Lana Del Rey
Lana Del Rey spielt mit dem Charme vergangener Zeiten Bildrechte: Universal Music

Neue Alben | 31.07.2017 Die dunkle Lebenslust der Lana del Rey

Die Sängerin Lana del Rey polarisiert. Die einen sind fasziniert von ihrer Stimme und dem Charme ihrer Musik. Die anderen werfen ihr Künstlichkeit vor, in ihrem Poperfolg und durch medizinische Schönheitsoptimierungen. Weitere Albenempfehlungen: Randy Newman mit dunkler Materie, Zervas & Pepper mit Sixtiessound, Saleem Ashkar spielt Beethovens Klaviersonaten, Liebeslieder aus dem 17. Jahrhundert und Heinrich Baermanns Klarinettenmusik.

von Johannes Paetzold und Martin Hoffmeister

Lana Del Rey
Lana Del Rey spielt mit dem Charme vergangener Zeiten Bildrechte: Universal Music

Lana del Rey: "Lust for Life"

Mit dem Song "Video Games" wurde Lana del Rey weltberühmt. Gehauchte Worte auf schweren Beats, man sinkt hinein wie in einen tiefen Berberteppich, wie aus einem David-Lynch-Film, mit unscharfen Bildern im fernen Nebel, die Bilder aus einer idealisierten Vergangenheit zeigen. Posierend, melancholisch, mit einem lasziv mit Suizid kokettierenden Blick, das ist Elizabeth Grant. Als Lana del Rey schuf sich die New Yorkerin eine Kunstfigur. Und die Plattenbosse klatschten in die Hände, als sich die Lippen der jungen Künstlerin auch noch mit Botox aufblähten. Klingt alles schrecklich - aber dann betört diese Musik doch. Einmal mehr auf "Lust for Life", ihrem vierten Album. Da verknüpft sich der Geist von Nancy Sinatra & Lee Hazlewood - Paten dieses Sixties-Soundtracks der glückseligen Depression - mit den verschleppten Beats der angesagten Trap-Musik aus dem Südstaaten-Hip Hop.

Lana del Rey: “Lust for Life”
Lana del Rey: "Lust for Life"
Label: Interscope Records, Polydor
Bildrechte: Polydor

Lana del Rey ist mit Kunstfigur und Musik wieder einmal komplett austauschbar und reproduzierbar. Und doch klingt sie diesmal zumindest zeitgemäßer denn je. Da hilft mal ein dahingehauchtes "Fuck", sicher auch die moderne Studiointerpretation des alten Sixties-Kalifornien-Sounds und ein Aufgebot an prominenten Stimmen, von Rapper Asap Rocky über The Weeknd und Sean Ono Lennon bis zu Stevie Nicks. So funktioniert Lana Del Rey, die sich mit Ikonen vergangener Zeiten inszeniert (Stevie Nicks) oder deren Kindern (Sean Lennon).

Eine Hand bleibt an der Gegenwart. Was Lust for Life von den Vorgängern abhebt, ist seine aktuelle Berichterstattung aus Sicht der Musikerin. Unschwer ist es, den Bezug in die heutigen USA auf "When the World Was at War We Kept Dancing" zu ziehen. "Beautiful People Beautiful Problems" ist eine Sozialkritik an der Schere zwischen von Arm und Reich. "God Bless America", spricht ebenfalls Bände. Und mit "Coachella Woodstock in My Mind" reflektiert Lana del Rey sogar den Nordkoreakonflikt. Alles gekonnt und mit wachsender Expertise. Und manchmal möchte man sogar denken, es gäbe diese Lana Del Rey wirklich und sie würde auch in einer Fußgängerzone ihre schmachtvollen Lieder singen. Aber das ist eben die Traumwelt der Popmusik. (jp)

Randy Newman: "Dark Matter"

Randy Newman näselt wieder, nach langer Pause, sein gefeiertes Album "Harps and Angels" liegt neun Jahre zurück. Nun schenkt er uns einen kurzen aber tiefen Blick in die "Dark Matter", das Album mit seinen neun Songs ist lediglich 39 Minuten lang. Dunkle Angelegenheiten lässt sofort Reflektionen auf die Trump-USA erwarten. Und Newman hatte auch einen Song über Trump geschrieben, ein musikalisch gesungener Vergleich der Penislängen. Der Song schaffte es aber nicht auf das Album, war dem Schöpfer von sarkastischen Boxschlägen wie "Short People" zu banal.

Randy Newman: “Dark Matter”
Randy Newman: "Dark Matter"
Label: Warner
Bildrechte: NONESUCH

Dafür bekommt Russlands Präsident Wladimir Putin in einen eigenen Song sein Fett weg. Newman tänzelt im Wiegetakt um den russischen Präsidenten: "Sehe ich Putin mit nacktem Oberkörper, wünschte ich, ich wäre eine Lady!" Kleiner Punch. Gefolgt vom Chor der Putin-Girls. Klingt wie Cabaret. Und Musical.

