Gisela Joao: Nua
Gisela João: Nua Bildrechte: Brokensilence/flow.fish

Neue Alben | 01.05.2017 Eine Fadista, die nicht ins Schema passt

Die großen Fadista wachsen in Lissabon auf, huldigen der Fado-Ikone Amália Rodriguez und werden weltberühmt. Die Lebenslinie von Gisela João läuft anders. Ihr neues Album "Nua" ist ein wunderbares Angebot – auch für Fado-Neulinge. Dieses und weitere Alben stellen MDR KULTUR-Musikredakteure Johannes Paetzold und Claus Fischer in dieser Woche vor.

von Johannes Paetzold und Claus Fischer

Gisela Joao: Nua
Gisela João: Nua Bildrechte: Brokensilence/flow.fish

John Mellencamp: "Sad Clowns & Hillbillies" (featuring Carlene Carter)

Künstler: John Mellencamp
Album: Sad Clowns & Hillbillies
Label: Republic Records

John Mellencamp sieht sich bis heute in erster Linie als Maler. Seinen ersten Plattenvertrag unterschrieb er in den siebzigern, da spielte er noch auf einer geliehenen Gitarre. Inzwischen ist er als "zweite-Wahl-Musiker" aber recht erfolgreich. Als knarzige amerikanische Stimme ist er zwischen Dylan, Tom Petty und Springsteen angesiedelt. Er ist in der Rock 'n' Roll Hall of Fame angekommen, seine 22 Alben verkauften sich millionenfach. Und mit "Sad Clowns and Hillbillies" erscheint nach vier Jahren Pause sein 23. Album. Dazwischen ist ein Präsident gewählt worden, dem Mellencamp sicher nicht nahe steht, hat er doch schon früher viele Reime und Melodien gegen die Bush Präsidenten geschmiedet.

John Mellencamp: Sad Clowns & Hillbillies
John Mellencamp: "Sad Clowns & Hillbillies" (featuring Carlene Carter)
CD-Bestellnummer: 5718613
Label: Universal
Bildrechte: Universal

Auf dem Clowns Album wird er am politischsten und eindringlichsten in "Easy Targets", leichte Ziele seien eben die Afroamerikaner gewesen, die bei den Unruhen in den USA der vergangenen Jahre starben. Minimalisierte sich Mellencamp auf früheren Alben wie Plain Spoken 2014 bis zu Aufnahmen, die nur ein Monobandgerät und ein einziges Raummikrophon verwendeten, so fußt Sad Clowns wieder auf größer gewebten Arrangements.

Mobile Blue eröffnet mit einem Bluegrass Stück. Dann sinkt Mellencamp tief in Blues und Folk Territorien ein – als Musiker steht er für die Musik aus dem Heartland von Amerika. Ansprechend ist das Album eines Musikers, der mit 65 Jahren das gesetzliche Rentenalter erreicht hat, und keine Altersmilde zeigt – eine punktgenaue Beschreibung des Lebens in den USA heute. Die Depression, die das Land befallen hat: Mellencamp gibt ihr Töne und Ausdruck. Gleich fünfmal taucht Carlene Carter auf, Stieftochter von Johnny Cash. Mellencamp und Carter kennen sich seit langem und musikalisch sind ihre Lieder die Glanzlichter auf Sad Clowns, einem Album, das kein einheitliches Bild entwirft. Aber das scheint auch der State of Mind von Mellencamp in diesem Tagen zu sein. (jp)

Gisela João: "Nua"

Künstlerin: Gisela João
Album: Nua
Label: flowfish

Die großen Fadista wachsen in Lissabon auf, huldigen der Fado-Ikone Amália Rodriguez und werden dann weltberühmt als Interpretinnen einer großen Tradition des Landes: Wenn auch in vielen Spielarten, die wir über die Jahre von Mariza, Carminho und Ana Moura kennengelernt haben. Die Lebenslinie von Gisela João läuft anders. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf, ohne auf die Instrumentalisten zurückgreifen zu können für erste Gehversuche, sang sie eben a capella in einem kleinen Speiserestaurant.

Schritt für Schritt kämpft sich Gisela João nach oben. Aber dadurch sind diese oft selbst komponierten Lieder von Gisela João noch ungeschliffener, rauher, vielleicht auch direkter am Lebensgefühl vom Blues aus Portugal. Gisela João hat Songs von Nick Cave und Amy Winehouse in der Vergangenheit interpretiert. Ist mit Joss Stone und dem chilenischen Clubproduzenten Nicolas Jaar aufgetreten. Eine "Rock 'n' Roll Fadista" wurde ihr angedichtet, musikalisch bringt uns das nicht näher an die Portugiesin, die klassische Fado-Lieder singt.

