überdies gibt es immer wieder ganz in schwarz gehaltene Nachrichtenseiten, auf denen berichtet wird, dass eine Frau ihr 100. Baby zur Welt bringt oder dass bei einem Drohnenangriff 32 jüdische Mitbürger ums Leben gekommen sind. Oder es werden in einer Art Wahlwerbung zehn Fakten über den Androiden "John of Us" mitgeteilt, der ein Kandidat des Wahlkampfs ist, und zwar ein sehr demokratischer, liberaler, aufgeschlossener Präsidentschaftskandidat.

Es gibt dann aber schon eine Art Geschichte, mit wiederkehrenden Figuren. Da ist zum einen Peter Arbeitsloser, der ein ganz niedriges Level hat und von Beruf Maschinenverschrotter ist. Er ist die Hauptfigur, und der wehrt sich irgendwann mit sehr viel Einsatz dagegen, einen rosafarbenen Delfinvibrator zugeschickt zu bekommen und dann nicht mehr zurückgeben zu können. Peter Arbeitsloser geht gewissermaßen auf die Barrikaden - und irgendwann auch ins Fernsehen, zu einer Sendung mit den Chefs der Digitalkonzerne.

Wie überzeugend ist diese Geschichte, hat sie einen dramaturgischen Bogen?

Der Roman hat knapp 400 Seiten, es gibt zudem zwei Versionen davon: eine hellere, in ein graues Cover eingefasste, und eine dunklere mit schwarzem Cover. Wer will, kann die Abweichungen von seiner Ausgabe auf der Website zum Buch nachlesen, das ist natürlich ganz lustig. 

Aber man merkt schon daran, an den vielen, von mir genannten Einsprengseln: "QualityLand" ist vor allem ein Sammelsurium aus Einfällen. Von diesen lebt dieser Roman, Kapitel für Kapitel, das hat schon mehr Episodisches, wie die Känguru-Bücher. Manchmal tritt dieser Roman arg auf der Stelle, und so viel Spaß man einerseits haben kann, so dürftig ist die Handlung. Also: In besseren Momenten fühlt man sich an Dave Eggers' "The Circle"-Roman erinnert. Im Großen und Ganzen ist es doch vielleicht eher ein dystopisches Nummernprogramm.

Was für eine Sprache verwendet Kling ?  

Marc-Uwe Kling, 2013
Marc-Uwe Kling bei einer Lesung. Bildrechte: dpa

Die ist einfach, schlicht. Kling erzählt im Präsens, er verwendet für die Beschreibung seiner Digitalwelt auch einige Anglizismen, was ja schön realistisch ist. Aber wenn man jetzt einmal strenge literaturkritische Maßstäbe an das Ganze anlegen will, hat "QualityLand" eigentlich gar keine Sprache. Vieles wird hier mit schnellen, manchmal witzigen, manchmal recht flachen, sich in die Länge ziehenden Dialogen wettgemacht. Als Gesamtkunstwerk, als Ideenschmiede, als Einfallsfeuerwerk ist "QualityLand" nah an unserer Realität - aber als Roman ist dieses Buch doch eher eine Enttäuschung, gerade weil es eben sprachlich nicht so viel zu bieten hat. Die digitale Revolution frisst am Ende auch ihre eigenen Kritiker wie Kling (und auch Dave Eggers: "The Circle" hatte ja ebenfalls so seine literarischen Schwächen).

Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten? Können sich auch die Känguru-Fans darin wiederfinden?

Ach, die sind sicher hervorragend. Das Publikum ist ja neugierig: einmal Kling immer Kling. Was die Ideen und Witze anbetrifft, finden hier alle den Känguru-Autor wieder. Nur ist das alles halt nur noch bedingt komisch, auch zu wenig subtil, zu wenig subversiv, da will Kling vielleicht doch zu sehr den Mahner und Warner geben.

Angaben zum Buch Marc-Uwe Kling: "QualityLand" (dunkle Edition)
Ullstein Buchverlag
ISBN: 9783550050152
384 Seiten
18,00 Euro

Marc-Uwe Kling: "QualityLand" (helle Edition)
Ullstein Buchverlag
ISBN: 9783550050237
384 Seiten
18,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Mittag | 02. Oktober 2017 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Oktober 2017, 10:15 Uhr

Mehr zum Thema

Klugscheißer
Bildrechte: MDR JUMP

MDR JUMP Mi 22.03.2017 19:04Uhr 02:11 min

http://www.jumpradio.de/thema/klassiker-fuer-klugscheisser-kaenguruh-chroniken-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Buchempfehlungen

Leila Slimani: Dann schlaf auch du
Bildrechte: Luchterhand Literaturverlag
Buchtipps
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"artour Spezial" zur Frankfurter Buchmesse Empfehlungen für den Lese-Herbst

Empfehlungen für den Lese-Herbst

Für den langen grauen Herbst haben wir noch mehr Empfehlungen parat: Marion Poschmann mit "Kieferninseln", Jörg-Uwe Albig mit "Eine Liebe in der Steppe" und Jan Wagner und Tristan Marquardt mit "Unmögliche Liebe".

artour Do 12.10.2017 22:05Uhr 02:11 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Kehlmann
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"artour Spezial" zur Frankfurter Buchmesse: Daniel Kehlmann im Interview Daniel Kehlmann: "Literatur muss auch Leute beleidigen können"

Daniel Kehlmanns "Tyll": Zwischen Fakt und Fiktion

In seinem neuen Buch begibt sich Daniel Kehlmann erneut auf historisches Terrain. "Tyll" ist keine Biographie über Till Eulenspiegel und doch genauso trickreich. Wir haben mit dem Autor gesprochen.

artour Do 12.10.2017 22:05Uhr 03:53 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Literatur bei MDR KULTUR

Axel Hacke
Bildrechte: dpa

Gespräch mit Axel Hacke: "Über den Anstand in schwierigen Zeiten" Wie gehen wir miteinander um?

Gespräch mit Haxel Hacke: "Über den Anstand in schwierigen Zeiten"

Der Kolumnist und Autor Axel Hacke sieht die grundlegenden Regeln menschlichen Anstands in Gefahr. Aber was verstehen wir heute unter Anstand? Und was kann der Begriff für jeden einzelnen von uns bedeuten?

MDR KULTUR - Das Radio Di 03.10.2017 07:10Uhr 08:00 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Meistgelesen bei MDR KULTUR