Neue Alben | 10.10.2016 Musiktheater Telemann , Nachhall Harnouncourt, Mandolinen in Orange

Ob historisch informierte Aufführungspraxis oder Groove, der sich ganz leise "eingraved" - unsere Musikempfehlungen sind von Kennern handverlesen. Sechs Alben möchten wir ihnen in dieser Woche ans Ohr legen.

von Johannes Paetzold (Pop) und Martin Hoffmeister (Klassik)

Mandolin Orange: "Blindfaller"

Mandolin Orange: „Blindfaller“
Mandolin Orange: „Blindfaller“
Label: Yep Roc / H árt
Bildrechte: CARGO RECORDS / YEP ROC / H‘ART

Mandolin Orange kommen aus North Carolina, Andrew Marlin und seine Partnerin Emily Frantz. Vor sechs Jahren erschien ihr Debüt als Duo der amerikanischen Rootsmusik. Zu Bluegrass, Country und Folk gesellt sich bei ihnen auch der Einfluss von Gospel und stellenweise sogar Pop. Ihr neues Album Blindfaller aber reduziert sich aufs Wesentliche: Geschichten erzählen, Kompositionen auf das wenige beschränken. Und das heißt bei Mandolin Orange zu zweit mit Banjo, Mandoline und Gitarre im intimen kleinen Studio zu sitzen und Songs zu gestalten. Blindfaller atmet diese Intimität in jeder Note und jeder Textzeile. Vieles ist spontan entstanden, auch in der Studioarbeit bleibt viel Luft für Improvisationen und ungeschliffenes im positiven Sinne. Bei aller Schönheit der einfachen Melodien und wunderschönen Vokalharmonien werden die Traurigkeit und die Tiefpunkte der amerikanischen Geschichte in Historie und Gegenwart thematisiert. "Wildfire" über den Rassismus und die Sklaverei ist dabei beides, unbewältigte Vergangenheit, die in den Straßen mit Mord, Protest und Unruhen die USA bis heute heimsuchen. Der Rechtspopulismus der Erzkonservativen und wie sie die Religion vor ihren Karren spannt ist Thema in „Gospel Shoes“. Mandolin Orange predigen selbst nicht, sie legen den Finger auf Wunden, aber sie maßen sich keine einfachen Antworten an. Blindfaller kennzeichnet das im Namen. Faller, jemand, der Bäume fällt, aber als Blinder, der nicht weiß, was er da tut. Ein Neologismus. Und Blindfaller ein Album, dass unsere Irrungen und Wirrungen in diesem Leben zum Thema hat, von einer tiefen Melancholie durchdrungen ist, aber auch auf Hoffnungsschimmer am Horizont deutet. Und ein Album, dass amerikanische Rootsmusik zeitgemäß und modern interpretiert.

Ensemble Masques, Olivier Fortin: "Le Theatre Musical de Telemann"

Le Theatre Musical de Telemann - Ensemble Masques, Olivier Fortin
Le Theatre Musical de Telemann
Ensemble Masques, Olivier Fortin
Alpha Classics 256
Bildrechte: Alpha Classics

Seit Jahrzehnten zeichnet sich die französische Alte-Musik-Szene durch höchste Ansprüche und spieltechnische Standards aus. Vergleichbar der englischen Szene ringen hunderte Musiker und Spezial-Ensembles um die Plätze im mittlerweile irrwitzigen Wettbewerb innerhalb der Szene.
Die Musiker um den franko-kanadischen Cembalisten und Organisten Olivier Fortin überzeugen durch ein unverbrauchtes programmatisches Konzept ebenso wie durch dynamisch-forciertes, fokussiert-entschlacktes, luzides Spiel und musikantischen Zugriff. Immer zudem bestechen diese Exegesen durch Sophistication: sei es vermittels ungehörter Nuancen, überraschender Volte oder rauschender Tempi. Telemann a la francaise, Telemann inszeniert in neuem Licht. Als "Theatre musical" eben.