Gisela Joao: Nua
Gisela João: "Nua"
CD-Bestellnummer: FF 0108, 17783
Label: Brokensilence, Flow.Fish
Bildrechte: Brokensilence/flow.fish

Wunderbar umgesetzt ist diese Folk-Tradition Portugals grundsätzlich leicht zugänglich, und braucht zum vollen Leben nur immer wieder die Ausdruckskraft und Hingabe der Interpreten. Die finden sich bei Gisela João vielfältig. In den Tremoli ihrer Stimme, in den tiefen Tönen ihrer Balladen. Und dann in ausgelassenen schwungvollen Stücken wie "Lá Na Minha Aldeia". Mehrfach kreuzt João den Atlantik, knüpft lusophone Bande nach Brasilien, mit "As Rosas Nao Falam". Mit "Llorona" wagt sie sich – und überzeugt dabei – auch durch ihre Interpretation des Klassikers der mexikanisch-kanadischen Sängerin La Lhasa. Und in "Noite de Sao João" erzählt sie uns dann wieder von den Nächten in ihrem Heimatdorf im Norden Portugals.

In "Senor Extraterrestre“ lässt sie ein grünes außerdirdisches Männchen im Vorgarten landen. Und im Gespräch mit dem grünen Space-Man spricht sie über Sardinen und Stockfisch auf ihrem Planeten. Da ist Witz, da ist Leidenschaft, und "Nua" ist ein wunderbares Angebot auch für Fado-Neulinge, diese Musik kennenzulernen. Eine Fadista, die nicht ins Schema passt, die sich im wahrsten Sinne schonungslos in ihren Passionen zeigt (Nua – nackt). Und genau deswegen die Volkstraditionen authentisch vermittelt. (jp)

Ray Davies: "Americana"

Künstler: Ray Davies
Album: Americana
Label: Legacy

Ray Davies ist im Rock Olymp, Der Song-Klassiker "Waterloo Sunset" alleine reicht dafür, in Ruhm wie Tantiemen. Und Davies sitzt auch auf dem Thron, ihm wurde die Knighthood jüngst von der Queen verliehen. Als Gründer von The Kinks hat er Geschichte geschrieben. Und belebte seine glorreichen sechziger Jahre darauffolgend in immer größeren Abständen mit mehr oder weniger gelungen Neuaufnahmen. Oder er las einfach aus seiner fiktiven Biographie vor.

Vorneweg: "Americana" ist keineswegs ein Album mehr, sondern Davies ist ein spätes Meisterstück gelungen. Auf Albumlänge thematisiert er die Rock 'n' Roll Gründer auf der anderen Seite des Atlantiksund ihre Kultur. Aber nicht im Kniefall, sondern er macht sich mal über sie lustig oder nimmt sich selbst kräftig auf die Schippe. "Americana" ist nicht weniger als die Auseinandersetzung mit dem Rock 'n' Roll Mutterland aus Sicht eines frühen Verwerters derselben auf britischer Seite.

Also, dies ist nicht das Anti-Trump Album. "Americana" geht in der Geschichte bis zur so genannten British Invasion zurück, als Bands wie die Beatles und die Stones den Amerikanern ihre eigenen Erfindung des Rock 'n' Roll als ihre neu verkauften. Davies reflektiert seine Sicht auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten als junger Mann im Nachkriegsengland – die Faszination auf amerikanische Kultur und Musik.

Ray Davies: Americana
Ray Davies: "Americana"
CD-Bestellnummer: 88875102362
Label: Legacy Records
Bildrechte: Legacy Records

In Songs wie "Poetry" beschreibt er, wie die Stärken dieser Kultur mehr und mehr aufgegeben wurden. Man könnte Davies damaligen Misserfolg in den sechzigern bei der kommerziellen Eroberung Amerikas durch die Kinks als Grund für seine ironisch kritische Sicht auf die USA nehmen, aber die Sichtweisen des Briten sind vielschichtig und zeigen die engagierte Auseinandersetzung, das Ringen um Verständnis.

"Americana" ist die Beschreibung einer Hassliebe. Natürlich liebt Davies die Highways, die Träume Amerikas und den Spirit. Und Amerikas Musiker wie Alex Chilton, für den er die Songform unterbricht und einen zärtlichen Text auf den immer unterschätzten Songwriter einspricht. Und mit den Rock 'n' Roll Cowboys reitet er dem Sonnenuntergang entgegen: Wohin jetzt, Eure Zeit ist vorbei! Dabei nimmt sich Davies nie aus, beschreibt sich selbst als "Bullshit Millionär". "Americana" ist vielschichtig, nostalgisch, historisch und poetisch. Und einmalig. Denn so ein Album vom Paten des Britpop auf die amerikanische Rock 'n' Roll-Verwandschaft hat es noch nicht gegeben. Und dass es hier um Annäherung und nicht Abrechnung geht, dürfte dann spätestens klar sein, wenn die Backing Band für "Americana" genau von dort kommt: Die Jayhawks aus Minnesota. (jp)

Vanessa Wagner: "Mozart, Clementi"

