Pyotr Pavlensky
Pjotr Pawlenskis Protest gegen die Pussy Riot-Verurteilung, 2012 in Petersburg Bildrechte: IMAGO

Dokfilm: "Pawlenski - Der Mensch und die Macht" | Ab 16.3. im Kino An der Schmerzgrenze

Nach dem Urteil gegen "Pussy Riot" nähte sich Pjotr Pawlenski öffentlich die Lippen zu. Seinen Körper machte er immer wieder zum Material für seinen politischen Protest. Was den Künstler, der inzwischen in Frankreich im Exil lebt, antreibt, zeigt ein Dokfilm, der jetzt in die Kinos kommt.

Pyotr Pavlensky
Pjotr Pawlenskis Protest gegen die Pussy Riot-Verurteilung, 2012 in Petersburg Bildrechte: IMAGO

Sich die Lippen zunähen, um zu schreien? Sich nackt auf den Roten Platz in Moskau nageln? Sich in Stacheldraht gewickelt am Boden winden? Pjotr Pawlenski ist bekannt als Schmerzensmann der Performance-Kunst. Manche sehen ihn als einen der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, der unvergessliche symbolische Bilder schafft - andere halten ihn schlichtweg für verrückt. Als Zeichen des politischen Protests gegen Putin malträtierte er immer wieder seinen eigenen Körper. Was ihn antreibt, das erkundet ein Dokumentarfilm, der jetzt in die Kinos kommt. Regisseurin Irene Langemann hat Pawlenski, der inzwischen in Frankreich im Exil lebt, dafür über einen längeren Zeitraum begleitet, ihr Film verbindet dokumentarisches Material und Inszenierung und zeigt ihn als einen sehr überlegten Menschen, der sehr genau weiß, was er tut.

Der Körper als Material

Nackter Mann sitzt auf dem Roten Platz.
Pjotr Pawlenskis "Fixierung" auf dem Roten Platz in Moskau, 2013 Bildrechte: IMAGO

Erstmals erregt Pawlenski 2012 internationales Aufsehen, als er sich im Zentrum von St. Petersburg den Mund mit einem groben Faden verschließt. Damit bekundet er den gerade verurteilten Musikerinnen der Kreml-kritischen Punkband "Pussy Riot" seine Solidarität und stellt ganz direkt seine Überzeugung zur Schau, dass politische Künstler in Russland zum Schweigen verurteilt sind. Am 10. November 2013 fixiert er sich nackt auf dem Roten Platz in Moskau, in dem er sich einen Nagel durch den Hodensack treibt.

So provoziert er aufs Neue die staatlichen Autoritäten und kann vorführen, wie die Hebel der Macht wirken. Der Störenfried der öffentlichen Ordnung wird in Gewahrsam genommen, ihm wird der Prozess gemacht, nicht ohne seinen Geisteszustand in Frage zu stellen.

Wie die Macht aus Menschen Objekte macht

Politische Kunst heißt für Pawlenski, zu enthüllen, wie die Macht aus Menschen Objekte macht. In diesem riskanten Spiel sieht er sich als "Figur des Schweigens", soll heißen: Bei den meisten Aktionen tut Pawlenski "nichts". Alles, was um ihn herum passiert, geht aus von den Vertretern der Macht, die immer noch reagieren wie zu Stalins Zeiten: mit dem Vorwurf des "Hooliganismus", mit Gefängnis und Psychiatrie.

Pawlenski, Mini-Maidan
Aktion Freiheit - Mini-Maidan in Petersburg am "Tag der russischen Vaterlandsverteidiger", 2014 Bildrechte: IMAGO

Doch dabei bleibt es nicht, als es im Dezember 2013 - nach dem geplatzten EU-Assozierungsabkommen - auf dem Maidan in Kiew zu Demonstrationen kommt, das russische Staatsfernsehen aber von einem faschistischen Putsch spricht, ist Pawlenski alarmiert. Am "Tag der russischen Vaterlandsverteidiger" am 23. Februar 2014 inszeniert er einen Mini-Maidan in St. Petersburg - und wird wegen Vandalismus angeklagt. Am 9. November 2015 geht Pawlenski noch einen Schritt weiter, er setzt die Tür des russischen Geheimdienstes FSB in Brand, um gegen den "staatlichen Terror" zu protestieren. Damit rebelliert er gegen die mächtigste Institution, die seiner Meinung nach das Land regiert - und hat den Bogen wohl überspannt.

Als Pawlensky mit seiner Lebensgefährtin von einer Auslandsreise zurückkommt, werden sie auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo festgenommen, gegen sie liegt eine Anzeige vor: "Über gewaltsame Handlungen sexuellen Charakters, verübt von einer Gruppe".

Ein kluger Schachzug aus Sicht des Apparats - wir beide werden nun angeklagt und uns droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Doch faktisch werden wir alle vier, auch unsere Kinder, angegriffen. Zwei von uns gehen mit einer schmutzigen Strafe in die Arbeitslager und versuchen Mitinhaftierte zu überzeugen, dass wir unschuldige Opfer einer operativen Zersetzungsmaßnahme sind. Und die anderen beiden, unsere Kinder, haben ein Treffen mit der Schule des Lebens in den Kinderheimen.

Aus Pjotr Pawlenskis Stellungnahme, Facebook

Lagerhaft oder Exil

Mann eingewickelt in Stacheldraht
Aktion "Kadaver:" Pawlenski wälzt sich vor dem Stadtparlament von St. Petersburg nackt im Stacheldraht Bildrechte: IMAGO

Pawlensky selbst spricht in einem Facebook-Eintrag von einer vom Apparat eingefädelten Denunziation und davon, dass die "Vorbereitungen zu unserer Liquidation aus Russland" bereits nach der Aktion "Fixierung" begannen: "Am Anfang standen Strafverfahren, Verhaftungsandrohungen und psychiatrische Untersuchungen. Schwere Gefängnis- und hohe Geldstrafen folgten." Schließlich mündeten sie in eine Art Abschiebung:

Um uns den Ernst der Lage deutlich zu machen, erwartete man uns bereits am Flughafen. Uns wurde klargemacht, dass es zwei Möglichkeiten gibt, uns gewaltsam aus dem politischen Kontext Russlands zu liquidieren: Lagerhaft oder Exil.

Aus Pjotr Pawlenskis Stellungnahme, Facebook

Der Film porträtiert Pjotr Pawlenski als einen Künstler, der gegen Gewalt protestiert, indem er sich der Gewalt ausliefert, der seine Verletzlichkeit durchaus ausstellt, aber auch seine Freiheit aufs Spiel gesetzt hat. Nun hat er für sich und seine Familie um politisches Asyl in Frankreich gebeten.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: MDR FERNSEHEN | artour | 16.03.2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. März 2017, 17:59 Uhr

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