"Dark Matter" ist eine Revue, mit mehr Stimmen als Randy Newman sich sonst für seine Charaktere überstülpt. Und er hat mehr Spaß denn je am Komponieren, Inszenieren und Performen von Songs.

"Brothers" beginnt mit einer nasskalten Nebel-Melancholie und erzählt vom Plantagenleben. Nach vielen Wegbiegungen endet der Song in einer Son & Salsa-Hommage an Celia Cruz. "Dark Matter" trompetet in der feurigsten Nummer auf dem Album ein "It's a Jungle Out There" in die Ohren. Doch Randy Newman sieht sich offensichtlich nicht allein und verloren im Dschungel, dafür aber verträumt und entspannt, so auf  "On the Beach" mit Reminiszenzen an die High School. Er entlässt die Hörer mit einem "Wandering Boy", einer seiner typischen Stillstand-Klavierakkordballaden.

"Dark Matter" wird vermutlich keinen großen Wirbel in der Musikszene hinterlassen. Das Album kommt unvermutet von links auf die Bühne, ist aber eindrucksvolle und empathische Musik aus den Fingern, der Seele und dem Handwerkertalent eines großen amerikanischen Komponisten. (jp)

Zervas & Pepper: "Wilderland"

Cardiff liegt am Meer und große Teile von Kaliforniens bekanntlich auch. Gut, das Klima an Amerikas Westküste ist beständiger, wärmer, "Beach Boy"-iger. Kein Wunder, dass ein Duo an der walisischen Küste sich da an die Strände Kaliforniens träumt. Dazu aber auch zeitlich zurück in die Sixties, in die Zeit von The Mamas & the Papas, Joni Mitchell und natürlich Crosby Stills Nash & Young.

Zervas & Pepper: „Wilderland“
Zervas & Pepper: "Wilderland"
Label: India Records
Bildrechte: INDIA RECORDS

Zervas & Pepper, das singende Pärchen aus Cardiff, bringt mit "Wilderland" sein drittes Album mit Folk und Rock heraus. Es ist diesmal noch klarer an den "Summer of Love" 1967 angelehnt. So sehr, dass David Crosby, erklärter Fan der beiden, ihnen seinen Sohn James Raymond als Produzenten für "Wilderland" empfahl. Der lässt die beiden mit Bach-Rauschen ihr wildes Land betreten. Der Gitarrensound, die offenen Flächen, das Mitschwingen des Raumes, all das trägt den Spirit aus der Band seines Vaters (David Crosby).

Kompositionen, Gitarrenriffs, dafür sind die beiden aber selbst verantwortlich. Und auch für die wunderbaren mehrstimmigen Gesänge in "Hotel Bible". Das könnte aus dem Backkatalog von den Byrds stammen. "Mountain to Ocean" könnte dementsprechend der "Carry On" Zeit von CSNY entsprungen sein. "Mazeppa and the Wild Horse" changiert zwischen Neil-Young-Solo und Buffalo Springfield.

Merkwürdig, dass man sich bei allen Reminiszenzen und Anlehnungen nicht eingemottet fühlt oder sogar ums Original betrogen. Selbst die Fleet Foxes lassen sich mit ihrer Rückkehr zum Instrumentalgesang nicht so in die Vergangenheit fallen, wie Kathryn Pepper und Paul Zervas aus Cardiff. Vielleicht liegt es auch daran, dass man hier zwar US-Folkrock der Sixties hört - aber eben mit einer gewissen britischen Sensibilität, bei der aufmerksame Zuhörer, bei all den Assoziationen, eben auch mal Sixties-Folk aus England mit Pentangle und deren filigranes Spiel heraushören.

Für "Wilderland" haben sich Zerva & Pepper in eine Hütte in den Rockies zurückgezogen, die Songs dann bei James Raymond in Los Angeles aufgenommen. Was dabei herauskommt, muss man in Sommerstrahlen einfach im Auto auf Lautstärke und offenem Verdeck bei der Fahrt entlang der Küste hören. Egal ob die Wellen dabei an Kaliforniens Küste branden, oder an walisische oder deutschen Ufern und Gestaden. (jp)

Saleem Ashkar: "Beethoven - Piano Sonatas Nos. 3, 5, 14 & 30"

Im weiten Feld avancierter Pianistik zählt Saleem Ashkar fraglos zu den originärsten und unkonventionellsten Persönlichkeiten. Bereits in seiner Jugend vermochte der in Berlin lebende Pianist israelisch-palästinensischer Provenienz an der Seite der renommiertesten Orchester zu reüssieren und debütierte mit 22 Jahren in der New Yorker Carnegie Hall.

