Hallig Nordfriesland
Die nordfriesische Landschaft hat den Dichter und sein Werk stark geprägt Bildrechte: IMAGO

Lesezeit | 21.08.-25.08.2017 | Zum 200. Geburtstag Theodor Storm: Zwei Novellen

Der norddeutsche Schriftsteller Theodor Storm, dessen Geburtstag sich im September zum 200. Mal jährt, ist heute vor allem als Verfasser des "Schimmelreiters" bekannt. Dabei gibt es zahlreiche Texte, die gleichfalls Aufmerksamkeit verdient hätten. In dieser Lesezeit stellen wir zwei weniger bekannte Novellen vor: Ein Bekenntnis (1887) und Veronica (1859). Es lesen Heinz Schimmelpfennig und Helmut Wöstmann.

Hallig Nordfriesland
Die nordfriesische Landschaft hat den Dichter und sein Werk stark geprägt Bildrechte: IMAGO

Theodor Storm schrieb wehmütige Lyrik und empfindsame Prosatexte, die oft in seiner nordfriesischen Heimat wurzeln. In seinen Novellen lieferte er einprägsame Naturschilderungen Nordfrieslands und thematisierte die Nöte und Konflikte seiner Landsleute. Seiner Heimatstadt Husum setzte er mit dem Gedicht "Die Stadt" ein literarisches Denkmal.

Der Zeitgenosse Theodor Fontane kritisierte die "Husumerei" des Freundes, dabei war Storm weit mehr als ein provinzieller Heimatdichter. Vor allem in seinem Spätwerk thematisierte er die Widersprüche bürgerlichen Lebens zum Ende des 19. Jahrhunderts. "Er ist ein Meister, er bleibt." schrieb Thomas Mann 1930 in seinem Essay über Theodor Storm. Und er sollte damit Recht behalten.

Theodor Storm in der Lesezeit

Heute ist Storm insbesondere für die Novellen "Schimmelreiter" und "Pole Poppenspäler" bekannt, die oft Schullektüre sind. In der Lesezeit stellen wir mit "Ein Bekenntnis" und "Veronica" zwei weniger verbreitete Geschichten vor.

"Ein Bekenntnis", erschienen 1887, ist eine typische Storm-Novelle. Erzählt wird die Geschichte des Arztes Franz Jebe, der seiner schwer an Krebs erkrankten Frau einen vorzeitigen Tod gewährt.

Ich will das Wort nicht scheuen: ich habe sie getötet. Aber damals erschreckte es mich nicht, ging doch das Leid zu Ende!

Theodor Storm Ein Bekenntnis

Nach dem Tod seiner Frau muss Franz erfahren, dass die Medizin inzwischen schon so weit ist, diese Krebsart mittels eines operativen Eingriffs zu heilen. Eine Fachzeitschrift mit einem Artikel seines akademischen Lehrers über die neue Heilungsmethode hatte er vierzehn Tage vor dem Tod seiner Frau unbeachtet weggelegt. Erst später fällt ihm das Heft wieder in die Hände. Jebe sieht seine Tat daraufhin als Mord, er leidet und verliert den Lebensmut. Auch die Rettung einer anderen Patientin mit eben dieser Methode beruhigt ihn nicht.

Drei Jahre später trifft er zufällig seinen über Jahre nicht gesehenen Universitätsfreund Hans, den Erzähler der Geschichte. Ihm vertraut er in einem langen Gespräch sein Geheimnis an. Nach dem Bekenntnis geht der Arzt ohne Abschied nach Ostafrika, um Buße zu tun und dem Leben zu dienen. Nach dreißig Jahren erhält Hans durch einen Brief Kenntnis davon, dass Franz, der dort viele Jahre als Mediziner gewirkt hat, gestorben ist.

Wie Storm am 15. Juli 1887 in einem Brief an Paul Heyse erläuterte, habe er mit "Ein Bekenntnis" eine Antwort auf zwei Fragen gesucht: "Wie kommt einer dahin, sein Geliebtestes zu töten?" und "Was wird aus ihm, wenn er das getan hat?" Theodor Storm schrieb Novelle in dem Wissen, selbst unheilbar krank zu sein. Im November 1886 war bei ihm Magenkrebs diagnostiziert wurden.

