Haydn 2032 - No. 4 - Il Distratto - Giovanni Antonini - Il Giardino Armonico
Im Jahr 2032 jährt sich Joseph Haydns Geburtstag zum 300. Mal. Die Joseph Haydn-Stiftung Basel will bis dahin alle 107 Haydn-Sinfonien herausbringen. Bildrechte: Alpha Classics

Neue Alben | 20.03.2017 Haydn, ein Boxer und starke Frauen

von Johannes Paetzold und Grit Schulze

Haydn 2032 - No. 4 - Il Distratto - Giovanni Antonini - Il Giardino Armonico
Im Jahr 2032 jährt sich Joseph Haydns Geburtstag zum 300. Mal. Die Joseph Haydn-Stiftung Basel will bis dahin alle 107 Haydn-Sinfonien herausbringen. Bildrechte: Alpha Classics
CDs in einem Regal
Bildrechte: IMAGO

Insgesamt gibt es sechs Empfehlungen aus Jazz, Pop, Weltmusik, Chanson, Klassik, Barock etc. - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonntags zwischen 17:05 und 18:00 Uhr.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 20.03.2017 18:05Uhr 54:29 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Insgesamt gibt es sechs Empfehlungen aus Jazz, Pop, Weltmusik, Chanson, Klassik, Barock etc. - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonntags zwischen 17:05 und 18:00 Uhr.

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Paul Weller: "Jawbone"

Paul Weller - Jawbone
Paul Weller - Jawbone, Label: Parlophone Bildrechte: Parlophone Label Group

Paul Weller ist einer der wichtigsten Popmusiker Englands. The Jam, Style Council, als Solo-Künstler – der Mann hat von Punk über Jazz bis hin zu Soul und Rock alle Partituren meisterhaft gespielt. Selbst als Modedesigner machte er eine im wahrsten Sinne gute Figur. Und nun, der erste Filmsoundtrack. "Jawbone" – die Geschichte eines Boxers, der am Boden liegt, sich wieder aufrichtet und dann vor der größten Herausforderung seines Lebens steht.

Mit Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller Johnny Harris erarbeitete Paul Weller den Soundtrack, auf Albumlänge trägt das nur gut eine halbe Stunde lang. Weller überrascht mit zwei Folk-Songs zur Gitarre, "The Ballad of Jimmy McCabe" und "Bottle", beide wunderschön akustisch umgesetzt. Balladen sind Wellers Metier sowieso, hier minimalisiert er sich, bleibt dabei gefühlvoll und beschreibt in einfachen Worten die Sehnsucht eines Boxers nach Heimat.

Das Herzstück von Jawbone ist aber ein 22-minütiges Werk gleich zu Anfang des Soundtrackalbums. Weller lässt das Klavier im offenen Raum erklingen und weit hallen, fügt Geigen dazu, wird manchmal regelrecht sentimental mit Morricone-Anklängen. Dann reißt er das harmonische Bild wieder auf mit dunklen Untertönen, umgesetzt mit kakophonem Kratzen der Instrumente. Und erst nach 20 Minuten reiht sich Weller selbst in diesen schwebenden Traum mit seiner Stimme ein.

Man merkt es: Die Boxergeschichte ist bester Stoff und fruchtbare Vorlage für Paul Weller, der schon immer emotionale Geschichten in Songform gießen konnte, und nun neue Formen sucht. Keine Spielerei: Weller nahm die Arbeit sehr ernst, arbeitete immer wieder mit Johnny Harris eng zusammen und war sogar Ideenlieferant für das Drehbuch des Films. "Jawbone" wird seine ganze Schönheit erst mit der Premiere des Films voraussichtlich im Sommer 2017 glänzen lassen. Dies ist kein eigenständiger Soundtrack wie von Ry Cooder für "Paris, Texas" oder Neil Youngs "Dead Man". Aber für Weller-Fans ein weiterer Beweis, wie vielseitig ihr Hero ist. (jp)

Laura Marling: "Semper Femina"