Beethoven, Piano Sonatas Nos. 3, 5, 14 & 30, Saleem Ashkar
Saleem Ashkar: "Beethoven - Piano Sonatas Nos. 3, 5, 14 & 30"
Saleem Ashkar, Klavier
Label: Decca
CD-Bestellnummer: 4815323
Bildrechte: Decca

Ashkars vergangene Konzertsaison stand fast ausschließlich im Zeichen des Beethoven-Sonatenzyklus, den er in Israel, Berlin, Prag und Osnabrück erfolgreich realisierte. Bis zum Jubiläumsjahr 2020 werden die einschlägigen Beethoven-Aktivitäten zudem von einer Gesamteinspielung des Zyklus' komplettiert werden. Die vorliegende erste Folge umfasst vier Sonaten. Bei den Aufnahmen verwendete Ashkar mit einem Bechstein Grand D ein Instrument, das dessen klanglich-dynamische Präferenzen und die unbedingte Abbildung von Transparenz nachhaltig unterstützt. Der Hörer vernimmt existentiell aufgeladene Beethoven-Exegesen, die nicht nur durch eminentes Handwerk, sondern auch durch ihre spezifische Balance zwischen Luzidität, nuancierter Klanggebung, schattierter Dynamik und emotionalem Furor einnehmen. Ein denkwürdiger Auftakt eines opulenten Sonaten-Projektes. (mh)

Marco Beasley - "Meraviglia d’amore"

Dem "Wunder der Liebe" hat sich die CD des italienischen Sängers Marco Beasley verschrieben. Das ist kaum übertrieben, vergegenwärtigt man sich die Texte des abgebildeten Liedmaterials aus dem Frühbarock ebenso, wie die zwischen zarter Einlassung und dynamischem Zugriff oszillierenden Klangtableaus.

Meraviglia d’amore: Love Songs from 17th-century Italy, Marco Beasley, Private Musicke, Pierre Pitzl
"Meraviglia d’amore - Love Songs from 17th-century Italy"
Marco Beasley, Tenor
Private Musicke
Leitung: Pierre Pitzl
Label: Accent
CD-Bestellnummer: ACC 24330
Bildrechte: Accent

Beasley macht ernst mit den zahllosen Zwischentönen und Ornamenten des einschlägigen Gefühls und dessen Implikationen. Sein farbenreicher, natürlicher, völlig unartifizieller Tenor zelebriert authentisch das entsprechende Spektrum zwischen Emphase, Passion, Trauer, Abgrund, Zerrüttung und Überschwang und lässt die fernen Welten eindrücklich, plastisch und suggestiv erstehen.  Getragen wird Beasley dabei vom musikalischen Instinkt, vom Raffinement und der eminenten Subtilität des Ensembles Private Musicke um den Barock-Gitarristen Pierre Pitzl. Beispielhaft! (mh)

"Heinrich Baermann - Quintets for Clarinet and String Quartet op. 19, 22 & 23"

Heinrich Baermann: Quintets for Clarinet and String Quartet op. 19, 22 & 23, Rita Karin Meier, Belenus Quartet
"Heinrich Baermann - Quintets for Clarinet and String Quartet op. 19, 22 & 23"
Rita Karin Meier, Klarinette
Belenus Quartet
Label: Musikproduktion Dabringhaus und Grimm
CD-Bestellnummer: MDG 9031988-6
Bildrechte: Musikproduktion Dabringhaus und Grimm

Virtuose, Komponist, Lehrer: Ohne Heinrich Joseph Baermann, der Legenden wie Carl Maria von Weber oder Felix Mendelssohn Bartholdy zu bedeutenden Werken inspirierte, wäre die Geschichte des Klarinettenrepertoires deutlich anders verlaufen. Doch gehören die einschlägigen Werke seiner Zeitgenossen zum festen Aufführungskanon, muss an Baermanns eigenes Schaffen stets von neuem erinnert werden.

Umso nachdrücklicher strahlt vorliegende Einspielung der Klarinetten-Quintette, die zum Konsistentesten zählen, das die Gattung zu bieten hat. Baermanns Kammermusikkosmos ist gekennzeichnet durch beispielhafte Virtuosität, Sanglichkeit, koloristisches Raffinement und vollendete Faktur. Die Musiker agieren durchgehend organisch, präzise, beweglich und idiomsicher. Ein Plädoyer für das Werk eines großen Unbekannten. (mh)

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Spezial | 31.07.2017 | 18:05-19:00 Uhr

Schallplatten, Musik, Platten, Plattensammlung, DJ
Bildrechte: Colourbox.de

Musik Neuvorstellungen Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

Insgesamt gibt es sechs Empfehlungen aus Jazz, Pop, Weltmusik, Chanson, Klassik, Barock etc. - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonntags zwischen 17:05 und 18:00 Uhr.