historische Zeichnung: Humboldt und Bonpland in Dschungelhütte
Historische Zeichnung: Die Naturforscher Alexander von Humboldt (links) und Aimé Bonpland (rechts) in einer Dschungelhütte Bildrechte: IMAGO

Sachbuch der Woche | Andrea Wulf: "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur" Humboldt als Prototyp des Ökos

Alexander von Humboldt steht mit seinem Namen für universelles Wissen und Gelehrsamkeit wie nur wenige andere. Und obwohl er vor knapp 150 Jahren starb, ist das Interesse an ihm überaus lebendig. 2005 schrieb Daniel Kehlmann mit "Die Vermessung der Welt" einen Roman, in dem er auf den Spuren von Humboldt wandelte. Es wurde ein Erfolg, mit dem niemand gerechnet hatte. Nun hat Kulturhistorikerin Andrea Wulf eine umfangreiche Biografie vorgelegt, die ebenfalls zum Bestseller avanciert.

von Bettina Baltschev

historische Zeichnung: Humboldt und Bonpland in Dschungelhütte
Historische Zeichnung: Die Naturforscher Alexander von Humboldt (links) und Aimé Bonpland (rechts) in einer Dschungelhütte Bildrechte: IMAGO

Schon in ihrem Prolog weist Andrea Wulf darauf hin und auch der Titel ihres Buches spricht davon: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Statt die Lebensstationen Alexander von Humboldts einfach nur aufzureihen, hat sich Andrea Wulf entschieden, ihr Buch entlang des Lebensthemas des Gelehrten zu erzählen. Sie will uns einen Mann vorstellen, der sich ganz der Natur in all ihren Facetten verschrieben hat und erklärt ihn selbstbewusst zum Prototypen eines Naturschützers. So habe Humboldt all das, was wir heute schmerzlich erleben müssen, bereits vorausgesehen: Zum Beispiel wie der Mensch Raubbau an der Natur betreibt und welche globalen Folgen das hat.

Humboldts Netz des Lebens

Andrea Wulf legt großen Wert darauf, dass Alexander von Humboldt im Gegensatz zu anderen Naturforschern seiner Zeit die Gabe besessen habe, hinter den diversen Ausprägungen der Natur, hinter Steinen, Pflanzen und Tieren, das Große und Ganze zu erkennen. Humboldt selbst nannte es das "Netz des Lebens", in dem alles mit allem verbunden ist. Alexander Humboldt als Öko "avant la lettre" also, der seiner Zeit und auch dem Begriff "Öko" weit voraus war? Es ist eine steile These, die Andrea Wulf hier vertritt, doch sie tut es gleichermaßen glaubhaft und enthusiastisch.

Andrea Wulf: "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur"
Bildrechte: C. Bertelsmann Verlag

Angaben zum Buch Andrea Wulf: "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur"
Übersetzt von Hainer Kober
560 Seiten, gebunden
C. Bertelsmann Verlag, 2016
ISBN: 978-3-570-10206-0
24,99 Euro

Angelsächsische Erzählweise

Obwohl Andrea Wulf Deutsche ist, hat sie ihr Buch auf Englisch geschrieben und zeigt sich im besten Sinne beeinflusst von der angelsächsischen Erzählweise, die auch Sachbücher sehr lebendig macht. Gleich am Anfang ihrer Biografie beschreibt sie anschaulich Humboldts Besteigung des Chimborazo, eines Vulkans in den Anden. Als Leser bekommt man schnell das Gefühl, ganz nah dran zu sein, wenn Wulf von Eiskristallen in den Haaren, von durchweichten Schuhen und tauben Fingerkuppen berichtet. Und auch wenn sie ins Leben Alexander von Humboldts eintaucht, von seiner lieblosen Mutter erzählt und von der Einsamkeit eines hochbegabten Jungen, der schon früh Trost in der Natur und in der Wissenschaft gesucht hat, liest sich das streckenweise wie ein Roman.

So lernt man den Menschen Alexander von Humboldt sehr gut kennen und lässt sich gern beeindrucken von diesem Arbeitstier, getrieben von seiner Obsession, die Welt vom südamerikanischen Dschungel bis nach Sibirien zu vermessen und keine Kosten und Mühen zu scheuen.

Während Daniel Kehlmann in "Die Vermessung der Welt" Humboldt als etwas kauzigen eigenartigen Typen zeichnet, erzählt Wulf von einem sehr ernsthaften fleißigen Mann und setzt ihn in Beziehung zu Zeitgenossen wie Thomas Jefferson und Charles Darwin. Besonders schön für die Leser in Mitteldeutschland ist natürlich das Kapitel über Humboldt und Goethe, in dem erzählt wird, wie sie sich regelmäßig in Jena treffen und wie sehr sich der Geheimrat von der Forscherleidenschaft des jungen Mannes mitreißen lässt.

Tatendrang und Experimentierfreude

Leicht kann man sich in Andrea Wulfs Buch verlieren und darin stundenlang eintauchen. Unterwegs lernt man viele interessante Dinge. Zum Beispiel, dass Humboldt schon zu Lebzeiten so berühmt war, dass kurz vor seinem Tod in Zeitungen in Berlin täglich über seinen Gesundheitszustand berichtet wurde. Am Ende wurde Alexander von Humboldt immerhin 89 Jahre alt und das, obwohl er seinen Körper auf seinen Expeditionen nie geschont und einigen naturwissenschaftlichen Experimenten ausgesetzt hat.

Als er am 6. Mai 1859 starb, folgten Zehntausende dem Trauerzug in Berlin. Von der Faszination für einen Universalgelehrten, für einen leidenschaftlichen Forscher, die damals weltweit herrschte, hat sich Andrea Wulf anstecken lassen und gibt sie an ihre Leser weiter. Und vielleicht liegt der Erfolg des Buches ja auch darin, dass man solche Menschen voller Tatendrang und Experimentierfreude heute nicht mehr so leicht findet.

Über die Autorin

Andrea Wulf wurde 1972 als Tochter deutscher Entwicklungshelfer in Indien geboren, studierte in Lüneburg Kulturwissenschaften und zog danach nach London, wo sie als Journalistin gearbeitet hat und schließlich zur Buchautorin wurde. Ihr besonderes Interesse gilt der Natur und Geschichte.

Wie hat der Mensch die Natur über die Jahrhunderte erobert und mehr oder massiv in sie eingegriffen? Das ist die zentrale Frage, um die sich ihre bisherigen Bücher drehen. Das erste Sachbuch von Wulf erzählt die Geschichte englischer Gärten, später schrieb sie über englische und amerikanische Gärtner und Farmer. Diese Bücher sind zwar bisher nur auf Englisch zu bekommen, aber vermutlich wird man sie auch bald auf Deutsch lesen können, nach dem großem Erfolg, den ihre Humboldt-Biografie gerade erlebt.

Zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2016, 09:10 Uhr

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