Wasserlilien
Bildrechte: IMAGO

Zum 200. Geburtstag von Theodor Storm Immensee, Pole Poppenspäler und andere Novellen

Das Werk Theodor Storms ist eng mit seiner nordfriesischen Heimat verbunden. Mit seinen großen Novellen hat er Weltliteratur geschaffen. Zum 200. Geburtstag des Schriftstellers senden wir zwei seiner bekanntesten Novellen in der Klassikerlesung. Der Schauspieler Friedhelm Ptok liest "Pole Poppenspäler“ und "Immensee".

Wasserlilien
Bildrechte: IMAGO

Theodor Fonatane schätzte Storm als Lyriker, er gehörte für ihn zu den "drei, vier Besten, die nach Goethe kommen." Lyrik, beeinflusst von Mörike und Eichendorff, stand am Anfang seines Schaffens. Heute ist Theodor Storm vor allem für seine Novellen bekannt; 58 sind überliefert, von denen einige zu Klassikern wurden. Der lyrisch-sentimentale Erzählton seines Frühwerks wird im Laufe seines Schaffens herber und nimmt epischere Züge an. Storm hat die Novelle als "Schwester des Dramas und die strengste Form der Prosadichtung" bezeichnet. Seine Hauptthemen sind die Liebe und die Sehnsucht nach individuellem Lebensglück.

Der Schauspieler Friedhelm Ptock liest in unserer Klassikerlesung zwei der bekanntesten Novellen Theodor Storms: "Pole Poppenspäler" und "Immensee".

Theodor Storm in der Klassikerlesung

Ein Ölgemälde mit dem Porträt des Dichters Theodor Storm hängt am 26.06.2013 in Husum (Schleswig-Holstein) im Theodor-Storm-Haus.
Porträt des Dichters im Theodor-Storm-Haus Bildrechte: dpa

Mit "Immensee" (1849) schrieb Storm seine erste reine und zu Lebzeiten erfolgreichste Novelle. Sie kann als prototypisch für diese frühe Schaffensperiode angesehen werden und besteht vorwiegend aus  "einzelnen Stimmungsbildern". Diese "Situationen", wie Storm sie bezeichnet hat, vereinen sich zu einem "geschlossenen Ganzen", um sich "ein ganzes Menschenschicksal mit der bewegenden Ursache und seinem Verlaufe bis zum Schlusse vorzustellen." (Storm)

Als einsamer, alter Mann erinnert sich Reinhard Weber an die große Liebe seiner Jugend: Schon als Kinder hatten Elisabeth und er das Leben gemeinsam auf dem Landgut Immensee verbracht, wo beide aufgewachsen sind. In einem Pergamentband hält er Erlebnisse und Eindrücke, zu denen Elisabeth ihn bewegt, in Gedichtform fest. Doch eine gemeinsame Zukunft ist den beiden nicht vergönnt. Als Reinhard zum Studium fortzieht, entfremdet er sich ihr. Bei seiner Rückkehr findet er sie verändert, sein Schulfreund Erich scheint Interesse an ihr zu hegen. Nach zwei Jahren erfährt Reinhard, dass Elisabeth, den Ratschlägen ihrer Mutter folgend, Erich geheiratet hat. Jahre später besucht er das Paar in Immensee, doch die Begegnung wird ihm unerträglich, und er wendet sich für immer von ihr ab.

Er ging über den Flur der Tür zu; dann wandte er sich noch einmal. Sie stand bewegungslos an derselben Stelle und sah ihn mit toten Augen an. Er tat einen Schritt vorwärts und streckte die Arme nach ihr aus. Dann kehrte er sich gewaltsam ab und ging zur Tür hinaus.

Theodor Storm Immensee

Storms Novelle "Pole Poppenspäler" erschienen 1874, entstand als Auftragswerk für die Zeitschrift "Deutsche Jugend" und veranlasste den Dichter zu der scheinbar paradoxen Äußerung: "Wenn man für die Jugend schreibt, soll man nicht für die Jugend schreiben". Storm erklärte, dass er bei der Auswahl des Stoffes wohl an seine späteren Leser dachte, nicht aber bei der künstlerischen Umsetzung.

Wie viele Novellen Storms ist auch "Pole Poppenspäler" kunstvoll in eine Rahmenhandlung eingebettet, in der ein namenloser Erzähler sich an seine Jugend erinnert und vom Kunstdrechsler Paul Paulsen berichtet. Nach seinem Schimpfnamen "Pole Poppenspäler" gefragt, beginnt dieser von seiner Kindheit zu erzählen.

