Iris Radisch
Iris Radisch wurde 1959 in Berlin geboren und ist seit 1990 bei der ZEIT als Literaturredakteurin tätig. Bildrechte: dpa

Sachbuch der Woche | "Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben" Iris Radischs Streifzug durch die französische Literatur

Frankreich ist in diesem Jahr Gastland bei der Frankfurter Buchmesse. Der perfekte Begleiter für die Messe ist Iris Radischs neues Buch "Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben", in dem sie die wichtigsten Epochen und Akteure der Literaturgeschichte Frankreichs vorstellt.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Sachbuchkritiker

Iris Radisch
Iris Radisch wurde 1959 in Berlin geboren und ist seit 1990 bei der ZEIT als Literaturredakteurin tätig. Bildrechte: dpa

Ein guter Anlass schafft manchmal gute Bücher: Der Ehrengast-Auftritt Frankreichs auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hat die ZEIT-Feuilletonchefin und Camus-Biografin Iris Radisch dazu bewegt, zurückzuschauen auf das, was die französische Literatur in den letzten gut 70 Jahren hervorgebracht hat.

Entstanden ist daraus eine höchst lesenswerte kleine, subjektiv gefärbte Literaturgeschichte, die davon zehrt, dass Radisch in den letzten Jahren mehrfach die Möglichkeit hatte, Interviews mit Autoren wie Nathalie Sarraute, Boualem Sansal, Yasmina Reza oder Michel Houellebecq zu führen, den sie en passant zum "wichtigsten literarischen Diagnostiker unserer Gegenwart" nobilitiert. Der Rückgriff auf diese Interviews und Radischs Vorliebe, die Pariser literarische Szene vorwiegend im Präsens zu veranschaulichen, geben ihrem "Streifzug" Lebendigkeit, die nichts mit steifer akademischer Diktion im Sinn hat.

Leichter, suggestiver Erzählton

Iris Radisch: Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben
Iris Radischs neues Buch ist im Rowohlt-Verlag erschienen Bildrechte: Rowohlt Verlag

So gelingt es Radisch, die maßgeblichen Epochen der jüngeren französischen Literatur nachzuzeichnen und deren wichtigste Akteure zu porträtieren. Was den frühen Existenzialismus, was engagierte Literatur ausmachte, und warum Samuel Beckett damit nichts am Hut hatte, worin die (vermeintliche) Revolution des "Nouveau Roman" um Alain Robbe-Grillet und Michel Butor bestand, was sich im Pariser Mai '68 tat, was es mit den Werken der Nobelpreisträger Simon, Le Clézio und Modiano auf sich hat, und warum es sich lohnt, Autoren der jüngeren Gegenwart wie Marie NDiaye oder Mathias Énard zu lesen, das schildert Radisch in leichtem, suggestivem Erzählton.

In diesem Spektrum fehlen erfreulicherweise auch philosophische Querköpfe wie Mircea Eliade oder E. M. Cioran nicht. Und der Versuchung widerstehend, alle Erscheinungen irgendwelchen "Strömungen" oder "-ismen" zuzuordnen, verzichtet Radisch zum Glück nicht auf Altmeister Julien Green und auf den Shooting-Star der 50er-Jahre, auf Françoise Sagan. Die Titelheldin Cécile, in deren Skandaldebüt "Bonjour tristesse" als "in die Geschlechtsreife gekommene Pippi Langstrumpf aus der Pariser Bourgeoisie" zu bezeichnen, ist dabei vielleicht origineller formuliert als reflektiert.

Verzichtbar in dieser Literaturgeschichte wären übrigens Radischs eingestreute "Listen", die die kinderlos gebliebenen, vaterlos aufgewachsenen oder über "ihre Mütter nicht hinweggekommenen" Autoren aufzählen.

Ein Überblick mit Lücken

Schriftsteller Julien Gracq
Schriftsteller Julien Gracq (1910-2007) kommt in Radischs Überblick nicht vor - hätte es aber verdient Bildrechte: sdpa

Iris Radischs Porträts sind unterschiedlich intensiv – herausragend dabei, wie sie die Eigentümlichkeiten von Marguerite Duras und Georges Perec beschreibt. Wer das kühne Unterfangen einer solchen Überblicksdarstellung angeht, muss damit rechnen, dass das Fehlen des einen oder anderen Schriftstellers moniert wird. Und in der Tat: Kaum oder gar kein Wort verliert Radisch über Julien Gracq, Jean Genet, Marguerite Yourcenar, Raymond Queneau, Amélie Nothomb und Michel Tournier. Und keine Erwähnung wert sind erstaunlicherweise die so florierenden Gattungen des "roman policier" bzw. des "(neo-)polar". Dieses Feld liegt hier völlig brach, und so werden selbst Léo Malet und Fred Vargas übergangen. Ganz zu schweigen davon, dass es schön gewesen wäre, den immer noch unterschätzten Belgier Georges Simenon, wie es längt üblich ist, der französischen Literatur zuzuordnen.

"Ein feines Begleitbuch zur Frankfurter Buchmesse"

Das sind Lücken, die man verzeihlich oder unverzeihlich finden mag; sie ändern nichts am großen Gewinn, den man aus der Lektüre dieser Bilanz zieht. Weshalb diese freilich "Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben" heißt, bleibt rätselhaft. Denn darauf bleibt Radisch jede Antwort schuldig – was nicht verwundert, da es dazu umfassender soziologischer und ästhetischer Vergleiche bedurft hätte.

Bei ungeliebten Autoren wie Georges Bataille oder Jonathan Littell zu folgern "Nicht alle Franzosen schreiben gute Bücher" hilft nicht weiter – ebenso wenig wie die am Beispiel Simone de Beauvoirs getroffene Feststellung, dass die Franzosen (und das meint wohl auch: Französinnen) "deswegen so gute Bücher schreiben, weil sie ein so ungewöhnlich kompliziertes Liebesleben haben". Trotz dieser unbefriedigenden Beweiskraft bleibt "Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben" ein feines Begleitbuch zum Frankfurter Frankreich-Schwerpunkt und trägt dazu bei, aktuellen Phänomenen mit angemessener literarhistorischer Distanz gegenüberzutreten.

Angaben zum Sachbuch Iris Radisch: "Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben"
240 Seiten, gebunden
Rowohlt Verlag, 2017
ISBN: 978-3-498-05814-2
19,95 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Oktober 2017 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2017, 08:15 Uhr

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