Feature | MDR KULTUR | 12.07.2017 | 22:00 Uhr Die geheimen Isolierungslager der DDR

Als "Friedliche Revolution" sind die Ereignisse in der DDR vom Herbst 1989 in die Geschichte eingegangen. Dass der Umsturz gewaltfrei blieb, ist für viele noch heute ein Wunder. Aber es hätte auch anders kommen können. Für den Ernstfall einer "inneren Krise" hatte die SED-Führung einen perfiden Plan: In weniger als 24 Stunden sollten Tausende DDR-Bürger verhaftet und in Isolierungslager verbracht werden. Ein Feature von Patrick H. Waldthaler über ein dunkles Kapitel DDR-Geschichte.

Es war eine der geheimsten Planungen der SED für die DDR: Im Fall besonderer innenpolitischer Spannungen oder dem "Verteidigungsfall" sollte die Staatssicherheit alle ihr bekannten "Staatsfeinde" binnen 24 Stunden konspirativ verhaften und in speziell vorbereitete Objekte verbringen – in Burgen, Schulungsheime oder mitunter sogar in Ferienlager. Diese wiederum sollten mit Stacheldraht und Wachtürmen umgeben und so das ganze Land mit Isolierungslagern überzogen werden.

Über mehr als drei Jahrzehnte entwickelte, verfeinerte und aktualisierte die Staatssicherheit  ihre Planung, die sich hinter Bezeichnungen wie "Vorbeugekomplex" oder "Geheime Kommandosache 1/67" verbarg. Im Herbst 1989 umfasste dieser sogenannte Vorbeugekomplex etwa 86.000 DDR-Bürger: Oppositionelle, Kirchenvertreter, Künstler, Nichtwähler, Menschen mit "West-Verbindungen" oder solche, die "aus der SED ausgeschlossen wurden bzw. aus Blockparteien ausgetreten sind".

Hintergrund für den Geheimplan war die Vermeidung eines zweiten 17. Juni: Der Volksaufstand von 1953 war ein Schock für Partei- und Staatsführung der DDR. Man begann in den sechziger Jahren, verdächtige Personen nach einem Kennziffernsystem zu erfassen und geeignete Objekte zu sichten.

Feature: Die geheimen Isolierungslager der DDR Vorbereitung auf den Tag X

Die ehemalige Kreisdienststelle Apolda.
Verwaltungsgebäude des ehemaligen VEB Gebäudewirtschaft Apolda. Die Staatssicherheit hätte im Falle einer Verhaftungswelle das Gebäude zur Isolierung von politischen Gefangenen genutzt. Feature "Die geheimen Isolierungslager der DDR" Bildrechte: MDR/Katrin Wenzel
Die ehemalige Kreisdienststelle Apolda.
Verwaltungsgebäude des ehemaligen VEB Gebäudewirtschaft Apolda. Die Staatssicherheit hätte im Falle einer Verhaftungswelle das Gebäude zur Isolierung von politischen Gefangenen genutzt. Feature "Die geheimen Isolierungslager der DDR" Bildrechte: MDR/Katrin Wenzel
Reinhard Köhler - Eines der
Reinhard Köhler - Eines der "schwärzesten Kapitel unserer DDR-Nachkriegsgeschichte" nennt er die damals geplanten Isolierungslager. Seit drei Jahren erforscht er in Thüringen spezielle Objekte, die als Isolierungslager vorgesehen waren.

Das Feature "Die geheimen Isolierungslager der DDR"
Bildrechte: Katrin Wenzel
Ein Zimmer in der ehemaligen Kreisdienststelle Apolda. Mindestens zwei Leute wären hier
Ein Zimmer in der Gebäudewirtschaft Apolda. Mindestens zwei Leute wären hier auf Luftmatratzen "untergebracht" worden. Das Feature "Die geheimen Isolierungslager der DDR" Bildrechte: Katrin Wenzel
Autor Patrick H. Waldthaler, Redakteurin Kathrin Ähnlich und Reinhard Köhler (von links nach rechts).
Autor Patrick H. Waldthaler, Redakteurin Kathrin Aehnlich und Reinhard Köhler (von links nach rechts) Das Feature "Die geheimen Isolierungslager der DDR" Bildrechte: MDR/Katrin Wenzel
Toreinfahrt zur ehemaligen Kreisdienststelle Apolda - von außen.
Toreinfahrt zur Gebäudewirtschaft Apolda - das Gelände war von außen schwer einsehbar. Das Feature "Die geheimen Isolierungslager der DDR" Bildrechte: MDR/Katrin Wenzel
Ein Eingang in die ehemalige Kreisdienststelle Apolda
Eingang zur Gebäudewirtschaft Apolda - durch diese Tür wären die zur Isolierung vorgesehenen Personen in das Objekt gebracht worden. Das Feature "Die geheimen Isolierungslager der DDR" Bildrechte: Katrin Wenzel
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Feature: Die geheimen Isolierungslager der DDR Vorbereitung auf den Tag X

