Königin-Luise-Brücke in Tilist (Sowjetsk)
Königin-Luise-Brücke in Bobrowskis Geburtstadt Tilsit (heute Sowjetsk) Bildrechte: IMAGO

Lesezeit | 18.04.-21.04.2017 | Zum 100. Geburtstag "Der Tänzer Malige" und andere Prosa von Johannes Bobrowski

Johannes Bobrowski galt Anfang der 60er-Jahre in Ost und West als große Hoffnung der deutschen Literatur. Am 9. April wäre der Dichter und Erzähler, der mit nur 48 Jahren starb, 100 Jahre alt geworden. In der Lesezeit widmen wir uns Johannes Bobrowoski mit einer Auswahl aus seinem Prosawerk. Es lesen Jürgen Hentsch, Jürgen Holtz und der Autor.

Königin-Luise-Brücke in Tilist (Sowjetsk)
Königin-Luise-Brücke in Bobrowskis Geburtstadt Tilsit (heute Sowjetsk) Bildrechte: IMAGO

Johannes Bobrowskis (1917-1965) war als Dichter ein später und kurzer Ruhm beschieden. Seine Lyrik, die er schon während des Zweiten Weltkrieges zu schreiben begann, wurde erst in den 1960er-Jahren bekannt. Sein erster Gedichtband "Sarmatische Zeit" erschien 1961, der zweite "Schattenland Ströme" 1962.

1917 in Tilsit geboren und aufgewachsen im Grenzgebiet zwischen Ostpreußen und Litauen, beschwört Bobrowski in seinen Gedichten die verlorene Welt seiner Kindheit und Jugend. Die weite osteuropäische Landschaft mit ihren Flüsse, Seen und Wäldern und ihrem bunten Völkergemisch wurde zum Sehnsuchtort, für den er das alte Wort "Sarmatien", eine spätantike Bezeichnung für Osteuropa, verwendete. Bobrowskis Thema ist das Verhältnis der Deutschen zu den östlichen Nachbarvölkern.

Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buche steht.

Johannes Bobrowski "Mein Thema"

Der Heimatverlust war für Bobrowski untrennbar verbunden mit der Schuld, die sein Volk auf sich geladen hatte und die er versuchte literarisch aufzuarbeiten. Anfang der 1960er-Jahre  wechselte er zur Prosa um das komplexe Thema zu vertiefen. 1964 erschien sein Roman "Lewins Mühle". Außerdem schrieb Bobrowski einige Erzählungen und experimentelle Prosastücke, veröffentlicht in den Erzählbänden "Boehlendorff und Mäusefest" (1965) und "Der Mahner" (1967). Wenige Wochen vor seinem frühen Tod 1965 beendete er seinen zweiten Roman "Litauische Claviere" (1966).

Bobrowski verbindet in seinen Texten Kindheitserinnerungen, historische Vorgänge und überlieferte Mythen, er beschreibt das friedlichen Zusammenleben der Völker im Osten Europas und erzählt vom Untergang einer jahrhundertealten multiethnischen Kultur.

Bobrowskis Prosa in der Lesezeit

In der Lesezeit sendet MDR KULTUR eine Auswahl der Prosatexte Johannes Bobrowskis, darunter die Erzählungen "Der Tänzer Malige", "Der Mahner"  und "Das Käuzchen", sowie Auszüge aus seinen beiden Romanen "Lewins Mühle" und "Litauische Claviere". Darin setzt sich der Schriftsteller auf unterschiedliche Weise mit der schuldhaften Vergangenheit der Deutschen im östlichen Europa auseinander.

Der "Tänzer Malige" erzählt von einem Soldaten im Zweiten Weltkrieg, der sich entscheidet, einem Juden zu helfen und sich selbst in Gefahr bringt. Die Erzählung "Der Mahner" (1967) spielt 1932 im ostpreußischen Königsberg. Ein litauischer Stadtstreicher warnt die Bevölkerung ein halbes Jahr vor der Machtergreifung vor den Nationalsozialisten, doch seine Warnung wird nicht gehört.

In "Levins Mühle" geht Bobrowski auf seiner Spurensuche noch weiter zurück in die Vergangenheit. Der Roman spielt im Westpreußen des Jahres 1874 und erzählt, angelehnt an die eigene Familiengeschichte, vom Konflikt eines deutschen Mühlenbesitzers mit seinem jüdischen Konkurrenten.

