Billy Bragg in Mailand auf der Bühne.
Billy Bragg Bildrechte: IMAGO

Neue Alben | 13.11.2017 Umwelt, Brexit, Trump - Billy Bragg hat das Album der Stunde

Billy Bragg verstand es schon immer, zu gesellschaftlichen Missständen die passenden Worte zu finden. Zu sagen gibt es auch heute genug. Wie gut, dass Bragg mit seinem neuen Album die Finger in die Wunden legt. Außerdem stellen wir folgende Neuveröffentlichungen vor: The Corrs mit T-Bone Burnett, Aretha Franklin, Giovanni Antonini und das Kammerorchester Basel, Daniel Ochoa mit Schuberts Winterreise und Vasily Petrenko mit dem Oslo Philharmonic Orchestra.

von Heidi Eichenberg und Martin Hoffmeister, MDR KULTUR

Billy Bragg in Mailand auf der Bühne.
Billy Bragg Bildrechte: IMAGO
Billy Bragg in Mailand auf der Bühne.
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MDR KULTUR - Das Radio Mo 13.11.2017 18:05Uhr 52:53 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Billy Bragg in Mailand auf der Bühne.
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MDR KULTUR - Das Radio Mo 13.11.2017 18:05Uhr 52:53 min

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Audio

Billy Bragg: "Bridges Not Walls"

Billy Bragg - Bridges Not Walls
Billy Bragg: "Bridges Not Walls"
Bestellnummer: CookCD683, 71129751832
Label: Cooking Vinyl
Bildrechte: Cooking Vinyl

Unter den Klardenkern der Singer/Songwriter-Zunft gibt es immer wieder einige, auf die Verlass ist. Protestsong-Altmeister Billy Bragg gehört seit mehr als 30 Jahren dazu. Streiks der englischen Minenarbeiter in den 80ern, die Traditionen der Folksongbewegung von Woody Guthrie bis Dylan und der unmissverständliche Ton britischer Punkbands wie "The Clash" formten seinen unverwechselbaren Stil als politischer Musiker.

Sein neues Album "Bridge Not Walls" hat klare Adressaten und bündelt Kommentare zur Welt und den Problemen unserer Zeit in nur sechs Songs. Das reicht, um die Gemütlichkeit vorerst zu beenden. Umweltverschmutzung und Naturkatastrophen, Rassismus und Intoleranz, Ungleichheit, Donald Trump und natürlich der Brexit sind die Monster, die Bragg vorführt, nicht ohne auch der werten Hörerschaft selbst den Spiegel vorzuhalten, der zu Erkenntnis führen kann. Möge es helfen. (he)

The Corrs: "Jupiter Calling"

The Corrs - Jupiter Calling
The Corrs: "Jupiter Calling"
Bestellnummer: 0190295754068
Label: Warner Music International
Bildrechte: WARNER MUSIC INTERNATIONAL

Der erfahrene und preisgekrönte US-amerikanische Musiker und Produzent T-Bone Burnett hatte schon immer ein besonderes Gespür für musikalische Traditionen und Besonderheiten. Für seinen Soundtrack zu "O Brother, Where Art Thou?" und für "Inside Llewyn Davis" von den Coen-Brüdern kassierte er mehrere Grammys. Kein Wunder also, dass Burnett auch die seelenvolle, von Mystik und Tradition geprägte Musik Irlands fasziniert.

Für die ebenfalls erfolgsverwöhnte Band "The Corrs" ist die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Produzenten so etwas wie die Krönung ihrer 20-jährigen Karriere. Ihr neues Album "Jupiter Calling" entstand mit nur minimalen Overdubs im Studio live, mit Unterstützung einiger Gastmusiker und teils traditioneller Technik aus den 60er-Jahren. Spielfreude, Anmut und die richtige Mischung aus politischem Statement und irischer Gelassenheit fügen sich perfekt zusammen. (he)

Aretha Franklin: "A Brand New Me"

Aretha Franklin - A Brand New Me  Aretha Franklin with the Royal Philharmonic Orchestra
Aretha Franklin: "A Brand New Me"
Aretha Franklin with the Royal Philharmonic Orchestra
Bestellnummer: 081227942373
Label: Rhino
Bildrechte: RHINO

Hier scheiden sich die Geister: im wahrsten Sinne des Wortes. Das neue Album mit den Soul-Klassikern der Sängerin Aretha Franklin verbindet die Stimme der jungen Aretha, die vor 50 Jahren als 24-Jährige ihren Vertrag bei Atlantic Records unterschrieb, mit neuen Orchester-Arrangements des Royal Philharmonic Orchestra. Produziert haben das Album Nick Patrick und Don Reedman.