Laura Marling - Semper Femina
Laura Marling - Semper Femina, Label: More Alarming Records Bildrechte: Kobalt Label Services

Folk und Pop aus Großbritannien: Dafür steht Laura Marling und damit eine der wichtigsten aus der Szene, die beide Stilistiken miteinander zu verknüpfen weiß. Auf ihrem Bein steht tätowiert "Semper Femina" – "für immer eine Frau", die Verkürzung eines Vergil-Zitats. Mit "Semper Femina" auf Albumform trägt Laura Marling also im wahrsten Sinne ihre Haut zu Markte. Ein Konzeptalbum über die Rolle des weiblichen Wesens.

Engelhaft, wie Marlings Stimme auf vergangenen Alben klingen mochte, ist dieses Werk sehr konkret, betont selbstbewusst – also so, wie die Engländerin die Frauen und ihr Wesen betrachtet. "Das schwache Geschlecht", "die Emanze" – zwei Plattheiten, von denen sich Marling auf "Semper Femina" auf der Suche nach den Zwischentönen lösen wollte. Mal nimmt Marling in "Next Time" dafür die Rolle von Mutter Erde an. Mal thematisiert sie das Verhältnis von Frauen untereinander.

Ganz bewusst wollte Marling die Rolle der Frau von Innen wie von Außen betrachten. Dafür war Los Angeles der beste Platz, um fern der Heimat zu komponieren. Und mit Blake Mills (John Legend, Alabama Shakes) fand sie dort auch den perfekten Produzenten für ihr Vorhaben. Und, erstaunlich: Der deutsche Lyriker Rainer Maria Rilke war ein wichtiger Motivator, den sie in "The Valley" zitiert. Die Verbindung des Schönen mit dem Schrecklichen, das Zulassen des Zerbrechlichen: Darin sieht Laura Marling eine der wichtigen weiblichen Facetten – und diese Sichtweise zieht sie aus Rilkes Gedichten.

Textlich wagt sich Marling mit "The Valley" am weitesten in ihrem Diskurs über das Weibliche hinaus. Musikalisch sind die zentralen Stücke des Albums am Ende – wenn Marling mit "Nothing But Nearly" auch mal die Indie-Krach-Gitarre einsetzt – und am Anfang mit "Soothing", wo sie wie in einem Kate-Bush-Song den Bass antupft und hüpfen lässt. Mit beiden Stücken unterstreicht Marling auf ihrem sechsten Album, dass sie musikalisch offen und auf der Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten bleibt. (jp)

Jeff Ludovicus: "Dimanche"

Jeff Ludovicus - Dimanche
Jeff Ludovicus - Dimanche, Label: Evala Records Bildrechte: Eyala Records

Jeff Ludovicus hat Künstler und Stilistiken wie China Moses, ST Germain und Idrissa Diop als Schlagzeuger musikalisch begleitet, auf Tour wie als gefragter Sessionmusiker im Studio, von Elektronik bis zu afrikanischem Jazz und Soul ist er gewandert. Mit fast 50 Jahren erscheint sein Debut "Dimanche" – umgesetzt mit Größen der Jazz-Szene aus der französischen Hauptstadt. Es ist ein zurückhaltendes, sinnliches Jazz-Opus, das aus Kompositionen der vergangenen vier Jahre von Ludovicus entstand, nachdenklich und reflektierend aus einer Zeit, in der auch sein Vater starb.

Ein Album, auf dem es aber vielleicht gerade deswegen auch Lieder für ein neugeborenes Kind gibt. "Lakme" handelt vom Neugeborenen und ist eines der schönsten Stücke auf "Dimanche", wunderbar sanft sind die Trompetensätze eingegliedert, bis sich Ludovicus mit dem Pianisten Cédric Duchemann die Harmonien und Läufe zuspielt. "Chateau Rouge", mit der tiefen, sonoren Stimme von Sänger Djeuh Djoah, bringt Anklänge an 70ies-Jazz eines George Benson. Ludovicus hat seine Kompositionen im Blick und lässt dabei seinen Musikern freien Lauf.