Christian Kjellvander: "A Village: Natural Light"

Christian Kjellvander: “A Village: Natural Light”
Label: Tapete Records Bildrechte: Indigo CD 129802 – TAPETE RECORDS

Christian Kjellvander wurde in Schweden geboren, lebte in Texas, kehrte zurück in seine Heimat. Mit seiner Band Loosegoats veröffentlichte er mehrere Alben des Alternative Country. Dann begann er solo zu arbeiten. Zog sich in eine Kirche mit seiner Familie zurück. Sein Sohn wurde geboren, sein jüngerer Bruder starb. Diese Erfahrungen prägten schon sein vergangenes Soloalbum The Pitcher. Neben der Musik hat Kjellvander nun auch einen Teilzeitjob angenommen – auf einem Friedhof als Leichengräber. Das darf man alles wissen, um das neue Album zu verstehen. Hier begibt sich jemand als Künstler an die Grenzerfahrungen des Lebens. Ein Singersongwriter, der seine Gitarre sanft berührt, sich von wenigen Tönen leiten lässt. Die Gitarre lässt er manchmal elektronisch verzerrt durch den Raum erklingen, aber bleibt dabei immer behutsam, dies soll auf keinen Fall ein Rockalbum werden. Der Ton bleibt gleich, wie eine Drohne. Es geht um Isolation, um das Festhalten an Werten im Angesicht der Widrigkeiten. "Halte Deine Frau eng an Dich, liebe sie, liebe sie wie verrückt", ermahnt Kjellvander. Der Schwede singt das mit traurig sonorer Stimme, nie explodiert er, Tragik und Schönheit werden beschrieben aber nicht  durch Aufpeitschen künstlich betont. Country wird hier zurück geführt in das Singersongwritertum Schwedens. Überall ist die mächtige Natur präsent. Im Song "Midsummer", und wenn Pferde am Horizont entlang galoppieren in "Always with the Horses". Es ist die Schönheit auf dem Land, die Kirche, in der das Album entstand, die dieses Album bestimmen. "Ich möchte tanzen", singt er. Es ist ein dunkler Tanz, in Zeitlupe. Groove assoziiert sich hier mit Grave. Immer wieder streift Kjellvanders Blick über die Größe der Landschaft und erkennt die Schöpfung in ihr. Größe atmet auch dieses dunkle, stille Album.

Camille Thomas  & Julien Libeer: "Reminiscencses"

Reminiscencses - Camille Thomas, Julien Libeer
Label: La Dolce Volta
Best.-Nr.: LDV 29
Bildrechte: La Dolce Volta

Die gegenwärtige europäische Celloszene zeigt ein reiches Tableau profilierter, hervorragend ausgebildeter Musiker. Gegen perfektes Handwerk, zahllose stilsichere und balancierte Exegesen allerdings steht zunehmend der Wunsch nach originärer interpretatorischer Handhabe etwa einer Jacqueline du Pre oder eines Mstislav Rostropovich. Mit Camille Thomas gewinnt seit kurzem eine junge französische Cellistin zunehmend an Terrain, die das Versprechen nach gesättigtem, farbgetränktem,  atmenden, zumal bestechend individuellem Ton einzulösen versteht. Dabei erweist sich die einschlägige, romantische Violoncello-Literatur auf vorliegender CD als massgeschneidertes Repertoire, um klangliche Tiefenauslotung zu betreiben und das künstlerisch-spieltechnische Potential der Musikerin abzubilden. Eine Entdeckung ebenfalls ist der hierzulande noch weitgehend unbekannte Pianist Julien Libeer, der durch Varianz, schattierte Tongebung und nuancenreiche, differenzierte Farben einzunehmen weiss. Perfektes Interplay der Akteure rundet die Neuerscheinung zur willkommenen Entdeckung.

