Anhänger von Pegida demonstrieren mit Fahnen und Plakaten auf dem Altmarkt in Dresden
Anhänger von Pegida demonstrieren auf dem Altmarkt in Dresden, auch die Identitäre Bewegung zeigt Flagge Bildrechte: MDR/Christian Essler

Sachbuch der Woche | Volker Weiß: "Die autoritäre Revolte" Eine globale, konservative Revolution

Das politische Europa rückt gerade nach rechts. Wie weit nach rechts, werden die Wahlen in diesem Jahr zeigen. Dass die Rechtspopulisten europaweit erstarkt sind, kommt nicht von ungefähr. Das belegt das neue Buch des Historikers Volker Weiß "Die autoritäre Revolte", das für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

von Sven Kochale, MDR KULTUR-Redakteur für Politik und Gesellschaft

Anhänger von Pegida demonstrieren mit Fahnen und Plakaten auf dem Altmarkt in Dresden
Anhänger von Pegida demonstrieren auf dem Altmarkt in Dresden, auch die Identitäre Bewegung zeigt Flagge Bildrechte: MDR/Christian Essler

Volker Weiß beschreibt in seinem Buch den Aufstieg der "Neuen Rechten" als einen Prozess, der sich in den vergangenen Jahren verstärkt und immer schärfere Konturen bekommen hat. Die Bewegung speist sich aus etlichen Strömungen, Initiativen und Netzwerken. Das reicht von streng-konservativen politischen Kreisen, geht über rechts-extremistische Gruppen bis hin zu studentischen Burschenschaften und Hooligans.

Es ist die Sehnsucht nach Geborgenheit, Sicherheit und Werten in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Die Gemengelage aus Globalisierung, Digitalisierung, Terrorismus, Europa-Skepsis und sozialer Schieflage bestimmt im Moment das gesellschaftliche Klima und erklärt den Erfolg der Rechtspopulisten. Und zwar nicht nur in Deutschland.

Volker Weiß beleuchtet auch die Entwicklungen in Frankreich (Bloc Identitaire, Nouvelle Droite), Italien (Casa Pound) und den USA (Tea Party, Alternative Right). Die Flüchtlingskrise dient in diesem Prozess quasi als Beschleuniger.

Volker Weiß
Volker Weiß Bildrechte: Annette Hauschild, Berlin

Man möchte in eine Zeit zurück, die weniger global, die weniger multikulturell war. Und jetzt weitet sich das aus, was ich im Buch als eine globale, konservative Revolution bezeichne und auch befürchte, bis hin in die USA.

Volker Weiß bei artour

In Europa schmiedet die "Neue Rechte" gerade Allianzen. Das vielbeachtete Treffen mit Petry, LePen und Wilders Anfang 2017 in Koblenz ist dafür ein Beleg.

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"Die autoritäre Revolte" - so nennt Historiker Volker Weiß die von ihm beschriebene konservative Revolution. Mit seinem Buch ist Weiß für den Leipziger Buchpreis nominiert.

artour Do 02.03.2017 22:05Uhr 05:13 min

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Höhenflug der AfD

Die AfD stößt in eine Lücke, die durch den liberalen Kurs insbesondere der Union entstanden ist. Die Partei von Kanzlerin Angela Merkel hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter politisch in die Mitte orientiert. Das lässt sich in der Familienpolitik beobachten, bei der Frauenquote in Aufsichtsräten, dem Mindestlohn, der Wehrpflicht oder dem Atomausstieg.

Bei konservativen CDU-Mitgliedern löst diese Politik wenig Begeisterung aus. Der AfD-Chef in Brandenburg Alexander Gauland zum Beispiel war 40 Jahre lang CDU-Mitglied. Doch er hat sich enttäuscht abgewendet und eine neue politische Heimat gesucht. Gefunden hat er sie in der AfD. Als europaskeptische Partei unter Bernd Lucke gestartet, ist sie inzwischen ein Sammelbecken von Rechtsliberalen, Völkisch-Nationalen und Populisten.