Dieser Jazz ist einem freien Tag, dem Sonntag, gewidmet. Er ist filigran und wird immer wieder durch karibische  Anleihen erweitert, die dem Schlagzeuger durch seine vielfältigen, musikalischen Exkursionen wohlvertraut sind. Dabei bleibt "Dimanche" immer ein Jazz-Album und immer aufs Wesentliche konzentriert, keine virtuosen Eskapaden zulassend. "Dimanche" ist durch einen herrlich stimmigen Mix aus Instrumentaltracks und Song-Stücken abgerundet. Ein europäisches Jazz-Werk mit der Leichtigkeit eines Swing Albums. (jp)

Mendelssohn: "Sommernachtstraum"

Mendelssohn - A Midsummer Night's Dream - Monteverdi Choir - London Symphony Orchestra, Sir John Eliot Gardiner
Mendelssohn - A Midsummer Night's Dream - Monteverdi Choir - London Symphony Orchestra, Sir John Eliot Gardiner Bildrechte: London Symphony Orchestra

Der 400. Todestag von William Shakespeare wurde im vergangenen Jahr ausgiebig gewürdigt. Auch in diesem Jahr wirft das Jubiläum noch lange Schatten. Eine sehr englische Sichtweise der Bühnenmusik zum "Sommernachtstraum" von Felix Mendelssohn liegt nun auf CD vor – mit dem britischen Dirigenten Sir John Eliot Gardiner, mit erstklassigen englischen Schauspielern, dem wunderbar präparierten Monteverdi Choir und dem London Symphony Orchestra.

Gardiner kürzt in der Musik und fügt Auszüge aus Shakespeares Originaltexten ein. Das scheint recht ungewöhnlich, wählte Mendelssohn doch als Grundlage für die Aufführung des "Sommernachtstraums" 1843 in Potsdams Neuem Palais die deutsche Übersetzung von Schlegel und Tieck. Gerade in jenen Jahren waren Schlegels Shakespeare-Übersetzungen äußerst beliebt. Besonders die Handlung des "Sommernachtstraums" symbolisiert die Ideale der Romantik durch das Verwirrspiel der Gefühle im nächtlichen Wald.

Schon in der Ouvertüre verschwimmen Grenzen zwischen Realität und Traum. Mendelssohn impliziert eine schwebende Atmosphäre, allein mit den ersten vier geheimnisvollen Akkorden bahnt er den Weg ins nächtliche Feenreich. Der von witziger Komik durchbrochene Liebesreigen ist damit eröffnet. Gardiner wählt mit seiner Lesart weniger das romantische Klangideal; er geht das Werk– auch im Vergleich zu anderen Aufnahmen – eher forsch und etwas unterkühlt an und durchschreitet die einzelnen Tableaus recht zügig. Das wiederum bewirkt ein Pulsieren, ein Schweben – ganz im Sinne der Handlung und im Shakespearschen Geist… (gs)

Giovanni Antonini: "Haydn 2032"

Haydn 2032 - No. 4 - Il Distratto - Giovanni Antonini - Il Giardino Armonico
Haydn 2032 - No. 4 - Il Distratto - Giovanni Antonini - Il Giardino Armonico Bildrechte: Alpha Classics

Im Jahr 2032 jährt sich Joseph Haydns 300. Geburtstag. Dieses Musikerjubiläum hat die Joseph Haydn-Stiftung Basel zum Anlass genommen, um mit den burgenländischen Haydnfestspielen, vor allem mit dem Haute-Couture-Label ALPHA gemeinsam alle 107 Haydn- Sinfonien herauszubringen. Ein recht umfangreiches und zugleich visionäres Projekt – da wir alle nicht wissen, in welcher Form 2032 Musik "konsumiert" wird. Vielleicht auch ein Grund, dass das Projekt parallel auch in die großen Konzerthäuser geht und  sich als zeitgemäßen Medienpartner die Fotoagentur Magnum gewählt hat. Bei jeder Einspielung wird ein Magnum-Fotograf mit einbezogen. Und das verspricht ausgesprochene Eye-Catcher, wie das aktuelle Cover beweist.