Vorbereitung auf den Tag X

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Der langwierige Prozess der Aufarbeitung

Thomas Auerbach, ehemaliger Bürgerrechtler und politischer Häftling in der DDR, erforscht seit Jahren die Planungen zur Errichtung von Isolierungslagern. Heute arbeitet er für den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Berlin. Der Publizist hat mit seinen Forschungen zu Honeckers und Mielkes "geheimer Kommandosache 1/67" begonnen, Licht in die wenig bekannte Materie zu bringen.

Die Zahlen, vielleicht einmal konkret mit Stand vom Dezember 1988: Da waren in der gesamten DDR fast 86.000 Menschen im sogenannten Vorbeugekomplex erfasst. Und unter Kennziffer 4.1.1. zur Festnahme waren 2.955 Personen vorgesehen. Zur Isolierung unter der Kennziffer 4.1.3. - 10.726 Personen. Zur sogenannten verstärkten operativen Kontrolle und Überwachung waren 72.248 Personen im Vorbeugekomplex erfasst.

O-Ton von Thomas Auerbach aus dem Feature "Die geheimen Isolierungslager der DDR

Eines der "schwärzesten Kapitel unserer DDR-Nachkriegsgeschichte" nennt Reinhard Köhler die damals geplanten Isolierungslager. Seit drei Jahren erforscht er in Thüringen spezielle Objekte, die als Isolierungslager vorgesehen waren, zum Beispiel das Verwaltungsgebäude der ehemaligen Gebäudewirtschaft in Apolda. Auch die Verhaftungen waren bis ins kleinste Detail geplant.

Für Apolda waren nachweisbar zwei Verhaftungsgruppen vorgesehen, (bestehend aus drei Stasi-Mitarbeitern). Die waren ausgerüstet mit zwei Maschinenpistolen à 30 Schuss und drei Pistolen à 14 Schuss. Also für jede Verhaftung, für jeden Menschen, der verhaftet worden wäre, egal ob für Isolierung oder Untersuchungshaft, hatte man 102 Schuss dabei.

O-Ton von Reinhard Köhler aus dem Feature "Die geheimen Isolierungslager der DDR

Bis zum Ende der DDR hielt die SED-Führung an ihren Plänen fest. Bei Protesten unter anderem in Leipzig, Dresden und Halle Anfang Oktober gingen die Sicherheitskräfte brutal gegen Demonstranten vor. Noch am 8. Oktober ordnete Stasi-Chef Mielke volle Dienstbereitschaft für alle MfS-Angehörigen an. Viele fürchteten eine Eskalation der Gewalt, doch es kam anders.

Am Montag, den 9. Oktober 1989, demonstrierten auf dem Leipziger Innenstadtring 70.000 Menschen friedlich für einen politischen Wechsel. Vor dieser Menschenmenge musste die Staatsmacht kapitulieren und wich zurück. Wenige Wochen später fiel die Mauer.

Dank des glücklichen und im Wesentlichen gewaltfreien Verlaufs der Ereignisse sind die Pläne für die "Isolierungslager" nie zur Ausführung gekommen. Viele Dokumente hierzu wurden vernichtet. Dennoch erlauben die bis heute aufgefundenen Unterlagen einen tiefen Einblick in die Denk- und Arbeitsweise der Staatsicherheit, in ihr pathologisches Feindbild und ihren rigorosen Unterdrückungswillen gegenüber den Menschen in der DDR.

Informationen zur Sendung MDR KULTUR Feature
"Die geheimen Isolierungslager der DDR"
Feature von Patrick H. Waldthaler

Sendung:
12.07.2017 | 22:00-23:00 Uhr

Produktion: MDR 2015

Regie: Wolfgang Rindfleisch
Redaktion: Kathrin Aehnlich / Katrin Wenzel
Regieassistenz: Alexander Kühn

Sprecherin: Cornelia Lippert
Sprecher: Peter Prager
Zitator: Christian Melchert
An- und Absage: Axel Thielmann

Sie können die Sendung hier nach der Ausstrahlung bis zum 11. Juli 2018 hören und herunterladen.

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2017, 15:08 Uhr