Die Kameliendame - Ballett an der Oper Halle 2017/18
Yuliya Gerbyna als Marguerite Gauthier und Michal Sedláček als Armand Duval in Die Kameliendame an der Oper Halle. Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Anna Kolata

"Die Kameliendame" - Ballettpremiere an der Oper Halle Ralf Rossa setzt neue Akzente

Der Roman "Die Kameliendame" von Alexandre Dumas war Vorlage für Ballettaufführungen vieler großer Choreografen. Ralf Rossa wagt nun seine Interpretation an der Oper Halle.

von Boris Gruhl, MDR KULTUR-Bühnenkritiker

Die Kameliendame - Ballett an der Oper Halle 2017/18
Yuliya Gerbyna als Marguerite Gauthier und Michal Sedláček als Armand Duval in Die Kameliendame an der Oper Halle. Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Anna Kolata

Sie hieß Marie Duplessis und sie war eine außergewöhnliche Schönheit, diese zarte junge Frau, die man von einem Porträt kennt mit einer Kamelie, das 1847, kurz vor ihrem Tod, mit nur 23 Jahren entstand. Diese historische Kameliendame zog Männer an, sie starb an der Schwindsucht, zu ihren Verehrern gehörte der Schriftsteller Alexandre Dumas, der Jüngere, sein Roman "Die Kameliendame", in dem aus Marie Duplessis, Marguérite Guthier wurde, aus dem Verehrer Armand Duval, wurde sein populärstes Werk. Als er das Schicksals der Pariser Kurtisane 1851 als Theaterstück auf die Bühne brachte, wurde es von der Zensur verboten, unter den Zuschauern war Giuseppe Verdi. Zwei Jahre später kam seine Oper "La Traviata" in Venedig heraus, aus Marie, bzw. Marguerite wurde Violetta, und "Violetta" hieß auch das erste Ballett nach diesem Stoff, 1857 in Rom.

Im 20. Jahrhundert - jetzt unter dem Titel des Romans - kommen mehrere Ballette heraus von Choreografen mit großen Namen: Antony Tudor, Maurice Bejart, Pierre Lacotte. Schon 1943 in Dresden brachte Rosalia Chaldek ein Ballett mit Musik von Chopin heraus, wie dann auch John Neumeier 1978 in Stuttgart. Frederik Ashton schuf sein Ballett "Marguerite an Armand" 1963 zur Musik von Franz Liszt, der selbst zu den Verehrern jener Pariser Kameliendame gehörte.

Ralf Rossa setzt neue Akzente

Ralf Rossa ist bekannt dafür, dass er Geschichten erzählen kann. Und wenn es darum geht, einer Geschichte, die man zu kennen meint, neue Akzente zu geben, dann wird bei ihm nicht der Zeigefinger erhoben. Er vermag es, die Situationen der Menschen in großer Zuneigung tänzerisch sensibel zu gestalten. Situationen, in die sie geraten und vor denen sie flüchten wollen, was nicht gelingt.

Das ist auch das Schicksal der Marguerite Gauthier: gefeiert, verehrt und verlassen, benutzt und weggeworfen. Ihr tragischer Irrtum, bei denen, die sie benutzen, kämpft sie um Anerkennung, erreicht diese doch nur für Momente in brüchigen Scheinsituation. Alles eskaliert in der Begegnung mit jenem Armand, dem es wiederum nicht gelingt, sich aus genau diesen Konventionen zu befreien, die Marguerite für sich anstrebt, die ihn aber unfrei machen, was die Beziehung zum Scheitern verurteilt.

In seiner zweiteiligen Fassung zu Musik von Tschaikowski und Rachmaninow konzentriert sich Ralf Rossa in knappen Szenen in dynamischem Verlauf auf bestimmte Linien der Handlung. Für ihn bedarf diese scheinbar so alte Geschichte, aus einer Zeit, die vergangen ist, auch keiner optischen Aktualisierung. In den Bühnenbildern von Matthias Höning mit den Kostümen von Mechthild Feuerstein erstehen Bildwelten des schönen Scheins, in denen Menschen elend zugrunde gehen, weil sie diesem Schein auf der Flucht vor dem Sein erliegen wie Marguerite, oder den Konventionen folgen statt dem eigenen Herzen wie jener Armand, der dann in Selbsthass, im blindem Anfall von Wut, Marguerite auf gemeinste Weise erniedrigt. Wenn er seinen Irrtum erkennt, ist es zu spät. Und so stellen sich bei den Zuschauenden aktuelle Assoziationen ein, wie Frauen zu Opfern werden, benutzt und weggeworfen, in heutigen, ebenfalls zumeist männlich bestimmten Systemen, in denen noch immer Frauen diese Demütigungen geschehen lassen.