Unter den Highlights, die in den Londoner Abbey Road Studios mit Backing Vocals von Patti Austin eingespielt wurden, befinden sich brandneue Versionen von "Think", "Respect" und "Son of a Preacher Man". Der Respekt, den das Orchester der "First Lady of Soul" damit erweist, ist in jedem der mit Sorgfalt und teils genial gesetzten Töne zu spüren, selbst wenn an einigen Stellen weniger mehr gewesen wäre und manches Arrangement zu fett erscheint. Der moderne, technisch hochwertige Sound der Aufnahmen hinterlässt trotzdem ein merkwürdiges Gefühl. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob ein Lifting der alten Aufnahmen tatsächlich notwendig war. (he)

"L'Homme de Genie"

Einige der 107 Sinfonien Joseph Haydns zählen zu den am meisten eingespielten Werken der Musikgeschichte. Zudem liegen fünf Gesamtaufnahmen des einzigartigen sinfonischen Kosmos' vor. Eine Gesamteinspielung auf historischem Instrumentarium mit dem britischen Dirigenten Christopher Hogwood konnte nicht beendet werden.

Haydn 2032 No. 5  -  L'Homme de Genie  -  Giovanni Antonini - Kammerorchester Basel
"L'Homme de Genie"
Haydn-Symphonien-Edition 2032, Vol.5
Kammerorchester Basel
Leitung: Giovanni Antonini
Label: Alpha Classics
Bestellnummer: Alpha 676
Bildrechte: Alpha Classics

Mit dem Projekt "Haydn2032" des belgischen Labels Alpha mit dem italienischen Dirigenten Giovanni Antonini und den Ensembles "Il Giardino Armonico" und "Kammerorchester Basel" wagen sich hochkarätige Vertreter der Alte-Musik-Szene an einen weiteren Versuch, Haydns Werke vollständig auf historischen Instrumenten und in Originalbesetzung aufzunehmen. Das Mammut-Unterfangen soll bis zum 300. Geburtstag des Komponisten 2032 beendet sein. Auf zwei Jahrzehnte angelegt, reflektiert das Projekt nicht nur den aktuellen Stand historisch-informierten Musizierens, sondern bezieht auch kommende Entwicklungen und Forschungsergebnisse ein.

Dabei gehen Antonini und seine Ensembles nicht chronologisch, nach Entstehungszeit der Werke vor. Vielmehr versammelt der Dirigent einzelne Sinfonien unter thematischen Aspekten und ergänzt sie durch Werke von Haydn-Zeitgenossen. Antoninis Zugriff auf das Material steht in deutlichem Kontrast zu den meisten konventionellen Lesarten. Über die gebotene Transparenz, die detailgenaue Ausfaltung einzelner Linien und Stimmen und subtil inszenierte Dynamik-Schattierungen hinaus, zelebriert der Maestro grelle Farbwerte, forcierte Tempi, aufgeraute Klangtableaus und Kontraste. So gemahnen Theatralik, Akzentuierung und Zuspitzung nicht selten an italienische Sinnenfreude und Vitalität. Ein starkes und nachhaltiges Plädoyer für die immer noch unterschätzte Musik dieses Protagonisten der Wiener Klassik. (mh)

Daniel Ochoa: "Franz Schubert - Winterreise"

Über die vergangenen Jahrzehnte haben zahllose der bedeutendsten Sängerinnen und Sänger Schuberts Liederzyklus "Winterreise" ihre Reverenz erwiesen. Wenige, wie der Tenor Peter Schreier, ließen sich dabei nicht (nur) vom Klavier, sondern, auf verschiedenen Tonträgern, von Gitarre oder Streichquartett begleiten.