Vanessa Wagner, Klavier
CD-Bestellnummer: LDV 31
Label: La Dolce Volta

Vanessa Wagner: Mozart, Clementi
Vanessa Wagner: "Mozart, Clementi"
Vanessa Wagner, Klavier
CD-Bestellnummer: LDV 31
Label: La Dolce Volta
Bildrechte: La Dolce Volta

Die Französin Vannesa Wagner möchte sich nicht festlegen auf die Rolle einer "Starpianistin" (die sie allerdings nach Meinung vieler Kritiker absolut ist) und auch nicht auf ein bestimmtes Repertoire. Sie hat in den letzten Jahren viel Romantik und Moderne gespielt, und jetzt entdeckt sie die Wiener Klassik. Auf dieser CD vereint sind Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart und seinem weit unbekannteren Zeitgenossen Muzio Clementi.

Das Besondere daran: Vanessa Wagner spielt die Hälfte der Werke auf modernen Konzertflügel, die andere Hälfte an einem historischen Hammerflügel der Mozartzeit. Ihr Spiel sehr ausgewogen, sehr lyrisch, sie hat einen wunderbaren Sinn für melodische Phrasen, dann spielt sie aber auch sehr zupackend, sehr klar und akzentuiert. (cf)

"Da Pacem - Echo der Reformation"

RIAS Kammerchor
Capella de la Torre
Katharina Bäuml, Dirigentin
Florian Helgath, Dirigent
CD-Bestellnummer: 88985405412
Label: Deutsche Harmonia Mundi

CD-Cover: Da Pacem. Echo der Reformation
"Da Pacem - Echo der Reformation"
RIAS Kammerchor
Capella de la Torre
Katharina Bäuml, Dirigentin
Florian Helgath, Dirigent
CD-Bestellnummer: 88985405412
Label: Deutsche Harmonia Mundi
Bildrechte: Universal

Ein sehr spannendes dramaturgisches Konzept liegt diesem Album zugrunde - ausgeführt von zwei absoluten Spitzenensembles, nämlich dem Ensemble Capella de la Torre und dem RIAS-Kammerchor unter Leitung von Florian Helgath. Es enthält Musik aus den ersten gut 100 Jahren nach Luthers Thesenanschlag 1517. Und zwar - das ist das spannende - von evangelischen und katholischen Komponisten. Die beiden Konfessionen standen sich ja absolut feindlich und unversöhnlich gegenüber; ihre gegenseitige Ablehnung entlud sich in blutigen Kriegen, das Ganze gipfelte ja dann ab 1618 im Dreißigjährigen Krieg.

Nun hat Katharina Bäuml, die Gründerin und Leiterin des Ensembles "Capella de la Torre" in Archiven nach Musik aus beiden Konfessionen gesucht. Und sie hat überrascherweise viel Einigendes gefunden. (cf)

Augustin Hadelich spielt Tschaikowski und Lalo

Tschaikowski: Violin Concerto
Édouard Lalo: Symphonie Espagnole
Augustin Hadelich, Violine
London Philharmonic Orchestra
Vasily Petrenko, Dirigent
Omer Meir Wellber, Dirigent
CD-Bestellnummer: LPO-0094
Label: London Philharmonic Orchestra

Tchaikovsky: Violin Concerto
Tschaikowski: Violin Concerto
Édouard Lalo: Symphonie Espagnole
Augustin Hadelich, Violine
London Philharmonic Orchestra
Vasily Petrenko, Dirigent
Omer Meir Wellber, Dirigent
CD-Bestellnummer: LPO-0094
Label: London Philharmonic Orchestra
Bildrechte: London Philharmonic Orchestra

Der Geiger Augustin Hadelich ist 33 Jahre alt und wurde als Sohn deutscher Eltern in Italien geboren. Bereits mit acht Jahren trat er im Konzertsaal auf, eine große Karriere war abzusehen. Doch dann erlitt er einen schlimmen Unfall mit schwersten Verbrennungen am Oberkörper und an der rechten Hand. Auch sein Gesicht wurde in Mitleidenschaft gezogen. Doch vier Finger der linken Hand blieben verschont. Mit unglaublicher Energie und Willenskraft hat er sich in den letzten Jahren allen Widrigkeiten zum Trotz doch noch an die Weltspitze gespielt, ist in den USA ein absoluter Star.

Auf dieser neuen CD spielt Augustin Hadelich als Hauptwerk das Violinkonzert von Peter Tschaikowski mit dem London Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko. Sein Violinspiel kennzeichnet eine große Leichtigkeit, aber mit ernsten Untertönen. Es ist vorstellbar, dass er dadurch auch in Europa und in Deutschland bekannt wird, es wäre ihm zu wünschen. (cf)

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Spezial | 02.05.2017 | 18:05-19:00 Uhr

Musik Neuvorstellungen Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

Insgesamt gibt es sechs Empfehlungen aus Jazz, Pop, Weltmusik, Chanson, Klassik, Barock etc. - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonntags zwischen 17:05 und 18:00 Uhr.