Künstlerischer Kopf dieses Projektes ist Giovanni Antonini. Er ist einer der aufregendsten Dirigenten der Alte-Musik-Bewegung. Jeder möchte mit dem Italiener zusammenarbeiten: Sänger, Instrumentalisten und Orchester. Bei "Haydn 2032" sind das sein Ensemble "Il Giardino armonico" sowie das Kammerorchester Basel. Antonini ist energetischer Impulsgeber, der die Musiker anstachelt und beflügelt, der sie aber genauso als Begleiter auf Händen trägt. Das spürt man auch bei dieser Aufnahme. Antonini agiert geschmackvoll, achtet auf genaueste Phrasierungen und Bogenführungen, wie sie Haydn vorschwebten. Er übertreibt nicht, das macht die Sinfonien so reizvoll.

Antonini wird die Sinfonien allerdings nicht in chronologischer Abfolge bringen, sondern wird sie thematisch einordnen, bis hin zu Querverweisen zu anderen Komponisten. Also ist auch auf der aktuellen Nr. 4 nicht nur Haydn zu hören, sondern ebenso sein Zeitgenosse Domenico Cimarosa. Und das liegt am Thema. Haydn hat seinen Sinfonien ja immer recht aufschlussreiche, zum Teil auch kuriose Titel verpasst. Seine Sinfonie Nr. 60 nennt er "Il Distratto", der Zerstreute. Und zerstreut geht’s zu im Orchester. Das zeigt doch, wie geistreich und witzig dieser Haydn war und so völlig fern von dem angestaubten Klischee des "Papa Haydn". (gs)

Anne Riegler: " A la manière de…"

A la maniere de...Ravel Haydn Borodin Chabrier Couperin Gounod - Anne Riegler
A la manière de... Ravel Haydn Borodin Chabrier Couperin Gounod - Anne Riegler Bildrechte: TYXart

Nicht selten haben Debüt-CDs einen besonderen Reiz. Weil hier Wagnisse stattfinden – jenseits von Marketing und kommerziellem Erfolg. Das erlebt man auch beim Debüt der Pianistin Anne Riegler. Es ist ein origineller Ansatz, jene Klaviermusik von Maurice Ravel vorzustellen, bei der es direkte Bezüge zu anderen Komponisten gibt und diese dann auch gegenüberzustellen. Wenn Ravel bspw. schreibt "Menuet sur le nom d‘Haydn", dann erklingt zunächst Haydn und anschließend Ravel.

Anne Riegler muss sich auf eine umfängliche Reise durch die Epochen der Musikgeschichte begeben – beginnend bei Francois Couperin. Aus dessen barocken Stilmitteln formt Ravel die sechssätzige Suite "Le tombeau de Couperin". In "A la manière de Borodin" imitiert Ravel den russischen Romantiker Alexander Borodin und in „A la manière de Chabrier“ ist es eine musikalische Verbeugung vor seinem großen Vorbild Emanuel Chabrier, dem er in jungen Jahren vorspielen durfte und der ihn sehr beeinflusst hat.

In Rieglers Spiel klingt jede Menge Leidenschaft und Gestaltungsvermögen. Es ist schwer, für die unterschiedlichen Epochen das entsprechende Ausdrucksmittel zu finden, der jungen Musikerin gelingt das ausgezeichnet. Riegler überrascht bei Couperin und Haydn mit einer klaren Artikulation. Bei Gounod, Borodin und Ravel findet sie eine subtile Ausleuchtung von Nuancen. Ein gelungenes Debüt. (gs)

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | MDR KULTUR-Spezial | 20.03.2017 | 18:05 Uhr

Musik Neuvorstellungen Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

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Insgesamt gibt es sechs Empfehlungen aus Jazz, Pop, Weltmusik, Chanson, Klassik, Barock etc. - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonntags zwischen 17:05 und 18:00 Uhr.