Das Konzept funktioniert: Die AfD ist mit zweistelligen Zahlen in die Landtage eingezogen und steht vor dem Sprung in den Bundestag. Der Höhenflug der AfD führt inzwischen auch in der Union zu neuen Diskussionen. In Sachsen-Anhalt gibt es inzwischen einen konservativen Kreis, ein Sprachrohr des rechten Flügels der Partei.

"Deutschland schafft sich ab"

Der Historiker Volker Weiß studierte Literaturwissenschaft sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Er lehrte unter anderem in Leipzig. In seinem Buch verfolgt er, unter Nutzung zahlreicher Quellen, die zeitliche Entwicklung zurück und benennt wichtige Ereignisse.

Thilo Sarrazin
Mit Thilo Sarrazin begann in Deutschland eine breite Öffentlichmachung radikaleren Denkens Bildrechte: IMAGO

So taucht 2010 Thilo Sarrazin auf, SPD-Politiker und ehemaliger Finanzsenator in Berlin und Bundesbanker. Sein umstrittener Bestseller "Deutschland schafft sich ab" war so etwas wie die Initialzündung. Viele hatten plötzlich das Gefühl, dass da einer ist, der die Dinge beim Namen nennt. Der keine Rücksicht darauf nimmt, dass er politisch nicht korrekt sein und anecken könnte. Gegen Sarrazin wurden zwar mehrere Parteiordnungs- bzw. Ausschlussverfahren eingeleitet, doch das machte ihn als Autor nur noch interessanter. Drei Jahre später trat die AfD auf die Bildfläche.

Mit Parteigründung der 'Alternative für Deutschland' (AfD) 2013 erschien eine Kraft, die das Potential besitzt, die gebündelten Ressentiments in 'Politik' umzuwandeln. Sie sollte binnen drei Jahren die politische Landschaft der Bundesrepublik verändern.

Volker Weiß in "Die autoritäre Revolte"

Ein weiteres Jahr später, 2014, begann sich Pegida in Dresden zu formieren und bildete schnell Ableger wie Thügida oder Legida. Am 12. April 2015 trat Geert Wilders bei Pegida in Dresden auf. Die AfD wurde der politische Flügel der Bewegung.

Neu-rechte Vordenker am "Institut für Staatspolitik"

Zu den Köpfen und Gesichtern der "Neuen Rechten" in Deutschland gehören die Landesvorsitzenden der AfD in Thüringen und Sachsen-Anhalt, Björn Höcke und André Poggenburg. Eher im Hintergrund arbeitet der Autor, Verleger und Mitgründer der neu-rechten Denkfabrik "Institut für Staatspolitik" (IfS) mit Sitz in Schnellroda im Saalekreis, Götz Kubitschek. In seinem Buch zitiert Volker Weiß Auszüge aus dessen sogenannter "Leipziger Rede" vom 21. Januar 2015, in der Kubitschek mit vollen Händen in die weltanschauliche Sammlung des deutschen Nationalismus greift:

Unser Volk hat von anderen Völkern viel gelernt und anderen Völkern viel beigebracht, sein Erfindergeist, sein Organisationstalent, sein Fleiß sind sprichwörtlich, seine Musik und seine Philosophie sind einzigartig. Unser Volk hat sich in der schwierigen Mitte Europas behauptet, es hat Kriege geführt und wurde mit Krieg überzogen […] Die Geschichte der armen und der reichen Leute, die Geschichte der fleißigen Handwerker und der großen Forscher, der guten Mütter und der strengen Lehrer trägt jeder Deutsche mit sich und muss sie weitertragen.

Götz Kubitschek

Als Vordenker der "Neuen Rechten" gilt auch Karlheinz Weißmann. Der Lehrer aus Niedersachsen ist neben Götz Kubitschek Mitbegründer des IfS. Zu diesem Netzwerk gehört ebenso Jürgen Elsässer, Publizist und Chefredakteur des rechtspopulistischen Magazins "Compact".