Theodor-Storm-Museum in Heiligenstadt
Theodor-Storm-Museum in Heiligenstadt Bildrechte: IMAGO

Die kurze Novelle "Veronica" von 1861 entstand in der Heiligenstädter Zeit und ist einer der wenigen Texte, in denen nicht die nordfriesische Heimat als Schauplatz dient. Erzählt wird die Geschichte einer verheirateten jungen Frau, die vom Vetter ihres Mannes umworben wird. Obwohl sie sich dem Vetter entzieht, überkommt sie das Gefühl der Schuld. Die katholische erzogene Veronica will darüber Beichte ablegen, doch die Verfehlung einem Priester anzuvertrauen, gelingt ihr nicht.

Ohne das Zeichen des Kreuzes empfangen zu haben, stand sie auf und ging mit eiligen Schritten den Steig entlang. Ihre Kleider rauschten an den Kirchenstühlen; sie nahm sie zusammen; ihr war, als griffe alles nach ihr, um sie hier zurückzuhalten.

Theodor Storm Veronica

Ihr Gewissen zu erleichtern, wählt Veronica schließlich einen anderen Weg.

Der Schriftsteller Theodor Storm

Hans Theodor Woldsen Storm wurde am 14.9.1817 als Sohn eines Advokaten in Husum geboren. Von 1837-1842 studierte er Jura in Kiel und Berlin und eröffnete 1843 eine eigene Anwaltspraxis in Husum. Während der dänischen Herrschaft musste Storm seine Heimat verlassen. Er arbeitete ab 1853 als Gerichtsassessor in Potsdam und war von 1856-1863 Kreisrichter in Heiligenstadt.

Ein Ölgemälde mit dem Porträt des Dichters Theodor Storm hängt am 26.06.2013 in Husum (Schleswig-Holstein) im Theodor-Storm-Haus.
Porträt des Dichters im Theodor-Storm-Haus Bildrechte: dpa

Nach der Niederlage Dänemarks im Deutsche-Dänischen Krieg kehrte Storm, der in Abwesenheit von der Bevölkerung zum Landvogt gewählt worden war, im März 1864 nach Husum zurück. Er wurde 1867 Amtsrichter und 1879 Amtsgerichtsrat. 1880 ließ er sich vorzeitig pensionieren und siedelte ins holsteinische Hademarschen. Hier schrieb er seine Altersnovellen und vollendete im Frühjahr 1888 sein berühmtestes Werk "Der Schimmelreiter". Theodor Storm starb am 04.07.1888 in Hademarschen. Er wurde auf dem St. Jürgen -Friedhof in Husum beigesetzt.

Storm verfasste Lyrik, Märchen und über fünfzig Novellen. Bekannte Werke sind unter anderem die Gedichte "Die Stadt" (1852), "Knecht Ruprecht" (1862), und der Zyklus "Tiefe Schatten" (1865), die Märchen "Der kleine Hävelmann" (1849), "Die Regentrude" und "Bulemanns Haus" (1862), sowie die Novellen "Immensee" (1849), "Auf dem Staatshof" (1859), "Pole Poppenspäler" (1874) und "Aquis submersus" (1877).

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
Zum 200. Geburtstag von Theodor Storm am 14. September:
Zwei Novellen
von Theodor Storm

Mo., 21.08. - Do.,24.08.2017
"Das Bekenntnis" (4 Folgen)
Es liest: Heinz Schimmelpfennig
Produktion: WDR 1989

Fr., 25.08.2017
"Veronica"
Es liest: Helmut Wöstmann
Produktion: HR 1988

Sendung:
21.08.-25.08.2017 | 09:05-09:35 Uhr
5 Folgen

Wiederholung:
21.08.-25.08.2017 | 19:05-19:35 Uhr
5 Folgen

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Zuletzt aktualisiert: 30. August 2017, 10:51 Uhr

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