Die Geschichte "Das Käuzchen" führt ins Berlin der Nachkriegsjahre, Bobrowski schildert seinen Alltag in Berlin-Friedrichshagen, doch zugleich thematisiert er die Erinnerung an die verlorene Heimat.

Du hast die litauischen Lieder vor, plötzlich, mitten am Tag, das Essen ist auf dem Feuer, nachher kommen die Kinder aus der Schule ... Sag doch, wie leben wir hier? Nimmt man das Vaterland an den Schuhsohlen mit?

Johannes Bobrowski Das Käuzchen

Der Schriftsteller Johannes Bobrowski

Am 9. April 1917 wurde Johannes Bobrowski als Sohn eines Eisenbahnbeamten in Tilsit (heute Sowjetsk) geboren. Nach dem Abitur in Königsberg, studierte er Kunstgeschichte in Berlin. Jäh beendet wurde sein Studium mit seiner Einberufung im Jahr 1939. Er kehrte erst 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Johannes Bobrowski liegend, 1964, Fotograf: Lütfi Özkök
Johannes Bobrowski, 1964 Bildrechte: Johannes-Bobrowski-Gesellschaft /Lütfi Özkök

In Ostberlin arbeitete er als Lektor, zunächst im Altberliner Verlag Lucie Groszer, ab 1959 im Union Verlag. 1955 erschienen seine ersten Gedichte. Die Gruppe 47 lud ihn 1961 nach Westdeutschland ein, wo er öffentlich auftrat.  Für das Gedicht "Im Strom" erhielt er 1962 den Alma-Johanna-König-Preis sowie den Preis der Gruppe 47. Für "Levins Mühle" wurde Bobrowski mit dem Heinrich-Mann-Preis der Ostberliner Deutschen Akademie der Künste und dem Internationalen Charles-Veillon-Preis (Zürich) ausgezeichnet.

Bobrowski war einer der wenigen Autoren, dessen Bücher parallel in der DDR und in der Bundesrepublik erschienen. Der zunehmende Erfolg in beiden deutschen Staaten rief das Interesse der Staatssicherheit auf den Plan. Bobrowski trat in den Deutschen Schriftstellerverband der DDR ein, was er bis dahin vermieden hatte. Er sah sich immer als deutscher Dichter, der sich von keinem System vereinnahmen lassen wollte.

Johannes Bobrowski starb am 2. September 1965 in Berlin-Köpenick. Er wurde auf dem Christophorus-Friedhof in Berlin-Friedrichshagen beigesetzt.

Der Sprecher Jürgen Hentsch

Jürgen Hentsch wurde am 17. März 1936 in Görlitz geboren. Nach seiner Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" und Engagements an verschiedenen DDR-Bühnen wurde er 1966 ans Deutsche Theater in Berlin geholt. Sein Filmdebüt gab er 1965 in der DEFA-Produktion "Karla".

Schauspieler Jürgen Hentsch in der MDR-Hörspielproduktion
Jürgen Hentsch Bildrechte: MDR/Dabdoub

Mitte der 1980er-Jahre verließ Jürgen Hentsch die DDR. Seine Schauspiellaufbahn setzte er im Westen erfolgreich fort, stand im Wiener Burgtheater und bei den Münchner Kammerspielen auf der Bühne. Außerdem war er in zahlreichen Film- und Fernsehrollen zu erleben, so als Physiker Werner Heisenberg in "Ende der Unschuld" (1990) oder als Herbert Wehner im Brandt-Politikfilm "Im Schatten der Macht" (2003). Für seine Rolle als Heinrich Mann in "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" wurde er 2002 u. a. mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Daneben beeindruckte Jürgen Hentsch als Hörspielsprecher mit seiner dunklen, samtenen Stimme. Beim MDR hat er unter anderem in Bulgakows "Der Meister und Margarita" (1998) oder in Joseph Roths "Hiob"(1999) mitgewirkt. Für die Lesezeit hat er Philip Roths "Der menschliche Makel" (2003) und Stefan Zweigs "Sternstunden der Menschheit" (2008) eingelesen. Jürgen Hentsch starb am 21. Dezember 2011.

Der Sprecher Jürgen Holtz

Jürgen Holtz wurde am 10. August 1932 in Berlin geboren und wuchs dort auf. Nach dem Abitur studierte er am Theaterinstitut Weimar und an der Theaterhochschule Leipzig. Erste Theaterengagements führten ihn nach Erfurt, Brandenburg/Havel und Greifswald.

