Nick Cave and the Bad Seeds
Der australische Musiker Nick Cave Bildrechte: dpa

Neue Alben | 12.09.2016 Verboten gut und düster

Nick Cave verarbeitet auf seinem neuen Album "Skeleton Tree" den Tod seines Sohnes, singt aber auch von der Liebe. Singer/Songwriter Moddi adaptiert auf "Unsongs" zensierte Lieder. Und Carolin Widmann wagt sich als Geigerin und Dirigentin an die Violinkonzerte von Mendelssohn und Schumann – für unsere Musikredaktion schon jetzt eine der besten Neuerscheinungen des Jahres.

von Johannes Paetzold (Pop) und Martin Hoffmeister (Klassik)

Nick Cave and the Bad Seeds
Der australische Musiker Nick Cave Bildrechte: dpa

Moddi: "Unsongs"

Label: Propeller Recordings

Moddi kommt aus Norwegen, aus einer musikalischen Familie. Mit Akkordeon und Gitarre gewappnet, wurde er schon in jungen Jahren populär mit seinen Songs zwischen Folk, Pop und Singer-/Songwritertum. Mit "Unsongs" ist ihm ein beeindruckendes musikalisches Projekt gelungen: 12 Lieder, die alle zensiert wurden. Moddis weltweite Auswahl ist umwerfend im wahrsten Sinne.

CD-Cover: Moddi: „Unsongs“
Bildrechte: PROPELLER RECORDINGS

Von Kate Bushs "Army Dreamers", den die BBC während des Irakkrieges zensierte, über "Punk Prayer", der Song, der zur Inhaftierung der Band Pussy Riot in Russland führte, weiter zu Liedern von Victor Jara, von algerischen Freiheitskämpfern und – in die eigene Geschichte zurückgehend – einen Protest-Song der Sami-Ureinwohner Norwegens. Moddi lässt alles zu, auch einen Song, der Mexikos Drogendealer aufwertet und deswegen verboten wurde.

Die Bandbreite von "Unsongs" gibt uns zu denken. Darüber, wie und wo Zensur eingesetzt wird: Eben nicht nur in Diktaturen, sondern auch in der westlichen Welt. Und darüber, was Lieder bewirken können. Denn als Moddi den Song "Punkprayer" in einer norwegischen Kirche nahe der russischen Grenzen für ein Video neu aufnehmen wollte, wurde ihm das Gotteshaus verwehrt. Die Lieder wirken also bis heute, stellt Moddi fest. Er hat sie adaptiert, in Text und Komposition in die heutige Zeit gebracht.

Im Anschluss an die Albumaufnahmen hat der Norweger die Länder von Algerien bis Libanon besucht – ein unglaubliches Projekt für den jungen Mann und für die Welt. Und, auch das sei nicht vergessen: Die Präsentation dieser Lieder steht dem hohen Ansatz des Projekts in nichts nach.

George Leitenberger: "Autovía"

Label: Mexican Railroad Music

CD-Cover: George Leitenberger: „Autovía“
Bildrechte: MEXICAN RAILROAD MUSIC

Aufgewachsen in Deutschland, Stationen in Frankreich, England und nun in der Schweiz: Musiker George Leitenberger, der auch für Film und Theater als Komponist tätig ist. Sein neues Album "Autonía" ist eine musikalische Weltreise, ein Roadmovie, das den Hörer vom Bluesdelta zur französischen Musette und vom Genfer See nach Kenia mitnimmt. Mit der manchmal etwas zu schnoddrigen Stimme erzählt Leitenberger vom "Wetterleuchten", "How the West was won" und "Von Wegen". Dabei bricht er gerne mit den Formen, im wunderbaren Eröffnungssong tackert die Gitarre, und der Wind weht uns auf der Reise – dafür lässt sich Leitenberger schon mal acht Minuten Zeit; im Schluss-Song darf es gleich eine Viertelstunde sein.

