Vladimir Feltsman
Vladimir Feltsman lebt heute in Upstate New York. Bildrechte: IMAGO

CD der Woche | Vladimir Feltsman: "Schumann" "Schumann hätte Freude daran!"

Den Namen Vladimir Feltsman kennt man hierzulande eher weniger. Doch Feltsman, in der Sowjetunion geboren und aus politischen Gründen in die USA ausgewandert, hat sich längst einen Namen als fantastischer Pianist erarbeitet. Nun hat er ein Schumann-Album mit drei CDs eingespielt – unsere CD der Woche.

von MDR KULTUR-Musikkritikerin Beatrice Schwartner

Vladimir Feltsman
Vladimir Feltsman lebt heute in Upstate New York. Bildrechte: IMAGO

Mag sein, dass Sie noch nie den Namen Vladimir Feltsman gehört haben. Aber warum nicht mal jemandem lauschen, der nicht in der ersten Reihe der Pianistengilde gehandelt wird, der nicht zu den zwei Händen voll derer gehört, dessen Name jeden Klavierliebhaber in Ehrfurcht erstarren lässt? Warum also nicht die Schumann-Tripel-CD-Box von Vladimir Feltsman durchhören, und den Musiker dahinter näher kennen lernen?

Die Musik in die Wiege gelegt

Vladimir Feltsman: Schumann
Bildrechte: Nimbus

Vladimir Feltsman wurde 1952 in Moskau in eine wahre Musikerdynastie hineingeboren. Der Großvater war Pianist, der Vater Schüler von Emil Gilels, ebenfalls Pianist und auch bekannter Komponist von populären Werken und musikalischen Komödien. Der junge Vladimir spielte mit elf Jahren sein erstes Konzert, mit knapp 20 gewann er bereits den Internationalen Marguerite Long Klavierwettbewerb in Paris.

Gegen die Kontrolle der Kunst

Doch dieser Aufstieg ging nicht unbeschränkt weiter. Feltsman war nicht einmal 30, als er in der Sowjetunion Aufführungsverbot bekam, weil er wegen der vorherrschenden Ideologie und Kunsteinschränkungen emigrieren wollte. Acht ganze Jahre musste er warten auf seine Ausreise in die USA. Zeit, in der, so scheint Feltsmans Spiel auch sagen zu wollen, er tief in die Musik eindringen konnte, und in der er sein großes Repertoire mit Kompositionen von der Barockzeit bis in die Gegenwart ausbauen konnte. In seiner neuen Wahlheimat wurde Feltsman innerhalb kurzer Zeit dann zum international anerkannten Solisten.

Musik, die spricht

Feltsman nun mit "Schumann" auch bei uns kennenzulernen, lohnt sich in jedem Fall. Schon die vornan stehenden Kinderszenen, 1838 geschrieben, fordern dem Zuhörer einiges an Konzentration ab – es klingt eben tatsächlich so, als würde jemand wirklich gute, spannende,kurze Geschichten erzählen, immer wieder innehalten, nachdenken und weitererzählen. Das hat man zwar alles schon einmal gehört, aber ein guter Erzähler macht eben auch Altbekanntes interessant und findet noch hier und da einen Dreh für ein Aha-Hörerlebnis.

Nuancen über Nuancen

Ob nun Faschingsschwank aus Wien, Waldszenen, Albumblätter, Kreisleriana, Carnaval oder Bunte Blätter – Vladimir Feltsman kennt ein breites Spektrum der Nuancierungen zwischen subtil-sanft bis bissig-hart. Nie klingt er hastig, gern verschleppt er, steigert dadurch die Aufmerksamkeit auf die Poesie und die Tiefe dieser Charakterstücke und Miniaturen. Es sind allesamt musikalische Dramen, die Schumann bis zum Bersten angefüllt hat mit Konflikten, Ängsten, zärtlichen Gefühlen, Verzweiflung, Wehmut, all dem, was ihn als romantischen Komponisten so sehr auch ins eigene Verderben gestürzt hat.

Romantik, Strenge, Irrwitz

Der Klang des nicht näher ausgewiesenen Instruments, auf dem Vladimir Feltsman spielt, kommt der dunklen Seite, das Schumann in seine Zyklen steckt, entgegen. Weder zu seicht noch zu voluminös schafft es Feltsmann sogar hier und da, eine fast schon jazzige Feinnervigkeit aus den Akkorden zu holen, dann aber wieder zu bachischer Strenge zu finden und, wo es nützt, einen wildromantischen Funken zu zünden.

Abgründige Einwürfe werden genauso zelebriert, wie musikalisch unentschiedene Gedanken und geistsprühender Irrwitz offen bleiben. Vladimir Feltsman scheint im Sinne Schumanns wirklich nicht zu interessieren, wer ihm zuhört. Aber selbst ein Meister, wie Schumann, hätte wirklich Freude daran.

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2016, 09:54 Uhr