Tänzerinnen und Tänzer tanzen auf einer Bühne
Die Kameliendame an der Oper Halle - ein Ballett von Ralf Rossa, frei nach Alexandre Dumas d.J. mit Musik von Pjotr I. Tschaikowski und Sergei Rachmaninow (Zuspielungen). Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Anna Kolata

Tänzerisch faszinierende Darsteller

Mit Yuliya Gerbyna als Marguerite Gauthier und Michal Sedláček als Armand Duval sind in Halle zwei so beeindruckende wie glaubwürdige und vor allem tänzerisch faszinierende Darsteller bei nicht gerade geringen Ansprüchen der Choreografien zu erleben. Dies wird befördert durch eine kluge Dramaturgie, korrespondierend mit der leider in nicht zu akzeptierender, schlechter Tonqualität zugespielten Musik. In Ausschnitten aus der zweiten und sechsten Sinfonie, der Streicherserenade, einer weniger bekannten Suite für Orchester, Elegien, Meditationen und einem Nocturne, von Tschaikowski etwa, sind vor allem melancholische Klänge bestimmend. Auf den Festen, zum Walzer aus "Eugen Onegin" dominieren schwebende, luftige Figuren des Tanzes, zur Polonaise dann, im zweiten Teil des Balletts, eher strengere Bewegungen, die fast an einen schreitenden Totentanz gemahnen.

Auf diesem Hintergrund bestechen die beiden Protagonisten als charaktervolle Tanzdarsteller vor allem in stets handlungsbezogenen Varianten der Kunst des Pas de deux oder in monologischen Solovarianten mit nach Innen gerichtetem Blick. Bei Marguerite, bei den Tänzerinnen der Paaren auf den Bällen, setzt der Choreograf dramaturgisch begründet die Spitzentanzkunst ein. Im Gegensatz dazu, in der Szene auf dem Lande, auf der Flucht in die vermeintliche Freiheit, die sich als trügerische Idylle erweist, gelingen Szenen von bodenständige Leichtigkeit bei anspruchsvoller Technik auf halber Spitze.

Kluge Dramaturgie mit starken Szenen

Ballett und Tanz fügen sich zu starken Szenen, die man schon im Bereich des Tanztheaters sehen kann, insgesamt erlebt man so eine choreografische Inszenierung. Und da gibt es starke Szenen, etwa in der Auseinandersetzung Armands mit seinem von Andriy Holubovsky getanzten Vater, der ihn zwingt, die Beziehung zu Marguerite zu beenden um sich selbst ihr dann in erotisch ambivalenter Haltung zu nähern.

Und es sind immer wieder minimale Momente von so emotionaler wie dramaturgisch bewusst gesetzter Szenen. Wenn etwa Armand in der ersten Verliebtheit Marguerite für einen Moment wiegt wie ein Kind. Am Ende wird er die Sterbende so in seinen Armen halten. Er wollte sich entschuldigen mit einem Strauß weißer Kamelien, es wird der Grabstrauß sein.

Am Ende herrscht große Begeisterung

Am Ende herrscht große Begeisterung bei den auffällig vielen jungen Leuten im jubelnden Publikum. Stürmischer Applaus, für die vornehmlich individuell geführten sieben Paare des Balletts. Bei den Solistinnen und Solisten müssen unbedingt Johan Plaitano als Marguerites Verehrer Gaston Rieux und Denise Dumröse als Madame Flora genannt sein. Ralf Rossa ist es erneut gelungen ist mit dieser Kreation einen besonderen Akzent zu setzen, Theater mit den Mitteln des Tanzes, Theater als Ort sensibler Berührung, nicht zu verwechseln mit Rührung. Gut, dass es so etwas gibt.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2017 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2017, 16:56 Uhr

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Besetzung (Auszug)

Besetzung (Auszug)

Choreografie/Inszenierung: Ralf Rossa, frei nach Alexandre Dumas d.J. | Dramaturgie: Philipp Amelungsen | Tänzer: Yuliya Gerbyna als Marguerite Gauthier, Michal Sedláček als Armand Duval

Veranstaltungsort: Oper Halle

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