Leitenberger macht das, weil er was zu erzählen hat und weil das manchmal Zeit braucht. Und weil jede Erzählung – beispielsweise vom Kuss, der durch die Luft fliegt zu seiner neuen Heimat Genf – eine eigene Einbettung braucht, von Länge, musikalischem Stil und Ansprache. Und dann deckt Leitenberger auch einmal Einflüsse auf, wenn er den alten Recken Degenhardt mit "Dem Aufrechten Gang" auf seine Reise mitnimmt. Dieses Album evoziiert Springsteen in seinen akustischen Momenten, J. J. Cale, Stephan Eichler aus Leitenbergers neuer Heimat – und ist gleichzeitig tiefpersönlich. Ein "Travelogue"-Album, bei dem man gerne auf dem Rücksitz Platz nimmt und mitfährt.

Nick Cave & The Bad Seeds: "Skeleton Tree"

Label: Bad Seed / Kobalt Label Services

Nick Cave ist der melancholische, depressive Düstermann unter den Indie-Rockern; der Mann der Moritaten und Balladen aus dem Abgrund. Nick Cave lebt nach Drogen- und Exzessjahren heute gesetzter mit seiner Familie in Brighton an Südenglands Küste. Vor fast genau einem Jahr kam einer seiner beiden Zwillingssöhne beim Sturz von den Klippen unweit seines Hauses ums Leben. "Skeleton Tree", Caves neues Album, ist seine Antwort auf den Schicksalsschlag.

CD-Cover: Nick Cave & The Bad Seeds: “Skeleton Tree”
Bildrechte: Bad Seed / Kobalt Label Services

Die acht Songs wurden nach den Aufnahmen kaum bearbeitet, es sind "First Takes", die unfertig bleiben, aber perfekt den Moment spiegeln. Caves australischer Wegbegleiter Warren Ellis begleitet ihn auf der Geige, legt Sampels und Loops aus den Effektgeräten unter den Gesang. Schon immer hatten Caves Songs nach seiner Zeit mit "The Birthday Party" oft etwas bedrohlich Schwebendes. Hier wird es noch düsterer, Schwarz wird auf Schwarz gepinselt. Mit dem Tod des Sohnes bekommt jedes Wort neue todtraurige Bedeutung.

Natürlich ist "Skeleton Tree" ein gespenstisches Werk. Und trotzdem singt Cave auch von der Liebe, die über den Verlust hinweg über das Meer sehnsüchtig streift. Mit großem Pathos singt Else Torp in "Distant Sky" über ein tranzendentales Leuchten am Horizont, schwülstig melodramatisch wie man es von früher bei Cave kennt, das aber diesmal auf den Schwingen gelebter Schicksalshaftigkeit daher fliegt.

Während der Albumaufnahmen wurde gefilmt, 2D und 3D, ohne Schnitte, "One More Time With Feeling" heißt der Film den man unbedingt zum Album sehen sollte. Nick Cave, der düstere Reiter der Apokalypse war immer auf dem Ritt in den Fluchtpunkt der Dunkelheit. Mit dieser menschlichen Katastrophe ist er ihm entgegengeschleudert worden. Warum er sich das antut, fragt man sich nach Album und Film. Wahrscheinlich ist alles besser als still zu bleiben im Angesicht des Unfassbaren. Die Fans werden ihm folgen, der Rest darf hoffen, dass wieder bessere Zeiten für den Musiker zurückkommen.

Carolin Widmann:
"Felix Mendelssohn-Bartholdy - Robert Schumann"

Ensemble: Chamber Orchestra of Europe
Label: ECM Records

Die Münchner Geigerin Carolin Widmann zählt zweifellos zu den profiliertesten Musikerinnen ihres Faches weltweit. Nicht nur vermag sie vermittels eines ungemein schlanken, fokussierten und farbenreichen Tons das einschlägige Barock-Repertoire angemessen auszuleuchten, sondern ebenso die Klangwelten des 18. und 19. Jahrhunderts. Eine besondere Affinität zur zeitgenössischen Musik zeigen darüber hinaus zahllose Einspielungen und Uraufführungen.