Die Feindbilder Liberalismus und Dekadenz

Volker Weiß beschreibt mit nüchternen Worten und ohne schmückendes Beiwerk, aus welchen Quellen sich die "Neuen Rechten" bedienen. Er nennt Autoren aus der Zeit der Weimarer Republik und analysiert deren Werke. Dazu zählen Arthur Moeller van den Bruck ("Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt."), Oswald Spengler oder Ernst Jünger.

Ein Plakat des rechtspopulistischen Compact Zeitschrift ist während AfD Demo unter dem dem Motto Asyl braucht Grenzen zu sehen.
Die Zeitschrift "Compact" ist ein Sprachrohr der Neuen Rechten Bildrechte: IMAGO

Sie alle zählen zu einer geistigen Strömung, die sich "Konservative Revolution" nennt und als Wegbereiter für den Nationalsozialismus gilt. Ihnen geht es um eine Identität, die sich verlässlich in Sprache, Religion, Kultur, Familien- und Sexualordnung ausdrückt und mit Hilfe eines starken Staates durchgesetzt wird. In dieser Tradition stehen die "Neuen Rechten", die sich vor allem gegen den Liberalismus (persönliche Freiheit, individuelle Entfaltung) und die westliche Dekadenz (Verfall der Sitten) wehren. Sie sehen gar nicht so sehr den Islam als Feind, obwohl das oft vermutet wird. Jedenfalls, solange der Islam in seinen "Räumen" bleibt und nicht nach Deutschland will. Da drückt sich die Angst vor ethnischer Einwanderung und dem Austausch des deutschen Volkes aus.

Erhellend ist die Beobachtung von Weiß auf einer Veranstaltung von Compact, auf der Jürgen Elsässer darüber berichtet, dass zu Beginn von Pegida über den Namen diskutiert wurde. Man hatte auch den Namen Pegada erwogen: "Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes" um den verhassten Liberalismus deutlich zu machen. Letztlich sei die Entscheidung zugunsten von "Islamisierung" gefallen, weil die das drängendere Problem gewesen sei.

Überhaupt das Abendland: Weiß zeigt in einem relativ langen, historischen Teil, dass es bei diesem Begriff immer wieder zu Irritationen, Missverständnissen und Umdeutungen gekommen ist.

Studenten und soziale Netzwerke

Auffällig ist, dass die "Neue Rechte" auf die Jugend setzt, zum Beispiel auf Studenten. Sie will die Köpfe erreichen und so Einfluss nehmen auf die Machtzentralen.

Aktivisten der "Identitaeren Bewegung" stehen am 27.08.2016 auf dem Brandenburger Tor. Sie zeigen ein Transparent mit der Aufschrift «Grenzen schützen - Leben retten» und haben unter der Quadriga ein großes Spruchband «Sichere Grenzen - sichere Zukunft» angebracht.
Absurd: Die Identitaeren Bewegung protestiert mit dem Transparent "Grenzen schützen - Leben retten" an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, die zahllose Menschenleben forderte. Bildrechte: dpa

Weiß spricht von einem "Oberschichtennetzwerk". Dabei geht es gar nicht so sehr darum, die Massen auf die Straßen zu bringen. Viel wichtiger ist es, die Massen zu erreichen, etwa über die sozialen Netzwerke oder mit spektakulären Aktionen.

Eine große Medienwirkung erreichte 2016 ein Transparent, dass Anhänger der "Identitären Bewegung" am Brandenburger Tor anbrachten ("Sichere Grenzen - sichere Zukunft"). Mit solchen Überraschungs-Effekten und Provokationen lassen sich sogar Parallelen zur 68er-Bewegung ziehen.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 15.03.2017 | 7:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2017, 12:11 Uhr