Schallplatten in einem Regal
Knapp eine Million Vinylplatte nwurden 2007 in den USA verkauft Bildrechte: IMAGO

Sachbuch der Woche | David Sax: "Die Rache des Analogen" Das Notizbuch schlägt zurück

Von der Schallplatte bis zum echten Buch, die digitale Welt kann nicht alle Sehnsüchte erfüllen. David Sax hat mit "Die Rache des Analogen" ein leidenschaftliches Plädoyer für die realen Dinge des Lebens geschrieben.

von Vera Linß

Schallplatten in einem Regal
Knapp eine Million Vinylplatte nwurden 2007 in den USA verkauft Bildrechte: IMAGO

Ausgerechnet im Silicon Valley, wo der Siegeszug des Digitalen gepredigt wurde, hält jetzt das Analoge Einzug. Manager des Softwareunternehmens Adobe meditieren vor einer Fototapete mit Waldmotiv. Hightechfirmen machen ihre Büros zu Begegnungsstätten, wo statt Displays Whiteboards hängen und Stifte ausliegen. Und der Digital-Dienst Evernote, spezialisiert auf die papierlose Verwaltung, stellt gemeinsam mit Moleskine Notizbücher her. Für den kanadischen Journalisten David Sax kommt diese Wendung nicht überraschend. Erst jetzt, da die Digitalisierung die Gesellschaft prägt, könne man überhaupt erkennen, was an ihr gut ist und was schlecht. Deshalb kommt das Digitale auch erst jetzt auf den Prüfstand und wird dort wieder abgeschafft, wo es die Erwartungen nicht erfüllt. Sax nennt diesen Bewusstseinswandel die "Rache des Analogen"; Rache deshalb, weil Technologien und Praktiken, die in der Digital-Euphorie für tot erklärt wurden, im Verborgenen weiterlebten und nun ihr Comeback feiern.

"Postdigitale Wirtschaft"

Cover David Sax
Bildrechte: Residenzverlag

Und zwar so stark, dass Sax sogar eine "postdigitale Wirtschaft" im Entstehen sieht. Im Musikbusiness, in der Fotografie, bei Freizeitspielen oder bei Notizbüchern – überall klettern die Umsatzzahlen wieder nach oben. Knapp eine Million Vinylplatten gingen 2007 in den USA über den Tisch. 2015 waren es schon mehr als zwölf Millionen. Auch das analoge Filmgeschäft läuft wieder. 100 Millionen 35-mm-Filmrollen wurden 2015 weltweit verkauft.

Da das Digitale so präsent ist, lernen wir das Analoge wieder schätzen, begründet Sax die Hinwendung zu haptischen Erlebnissen. Außerdem würden analoge Ansätze oft auch besser funktionieren. In Nashville bei United Record, bei FILM Ferrania und Moleskine in Italien – überall trifft der Journalist auf Manager, die schildern, wie sie ein Stück (analoge) Gestaltungsfreiheit und menschliches Miteinander zurück auf den Markt brachten. Man fühle sich wie am Lagerfeuer, wenn die Schallplatte läuft oder: Handgeschriebene Notizen könne man sich einfach besser merken, heißt es.

Digitale und analoge Kulturen verschmelzen

Auch Sax verhehlt seine Liebe zum Analogen nicht. Anders als viele Verfechter des Analogen belässt er es aber nicht beim Schwärmen. Er will den Blick schärfen für das "universelle Prinzip", wonach eine neue Technologie eine alte solange verdrängt, bis sich diese einen (Nischen-)Platz zurückerobert, auf dem sich immerhin auch Geld verdienen lässt. Das wahre Potential sieht Sax allerdings im Silicon Valley, "wo Profit und Leistung die Motoren sind". Von dort erwartet er die weitere Optimierung digitaler Dienste, indem sie mit analogen Kulturtechniken verschmolzen werden.

Leider analysiert Sax nicht mehr kritisch, was da vom Silicon Valley zu erwarten ist, obwohl das gerade spannend wäre. Denn die "Rache des Analogen" könnte am Ende eine Falle sein. Indem nämlich nur das perfektioniert wird, was der Digitalkritiker Ewgeni Morozow zu Recht anprangert: der digitale "Solutionism", der die Optimierung des Einzelnen anstrebt, im Dienste kapitalistischer Wertschöpfung. Mit den Verheißungen des Analogen hat das aber nichts mehr zu tun.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 31.05.2017 | 07:10 Uhr
Fernsehen | artour | 03.08.2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2017, 08:14 Uhr

Informationen zum Buch

David Sax "Die Rache des Analogen"

David Sax "Die Rache des Analogen"

Warum wir uns nach realen Dingen sehnen.
Aus dem kanadischen Englisch von Pauline Kurbasik.
Residenzverlag Wien 2017, 316 Seiten, 24 Euro

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