CD-Cover: Carolin Widmann - Chamber Orchestra of Europe
Bildrechte: ECM Records

Die aktuelle CD zeigt Widmann in der Doppelrolle als Geigerin und Dirigentin des "Chamber Orchestra of Europe" mit zwei repräsentativen Violinkonzerten der Romantik. Erfuhr das Schumannsche Konzert erst relativ spät Würdigung auf internationalen Podien, gehörte Mendelssohns Werk seit seiner Uraufführung zu den meistaufgeführten seiner Gattung. Dass beide Werke bereits in formidablen, auch Referenz-Einspielungen vorliegen, rückt die vorliegende Lesart in ein besonderes Licht.

Denn Widmanns Spiel steht für weitaus mehr als nur makelloses Handwerk und Mainstream-Exegese: Unter ihrem Bogen erstehen grundsätzlich neu gelesene, existentiell aufgeladene Violin-Dramen, die in ihrer Unbedingtheit, ihrer Suggestivkraft und Tiefenvermessung, ebenso mit überraschenden Volten und koloristischen Raffinement die Konkurrenz (zumeist weit) hinter sich lassen. Eine der fünf wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres!

Hector Berlioz: "Symphonie Fantastique"

Solist: Daniel Harding
Ensemble: Swedish Radio Symphony Orchestra
Label: Harmonia Mundi

CD-Cover: Hector Berlioz     Symphonie Fantastique
Bildrechte: Harmonia Mundi

Mit seiner opulenten "Symphonie Fantastique" begründete Hector Berlioz die sogenannte Programmmusik. Er selbst bezeichnete das fünfteilige Werk als "musikalisches Drama", das Szenen eines Künstlerlebens verhandelt. Tatsächlich rührt Berlioz' charismatisches Werk an Abgründe und Innerstes der Seele.

In prächtigen, ausdrucksstarken Klangtableaus wird nichts weniger als ein Höllenritt in Szene gesetzt. Verliebt-Sein, Träumereien und Idylle wandeln sich zur finsteren Halluzination; Drogen, Rausch, Richtplatz, Fallbeil und Hexensabbat verdichten das Geschehen zum orgiastischen Finale.

Daniel Harding und das Swedish Radio Symphony Orchestra zelebrieren das Werk keineswegs als überbordendes romantisches Klanggemälde mit üppigem Pinselstrich, sondern vielmehr als aschfahles, dunkel- und dennoch feinschattiertes Bild. Sowohl in Berlioz' Werk, als auch in der beigefügten "Suite de Hippolyte et Aricie" von Rameau regieren – bei Auslotung eines weiten dynamischen Spektrums – Durchsichtigkeit und schlanker, historisch-informierter Ton. Eine Bereicherung des Katalogs.

Jérôme Lejeune: "Music at the Time of Louis XIV"

Label: Ricercar

CD-Cover: Music at the Time of Louis XIV - Jerome Lejeune
Bildrechte: Ricercar

Unter den wichtigen Herrschern der Geschichte gehörte Ludwig XIV., der "Sonnenkönig", zu den Kunstsinnigsten. An seinem Hof in Versailles erblühte die Kultur in zuvor kaum bekannter Dimension. Neben Theater und Ballett kam dabei insbesondere die Musik in sämtlichen Ausformungen zu ihrem Recht, denn in Diensten des Königs standen die renommiertesten Komponisten der Zeit. Die Vielseitigkeit der im Umfeld von Louis XIV. entstandenen Musik abzubilden, intendiert eine Box, die acht CDs umfasst und beim belgischen Label "Ricercar" erschienen ist.

Dessen Gründer, der Musiker und Musikwissenschaftler Jérôme Lejeune, kompilierte für das Projekt die besten Aufnahmen seines und anderer einschlägiger Kataloge. Das Ergebnis besticht durch sinnstiftende Werkekopplungen und höchste interpretatorische Standards.

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2016, 09:09 Uhr

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