Joachim Meyerhoff
Bildrechte: IMAGO

Buchempfehlung: "Die Zweisamkeit der Einzelgänger" Meyerhoff erzählt mit Komik und Tiefgang vom Sinn des Lebens

Als Joachim Meyerhoff Mitte Oktober in der Hamburger Elbphilharmonie den vierten Teil seines Romanzyklus "Alle Toten fliegen hoch" vorstellte, kamen zu dieser Lesung 2.000 Leute! Meyerhoff - gerade zum Schauspieler des Jahres gekürt - avancierte längst auch mit seinen autobiografischen Romanen zum Publikumsliebling. Vermutlich deshalb, weil er die großen Fragen des Lebens mit Komik und Tiefgang verhandelt, auch Trauer und Tod.

von Andrea Gerk, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Joachim Meyerhoff
Bildrechte: IMAGO

Als Leser der ersten drei Bände ist man mit Meyerhoffs Kindheit und Jugend als Sohn eines Psychiatriedirektors in Schleswig vertraut. Man war dabei, als er an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München seine Mitstudierenden massierte und sich mit den Großeltern in deren Nymphenburger Villa einem gepflegten, großbürgerlichen Alkoholismus hingab. Man hat von seinen großen Verlusten erfahren: Der Bruder verunglückte bei einem Verkehrsunfall tödlich, als M. in Amerika Austauschschüler war. Der Vater starb an Krebs, die Großeltern an ihrem Alter.

Die Lehrjahre des Joachim M.: Jung und erfolglos, aber schwer verliebt

Joachim Meyerhoff - "Die Zweisamkeit der Einzelgänger"
Der vierte und letzte Teil des autobiografischen Zyklus Bildrechte: Kiepenheuer&Witsch/dpa

Mit der Trauer um diese Toten im Herzen tritt der junge, erfolglose Schauspieler im vierten Band nun seine Lehrjahre an. Und das nicht nur auf der Bühne. Joachim M. verliebt sich in die hochintelligente Studentin Hanna, mit der sich sehr gut reden lässt. Wenig später lernt er - "außen palavernde Plaudertasche, innen brunftiger Gorilla" - die schöne Tänzerin Franka kennen und feiert mit ihr die Nächte durch. Glücklicherweise in einer anderen Stadt, um Begegnungen auszuschließen. Schließlich tritt zufällig noch die reife Bäckersfrau Ilse in sein Leben, bei der er vermutlich nicht nur den Teig durchknetet. Eine Weile führt M. ein so an- wie aufregendes Dreifach-Leben, das - wie sollte es anders sein -nach Irrungen und Wirrungen im völligen Chaos endet.

Doch der Autor bietet uns mehr als eine turbulente Komödie mit - fast voraussehbaren - absurden Peinlichkeiten. Meyerhoff zeigt auch den Abgrund, der sich unter der Oberfläche auftut, all das, was die Figuren, die hier aufeinander treffen, mit sich herumtragen: die Menschen, die sie verloren haben und vermissen, ihre Lebens- und Versagensängste. Davon erzählt uns Meyerhoff bei aller Komik mit großem Tiefgang - und führt den Leser zu überraschenden Einsichten. Am Ende steht die Frage, was eigentlich ein geglücktes Leben ausmacht?

Erzählen als Ritual des Erinnerns und Gedenkens

Dass Meyerhoff ein großartiger Unterhalter ist, das zeigten schon die Bühnenfassungen seiner Bücher. Am Wiener Burgtheater hatte er die ersten drei Teile als Monologe eingerichtet, eine Einladung zum Berliner Theatertreffen 2009 folgte prompt. Mit dem vierten Teil beendet er nun den Zyklus "Alle Toten fliegen hoch". Den seltsamen Titel musste der Autor nicht erfinden, sondern nur aus der Familiengeschichte bergen. Eine Tante hatte ein Spiel gleichen Namens für Meyerhoff und seine Brüder erfunden, damit die Jungs lernten, schon verstorbene von lebenden Verwandten zu unterscheiden. Aus dem Spiel aus Kindertagen macht der Autor die Leitidee seines Projektes; sich verlorene Menschen, die ihm sehr nah waren oder die er nie kennenlernen durfte, zu vergegenwärtigen: den verunglückten Bruder, den Vater, der nach schwerer Krankheit stirbt, die Großeltern oder das Kind, das seine Freundin erwartete, aber dann nicht bekommen wollte ...

Die große Zuneigung und Liebe, mit der Meyerhoff von diesen verschwundenen Menschen erzählt, ist sehr berührend. Da ihn die christlichen Rituale des Abschiednehmens nicht trösteten, habe er im Erzählen seine eigene Art des Gedenkens gefunden, sagte Meyerhoff mal nach seinem Antrieb fürds Schreiben befragt. Von seinen Büchern geht ein großer Trost aus - und zugleich unterhält man sich ausgezeichnet!

Joachim Meyerhoff - "Die Zweisamkeit der Einzelgänger"
Bildrechte: Kiepenheuer&Witsch/dpa

MDR KULTUR - Das Radio Di 05.12.2017 08:10Uhr 06:09 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Joachim Meyerhoff - "Die Zweisamkeit der Einzelgänger"
Bildrechte: Kiepenheuer&Witsch/dpa

MDR KULTUR - Das Radio Di 05.12.2017 08:10Uhr 06:09 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Angaben zum Buch: Joachim Meyerhoff: "Die Zweisamkeit der Einzelgänger"
Kiepenheuer& Witsch
416 Seiten
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 978-3-462-04944-2

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 05. Dezember 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2017, 15:16 Uhr

Mehr spannende Literatur

Mehr spannende Literaturempfehlungen