Orkesta Mendoza: "Vamos a Guarachar"

Orkesta Mendoza: “Vamos A Guarachar”
Label: Glitterbeat Bildrechte: Glitterhouse Records

Tucson ist die Heimat von Giant Sand, von Calexico und den Cumbia Rockern von Xixa. Eine Grenzstadt auch im musikalische Sinne. Calexico atmen den Tex Mex Sound an der Grenze zum Süden ein, es hat die Band so speziell und wertvoll gemacht, da sie in der Rockmusik eine Plattform für die mexikanische Musik geschafft hat, die beiden Genüge tut. Calexico gehören zu den erklärten Fans von Sergio Mendoza und seiner Musik. Er stammt aus der benachbarten Stadt Nogales, wuchs mit der Mariachi Musik und der Cumbia Musik auf, aber eben auch mit der Rockmusik aus dem Norden. Sein Orkesta Mendoza ist eine mexikanischere Version des Grenz-Sounds. Cumbia Musik, die den Beat der Rockmusik integriert. Die Calexico Musiker sind auf dem Orkesta Mendoza Album zu Gast, bringen ihre Sensibilität mit ein. Im Zentrum ist die Cumbia Musik Zentral- und Südamerikas, der 2/4 Takt, der neben dem Beat des Nordens stapft und stampft. Da ist mal eine traditionelle Ballade wie "Misterio". Aber die meisten Songs sind Fusionsmusik im besten Sinne. Cumbia Volcadero beginnt mit echobehangener Stimme wie aus einem Lautsprecher, dann setzt der Beat ein, mächtig, schwer, trabend. Darauf die Sprechstimme von Sergio Mendoza. Die Mariachi Trompeten ertönen, reiben sich an den schweren Schlägen. Der mexikanische Elektronik Pionier Camila Lara und sein Mexican Institute of Sound erweitern das Spektrum mit technischen Effekten. Mendoza singt spanisch, aber auch englisch. "Shadows of the Mind" ist ein irrsinnig gut geratener Song, der beide Welten einfängt, musikalisch und sprachlich. Vamos A Guarachar ist in vielerlei Hinsicht eine Grenzerfahrung, zwischen Arizona und Mexiko, zwischen Rock und Cumbia. Diese Musik zeigt, wie phantastisch Musik wird, wenn sie im wahrsten Sinne Grenzen überschreitet, wenn Kulturen verschmelzen. Sie ist genau das Gegenteil von dem, was der republikanische Präsidentschaftskandidat propagiert. Aber sie ist über diese Gedanken hinaus einfach auch kräftige groovende wie lebensfrohe Musik, die für sich selbst steht und überzeugt. Wer Calexico mag, muss diese Platte als mexikanische Ergänzung besitzen. Vamos La Guarachar, das beste Tex Mex Rock Folk Cumbia Album zur Zeit. 

The Art of Nikolaus Harnoncourt

The Art of Nikolaus Harnoncourt
Label: Warner Classics
Best.-Nr.: 0190295929718
Bildrechte: Warner Classics

Der kürzlich verstorbene österreichische Dirigent, Musikforscher und Publizist Nikolaus Harnoncourt zählte nicht nur zu den wegweisenden Pionieren historisch-informierten Musizierens, sondern vermochte über die Jahrzehnte ebenso mit einem ungemein breiten Repertoirespektrum zwischen Monteverdi, Bach, Händel und Haydn, Mozart, Beethoven sowie Schubert, Mendelssohn und Dvorak oder Bruckner zu reüssieren. Stets waren seine Lesarten geprägt vom Widerspruch gegen allzu gefälligen Mainstream und formulierten entsprechend kontrastreiche, zugespitzte und schlank geführte Tableaus, die ihr Raffinement bisweilen nicht zuletzt aus wohlgesetzter Übertreibung bezogen. Vorliegende Box bietet einen repräsentativen wie sinnfälligen Überblick über Harnoncourts vielgesichtiges Schaffen. Wiederzuentdecken gilt es zudem die fast vergessenen, beispielhaften Einspielungen aus den Anfängen der historischen Aufführungspraxis. Eine angemessene Hommage an eine der wichtigsten Musikerpersönlichkeiten der vergangenen Jahrzehnte.

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2016, 15:55 Uhr

Musik Neuvorstellungen Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

Insgesamt gibt es sechs Empfehlungen aus Jazz, Pop, Weltmusik, Chanson, Klassik, Barock etc. - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonntags zwischen 17:05 und 18:00 Uhr.