Franz Schubert Winterreise Version for Baritone, Choir and Piano arr. Gregor Meyer Daniel Ochoa – Cristian Peix Vocalconsort Leipzig, Gregor Meyer Coviello Classics
Daniel Ochoa: "Franz Schubert - Winterreise"
Version für Bariton, Chor und Piano
Arrangiert von Gregor Meyer
Daniel Ochoa, Bariton
Cristian Peix, Klavier
Vocalconsort Leipzig
Leitung: Gregor Meyer
Label: Coviello Classics
Bestellnummer: COV 91723
Bildrechte: Coviello Classics

Neuland in Sachen "Winterreise"-Bearbeitungen betritt mit seinem aktuellen Album der Chordirigent Gregor Meyer, der an der Seite von Daniel Ochoa, Christian Peix und dem "Vocalconsort Leipzig" eine Fassung für Bariton solo, gemischten Chor und Klavier vorlegt. Originaltexten und -melodien wird dabei eine stilistisch vielgesichtige, distinguierte und atmosphärisch-koloristisch subtil schattierte Chorbegleitung zur Seite gestellt. Das Ergebnis zeitigt grundlegend neue, originäre Hörerfahrungen, wird das ursprüngliche, monologische Erzählen und Reflektieren des Protagonisten in dieser Bearbeitung ins Dialogische, respektive Spiegelnde und damit ins Dramatisch-Theatralische überführt. Der dunkel eingefärbte, melancholische, bisweilen depressive Charakter der Originalfassung verliert damit Hermetik, Introversionspotential und Weltvergessenheit.

Wer sich auf das ungewöhnliche Experiment einzulassen bereit ist, wird in Meyers Arrangements eine Reihe avancierter, origineller, mutiger und unkonventioneller Volten und Einfälle entdecken. Eindrücklich versteht Bariton Daniel Ochoa, die wechselnden Atmosphären und Befindensmetamorphosen des Protagonisten diffizil und mit gebotenen Ausdrucksnuancen abzubilden, während das Vokalensemble bewährt sicher intoniert und durch Klangschönheit und organischen Gesamteindruck für sich einnimmt. Ein Klassiker will neu gehört werden. (mh)

"Oslo Philharmonic Orchestra + Petrenko"

Zweifellos gehört der Russe Alexander Skrjabin zu den rätselhaftesten, exzentrischsten und ungewöhnlichsten Komponistenpersönlichkeiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Stets innovativ und getrieben von mystisch-utopischen Einfällen, faszinierte der Musiker-Philosoph und Egomane nicht nur Publikum und Kollegen, sondern auch die Kunstwelt, Psychoanalytiker und Denker.

Alexander Scriabin  -  Symphony No. 2, op. 29  -  Piano Concerto, op. 20  -  Kirill Gerstein - Oslo Philharmonic Orchestra, Vasily Petrenko
"Oslo Philharmonic Orchestra + Petrenko"
Alexander Scriabin: Symphony No. 2, op. 29, Piano Concerto, op. 20
Kirill Gerstein, Klavier
Oslo Philharmonic Orchestra
Leitung: Vasily Petrenko
Label: LAWO Classics
Bestellnummer: LWC 1139
Bildrechte: LAWO Classics

Die vorliegende Aufnahme versammelt mit der 2. Sinfonie und dem Klavierkonzert zwei frühe Werke Skrjabins, die aber bereits hörbar mit neuen Formen und Ausdruckwelten spielen, zumal dem weiten Kosmos des Unterbewussten ihre Reverenz zu erweisen suchen. Entgrenzung, Ekstasen und opulent in Szene gesetzte Klangströme korrespondieren mit lyrisch-zarten Tableaus. Gerstein, Petrenko und das norwegische Spitzenorchester begegnen dem mystisch-romantisch aufgeladenen Klangzauber mit Luzidität, koloristischer Differenz, Übersicht und einer gewissen Affinität zu Fokussierung und Objektivierung. Nicht Rausch und/oder Mystifizierung sind Anliegen dieser Lesart, eher die Entdeckung des lodernden Klangkerns. (mh)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. November 2017 | 18:05 Uhr

Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

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