Jürgen Holtz
als König in der Hörspielproduktion
Jürgen Holtz Bildrechte: Foto:MDR/Dabdoub

Von 1964-1966 war Jürgen Holtz an der Ostberliner Volksbühne am Luxemburgplatz, danach am Deutschen Theater in Ostberlin. Zu seinen wichtigsten Rollen in den 60er und 70er Jahren zählen die Titelrolle in der Benno-Besson-Uraufführungsinszenierung von Peter Hacks' "Moritz Tassow" (1966) und der Angelo in Adolf Dresens Inszenierung von Shakespeares "Maß für Maß" (1968).

1974 wechselte Jürgen Holtz an das "Berliner Ensemble" und spielte dort u. a. den Diener Jean in Strindbergs "Fräulein Julie" (1975). Diese Inszenierung von B. K. Tragelehn und Einar Schleef wurde verboten. 1977 kehrte er an die Volksbühne zurück und überzeugte hier vor allem in Heiner-Müller-Stücken.

1983 reiste Jürgen Holtz aus der DDR aus und erhielt am Residenztheater in München sein erstes bundesdeutsches Engagement. Seit 1995 arbeitete Jürgen Holtz wieder am Deutschen Theater Berlin, seit 2000 am Natrionaltheater Mannheim. Er spielt auch regelmäßig am Berliner Ensemble.

Bekannt wurde er einem breiten Publikum als gesamtdeutscher Nörgler "Motzki" in der gleichnamigen ARD-Serie (1993), die Wolfgang Menge schrieb.

Bei MDR KULTUR hat Jürgen Holtz als Sprecher unter anderem in der Hörspielinszenierung von Bulgakows "Der Meister und Margarita" (1998) und in Jósef Ignacy Kraszewskis "Gräfin Cosel" mitgewirkt.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
Zum 100. Geburtstag von Johannes Bobrowski am 9. April:
"Der Tänzer Malige" und andere Prosa
Von Johannes Bobrowski

Di, 18.04.2017
"Der Tänzer Malige"
Es liest: Jürgen Hentsch
Produktion: MDR 1992
"Der Mahner" und "Das Käuzchen"
Es liest: Johannes Bobrowski
Produktion: Rundfunk der DDR

Mi, 19.04. - Do, 20.04.2017
"Litauische Claviere" (Auszug, 2 Folgen)
Es liest: Jürgen Holtz
Produktion: Rundfunk der DDR 1971

Fr., 21.04.2017
"Levins Mühle" (Auszug)
Es liest: Johannes Bobrowski
Produktion: Rundfunk der DDR 1964

Sendung:
18.04.-21.04.2017 | 09:05-09:35 Uhr
4 Folgen

Wiederholung:
18.04.-21.04.2017 | 19:05-19:35 Uhr
4 Folgen

Sie können die Folgen dieser Lesezeit nach ihrer Ausstrahlung hier jeweils sieben Tage lang nachhören. Aus urheberrechtlichen Gründen können wir Ihnen die Erzählungen "Der Tänzer Malige" und "Das Käuzchen" leider nicht im Internet zum Hören anbieten. Das private Aufzeichnen von Radiobeiträgen ist zulässig. Mehr Informationen dazu finden Sie auf unserer Seite "Radiobeiträge aufnehmen mit Computer oder Smartphone".

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2017, 16:37 Uhr

Johannes Bobrowski: Litauische Claviere
Bildrechte: Verlag Klaus Wagenbach

Johannes Bobrowski Litauische Claviere

Litauische Claviere

Roman
Taschenbuch: 149 Seiten
Reclam Verlag 2009
ISBN: 978-3150214701
8,90 Euro

Johannes Bobrowski: Levins Mühle
Bildrechte: Reclam Verlag

Johannes Bobrowski Levins Mühle

Levins Mühle

34 Sätze über meinen Großvater
Taschenbuch: 232 Seiten
Verlag Klaus Wagenbach 2015
ISBN: 978-3803132741
17,90 Euro

 Johannes Bobrowski: Mäusefest, Erzählungen
Bildrechte: Verlag Klaus Wagenbach

Johannes Bobrowski Mäusefest

Mäusefest

Erzählungen
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag Klaus Wagenbach 2017
ISBN: 978-3803113252
17,00 Euro

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