eine Frau in einem russischen Buchladen
Blick in einem russischen Buchladen Bildrechte: dpa

Spezial: Im Osten was Neues Der literarische Blick nach Osteuropa

Die Frankfurter Buchmesse wird ihrem Namen als größtes Branchentreffen der Welt auch in diesem Jahr wieder gerecht. 7.000 Aussteller aus 100 Ländern sind angereist, 1.000 Autoren aus aller Welt sind zu Gast, 4.000 Veranstaltungen finden statt. Doch während die Literatur aus dem diesjährigen Gastland Frankreich, aus England oder den USA in Deutschland in der Regel mühelos ihre Leser findet, ist es für Neuerscheinungen aus Polen, Kroatien oder Russland oft nicht ganz so leicht, sich durchzusetzen. MDR KULTUR stellt literarische Schätze aus und über Osteuropa vor.

eine Frau in einem russischen Buchladen
Blick in einem russischen Buchladen Bildrechte: dpa

Kroatischer "Liebesroman"

Ivana Sajko während einer Podiumsdiskussion
Die kroatische Schriftstellerin Ivana Sajko Bildrechte: IMAGO

Die kroatische Schriftstellerin, Dramaturgin und Regisseurin Ivana Sajko ist in ihrem Land eine wichtige künstlerische Stimme und ihre Theaterstücke wurden auch in Deutschland aufgeführt. Nun hat sie mit "Liebesroman" ein Buch vorgelegt, über das der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer schreibt: "Als ich Ivana Sajko das erste Mal traf und ihre Texte hörte und las, wusste ich sofort, das ist was Besonderes. Da spürte ich die Kraft ihrer Sprache, die Schmerzen der Liebe und des Krieges, und ich war getroffen von diesem klaren und poetischen Sajko-Sound." Es ist dies ein Sound, der von politischen und ökonomischen Leerstellen erzählt, die die Menschen in Bulgarien, Rumänien, Ungarn und den ehemals jugoslawischen Staaten bis heute spüren. Leerstellen, die weder von der Europäischen Gemeinschaft noch vom politischen System in dem jeweiligen Land geschlossen werden konnten. Ivana Sajko erzählt in bestürzenden Szenen davon.

Ivana Sajko: Liebesroman
Ivana Sajko: "Liebesroman"
Übersetzt aus dem Kroatischen von Alida Bremer
Voland & Quist
176 Seiten
Bildrechte: Voland & Quist

"Die Prozentzahl der Bürger, die von Luft leben, hat die fünfzig überschritten, die Streichung sozialer Zuwendungen wurde angekündigt, genauso wie neue Budgetkürzungen und Entlassungen sowie die Einführung der Steuer auf Laufen, Atmen und Verdauen. Ganz im Ernst. Es nutzt nichts, dass sie ihre Gürtel bis zum Durchmesser einer Halsschlinge enger geschnallt haben, denn auch andere haben das getan, und dennoch sind sie Opfer des defizitären Marktes geworden, physisch am Leben, aber ökonomisch tot, man kann sie sehen, wie sie durch die Straßen schleichen, eingewickelt in rote Schwangerschaftsmäntel, die sie im Müll gefunden haben."
A
us: "Liebesroman" von Ivana Sajko

Deutsch-polnische Beziehungen

Doch nicht nur aus Osteuropa ist die Literatur vielstimmig, auch über Osteuropa lässt sich viel sagen und schreiben, sowohl in Sachbüchern als auch in Romanen. Der Journalist und Schriftsteller Uwe Rada hat seit dem Fall der Mauer von Berlin aus immer wieder das östliche Europa bereist und seine Erfahrungen in mehreren Büchern aufgezeichnet. Besonders das deutsch-polnische Grenzgebiet hat es ihm angetan, und zwar im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Nun steht die Frage "Wie nahe oder wie fern sind sich Deutsche und Polen eigentlich" auch im Zentrum des neuen Romans von Uwe Rada: "1988" - eine deutsch-polnische Liebesgeschichte in Westberlin, die sowohl im Jahr 1988 als auch heute spielt. Das wiedervereinigte Berlin unserer Tage sei übrigens schon längst zu "Polski Berlin" geworden, meint Uwe Rada.

Uwe Rada: 1988
Uwe Rada: "1988"
edition.FotoTAPETA
256 Seiten
Bildrechte: edition.FotoTAPETA

"In Berlin leben mehr als 200.000 Menschen mit polnischer Muttersprache. Berlin ist damit in Europa die größte polnische Stadt außerhalb Polens. Ich sehe das übrigens als Bereicherung. Gerade in den vergangenen Jahren gab es einen ganz intensiven kulturellen Austausch. Auch und gerade wegen der polnischen Berliner ist Berlin eine weltoffene, kosmopolitische Stadt. Denn es sind gerade vor allem die jungen liberalen Polen, die nach Berlin kommen. Die anderen, die, die sich vor der kulturellen Vielfalt fürchten, bleiben lieber Zuhause."
Uwe Rada, Journalist und Schriftsteller

Erschienen ist "1988" in der Edition Fototapeta, die sein besonderes Augenmerk ebenfalls auf Romane, Essay und Fotobücher aus und über Ost- und Südosteuropa legt. Gegründet wurde er 2007 als deutsch-polnisches Projekt, heute kommen die Bücher des Verlags alle aus Berlin.

Russische Geschichte neu aufgelegt

Der ungarische Schriftsteller György Dalos nimmt am 09.10.2012 in der Nikolaikirche Leipzig (Sachsen) am Friedensgebet in Erinnerung an die friedliche Revolution vom Herbst 1989 teil.
Der ungarische Schriftsteller György Dalos Bildrechte: dpa

Nicht wenige aktuelle Sachbücher widmen sich in diesem Jahr dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. So hat Gerd Koenen in seinem Buch "Die Farbe Rot" die Ursprünge und die Geschichte des Kommunismus sehr anschaulich beschrieben und versucht sich Karl Schlögel in "Das sowjetische Jahrhundert" an der Archäologie einer untergegangenen Welt. Die Epoche vor 1917 hat sich ein weiterer renommierter Kenner Osteuropas vorgenommen, der in Berlin lebende ungarische Schriftsteller und Historiker György Dalos. In "Der letzte Zar" berichtet er vom Untergang des Hauses Romanow.

György Dalos: Der letzte Zar. Der Untergang des Hauses Romanow
György Dalos: "Der letzte Zar. Der Untergang des Hauses Romanow"
C.H. Beck Verlag
230 Seiten
Bildrechte: C.H. Beck Verlag

"Nikolaj trug seinen Sohn auf dem Arm. Alexandra fragte nach einer Sitzmöglichkeit, woraufhin ihnen zwei Stühle gebracht wurden. Jurowskij las einen kurzen Text vor: "Nikolaj Alexandrowitsch, ihre königlichen Verwandten im In- und Ausland haben versucht, sie zu befreien, und der Sowjet der Arbeiterdeputierten hat Befehl erteilt, Sie alle zu erschießen."- "Was? Wie?" soll der Zar gefragt und instinktiv mit einer Hand die Zarin mit der anderen den Zarewitsch geschützt haben. Dann wurde das Feuer eröffnet."
A
us: "Der letzte Zar" von György Dalos

Ob Romane, Sachbücher, ob Streifzüge durch die Gegenwart oder Betrachtungen über die Vergangenheit, eines ist sicher: Der literarische Blick nach Osten lohnt sich.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 12. Oktober 2017 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2017, 21:00 Uhr

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