Fahrende Künstler aus Süddeutschland, der Puppenspieler Josef Tendler und seine Familie, kommen eines Tages in die Heimatstadt Paul Paulsens. Ihr Auftritt wird zum Schlüsselerlebnis für den Jungen. Vom Marionettenspiel ist er ebenso verzaubert, wie von Lisei, der schönen Tochter des Puppenspielers. Die Kinder freunden sich an und verbringen eine glückliche gemeinsame Zeit. Als die Puppenspieler-Familie weiterzieht, fällt ihnen der Abschied schwer. Zwölf Jahre vergehen, bis sie sich wiederbegegnen.

Storm setzte in seiner Novelle dem Mechanikus und Puppenspieler Johann Georg Geißelbrecht, der auch in Husum mit seinem Marionettentheater gastiert hatte, ein literarisches Denkmal.

Der Schriftsteller Theodor Storm

Hans Theodor Woldsen Storm wurde am 14.9.1817 als Sohn eines Advokaten in Husum geboren. Von 1837-1842 studierte er Jura in Kiel und Berlin und eröffnete 1843 eine eigene Anwaltspraxis in Husum. Während der dänischen Herrschaft musste Storm seine Heimat verlassen. Er arbeitete ab 1853 als Gerichtsassessor in Potsdam und war von 1856-1863 Kreisrichter in Heiligenstadt.

Theodor-Storm-Museum in Heiligenstadt
Theodor-Storm-Museum in Heiligenstadt Bildrechte: IMAGO

Nach der Niederlage Dänemarks im Deutsch-Dänischen Krieg kehrte Storm, der in Abwesenheit von der Bevölkerung zum Landvogt gewählt worden war, im März 1864 nach Husum zurück. Er wurde 1867 Amtsrichter und 1879 Amtsgerichtsrat. 1880 ließ er sich vorzeitig pensionieren und siedelte ins holsteinische Hademarschen über. Hier schrieb er seine Altersnovellen und vollendete im Frühjahr 1888 sein berühmtestes Werk "Der Schimmelreiter". Theodor Storm starb am 04.07.1888 in Hademarschen. Er wurde auf dem St. Jürgen-Friedhof in Husum beigesetzt.

Storm verfasste Lyrik, Märchen und über fünfzig Novellen. Bekannte Werke sind unter anderem die Gedichte "Die Stadt" (1852), "Knecht Ruprecht" (1862), und der Zyklus "Tiefe Schatten" (1865), die Märchen "Der kleine Hävelmann" (1849), "Die Regentrude" und "Bulemanns Haus" (1862), sowie die Novellen "Immensee" (1849), "Auf dem Staatshof" (1859), "Pole Poppenspäler" (1874), "Aquis submersus" (1877) und "Der Schimmelreiter" (1888).

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Klassikerlesung
Zum 200. Geburtstag von Theodor Storm am 14. September:
"Immensee, Pole Poppenspäler und andere Novellen"
von Theodor Storm

Fr., 01.09.2017
"Da stand das Kind am Wege"
Es liest: Otto Mellies
Produktion: Funkhaus Berlin 1991

Mo., 04.09. - Mo.,11.09.2017
"Immensee" (6 Folgen)
Es liest: Friedhelm Ptok
Produktion: SFB 2002

Di., 12.09.2017 - Mi., 27.09.2017
"Pole Poppenspäler" (12 Folgen)
Es liest: Friedhelm Ptok
Produktion: SFB 2002

Do., 28.09.2017 - Fr., 29.09.2017
"Ein stiller Musikant" (2 Folgen)
Es liest: Gerd Grasse
Produktion: Funkhaus Berlin 1991

Sendung:
01.09.-29.09.2017 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr
21 Folgen

Die Lesungen "Da stand das Kind am Wege" und "Ein stiller Musikant" können Sie hier 7 Tage lang hören. Alle anderen Folgen dieser Klassikerlesung können wir Ihnen aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zum Hören anbieten. Das private Aufzeichnen von Radiobeiträgen ist jedoch zulässig. Mehr Informationen dazu finden Sie auf unserer Seite "Radiobeiträge aufnehmen mit Computer oder Smartphone".

Zuletzt aktualisiert: 05. September 2017, 14:37 Uhr

Die besten Novellen und Gedichte
Herausgegeben von Tilman Spreckelsen
Bildrechte: Fischer Verlag

Theodor Storm: "Das große Lesebuch"

"Das große Lesebuch"

Die besten Novellen und Gedichte
Herausgegeben von Tilman Spreckelsen
Taschenbuch: 576 Seiten
S. Fischer Verlag 2017
ISBN: 978-3596906260
12,00 Euro

Der Dichter Theordor Storm in seinem Jahrhundert
Bildrechte: Hanser Verlag

Jochen Missfeldt: "Du graue Stadt am Meer"

"Du graue Stadt am Meer"

Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert
Gebundene Ausgabe: 496 Seiten
Carl Hanser Verlag 2013
ISBN: 978-3446241411
27,90 Euro

Meistgelesen bei MDR KULTUR