Konrad Adenauer
Ausgelassen sieht man Konrad Adenauer (1876-1967) auf Fotos eher selten Bildrechte: dpa

Sachbuch der Woche | Werner Biermann " Konrad Adenauer - Ein Jahrhundertleben" "... das deutsche Volk von Grund auf zum Frieden zu erziehen"

Er hat die Bundesrepublik geprägt wie nur wenige Politiker: Konrad Adenauer. Eine neue Biografie von Autor und Filmemacher Werner Biermann beleuchtet die zahlreichen Facetten von Adenauers Leben und Wirken.

von MDR KULTUR-Geschichtsredakteur Stefan Nölke

Konrad Adenauer
Ausgelassen sieht man Konrad Adenauer (1876-1967) auf Fotos eher selten Bildrechte: dpa

"Do jitt et nix zu krische!" - das waren vor 50 Jahren die letzten Worte von Konrad Adenauer. Ins hochdeutsch übersetzt: Da gibt es nichts weinen (wenn ich jetzt von der Welt Abschied nehme). Das ist eines der vielen Bonmots von Konrad Adenauer, nach dem eine ganze Ära benannt ist. Kein anderer Politiker hat die alte Bundesrepublik derart geprägt. Eine Jahrhundertfigur der deutschen Geschichte, über die jetzt eine neue Biografie von dem Autor und Filmemacher Werner Biermann vorliegt.

Leben wie im Roman

Charles de Gaulle und Konrad Adenauer
Charles de Gaulle (l) und Konrad Adenauer - die Aussöhnung mit Frankreich ist wohl eine der größten Errungenschaften der Adenauer-Zeit Bildrechte: dpa

Tatsächlich hat das Leben von Konrad Adenauer romanhafte Züge. Es ist eine unglaublich klingende Geschichte: der Aufstieg zu Kaiser Wilhelms Zeiten aus den spartanischen Verhältnissen eines kleinen Kölner Beamten-Milieus, die Einheirat in großbürgerliche Kreise, sein Werdegang als Oberbürgermeister und zu einem der angesehensten Politiker der Weimarer Republik, dann die Absetzung und der tiefe Fall während der Nazizeit und schließlich nach dem Krieg die Rückkehr in die Politik, 1949 die Wahl zum Bundeskanzler der jungen Westrepublik, die er dann 14 Jahre lang prägen wird.

Als großes bleibendes Verdienst sehen die Historiker vor allem die Westintegration der alten Bundesrepublik und die Aussöhnung mit Frankreich. Biermann legt in seinem Buch auch Wert auf die sozialstaatlichen Projekte, die Adenauer auch gegen die Widerstände in der eigenen Partei, der CDU/CSU, durchgesetzt hat. Dazu zählt der Lastenausgleich zugunsten der Flüchtlinge aus den Ostgebieten ebenso wie die Rentenreform aus dem Jahre 1957, die das Rentensystem auf eine völlig neue Grundlage stellte.

Gut erzählte Biografie

Reproduktion eines historischen Wahlplakats der CDU mit dem Konterfei von Konrad Adenauer
Reproduktion eines historischen Wahlplakats der CDU mit dem Konterfei von Konrad Adenauer Bildrechte: IMAGO

Die Qualität der neuen Biografie liegt in erster Linie im Erzählerischen. Es ist eine Art Entwicklungsroman, den uns Biermann schildert. Biermann betont vor allem die Prägung durch den Vater, der sich aus eigner Kraft und mit eiserner Disziplin vom Stallburschen zum preußischen Kanzleirat hochgearbeitet hatte. Und der alte Adenauer impfte auch seinem Sohn den unbedingten Willen zum gesellschaftlichen Aufstieg ein.

Dieses kleinbürgerliche, katholische Milieu ist der Ausgangspunkt, von dem sich Adenauer im Laufe seines Lebens stetig emanzipiert - freilich ohne die Prägung jemals abzuschütteln. So strebt er nach Reichtum und Geltung, so wie es der Vater ihm auf den Weg gegeben hat. Gleichzeit hat Adenauer seine ideellen, demokratischen und rechtstaatlichen Grundätze, die er beharrlich verfolgt. Das zeigt sich exemplarisch, als die Engländer 1945 kurz nach Kriegsende bei ihm zu Hause in Rhöndorf auftauchen und ihn als Bürgermeister von Köln wieder einsetzen wollen. Adenauer lehnt erst einmal ab, was die englischen Offiziere sehr erstaunt.

Von den beiden Offizieren dringlich befragt, was er denn dann überhaupt wolle, sagt er schließlich einen erstaunlichen, ungeheuren und maßlosen Satz. Er sagt, 'ich fühle mich vor allem dazu ausersehen, das deutsche Volk von Grund auf zum Frieden zu erziehen'.

Werner Biermann in seinem Buch

Für den Biografen Werner Biermann ist dies eine Schlüsselszene. Adenauer machte sich wenig Illusionen über den Charakter und das Ausmaß der Verblendung der Deutschen. Wobei sein Anspruch, der Demokratie auf die Beine zu helfen, natürlich im Widerspruch zur patriarchalischen Grundhaltung steht. Das funktionierte noch sehr gut in den 50er-Jahren, in die 60er-Jahre wollte das aber nicht mehr reinpassen. 1963 wurde er auf sehr unschöne Weise gegangen.  

Licht und Schatten

Werner Biermann zeigt sich durchaus fasziniert von Adenauers Person und Lebensleistung, zugleich behält er aber auch die Schattenseiten des Altkanzlers im Blick. Sicher ist Biermann ein Autor und Filmemacher, der nicht dem konservativen Spektrum zuzurechnen ist. Völlig unerwartet ist er im letzten Jahr verstorben, da war das Skript weitestgehend fertig gestellt. Mit Adenauer hatte sich Biermann zuvor jahrelang intensiv beschäftigt. 2012 erschien sein Dokudrama "Stunden der Entscheidung", wofür er viele Zeitzeugen interviewt hat. Adenauers Sohn Georg zum Beispiel oder den Übersetzer Rolf Dietrich Keil, der bei Adenauers Verhandlungen 1955 in Moskau dabei war. Neben den eigenen Recherchen fußt das Buch ansonsten auf den beiden großen Adenauer-Biografien von Hans-Peter Schwarz, 1986 und 91 veröffentlicht, und der von Henning Köhler aus dem Jahre 1996.

Werner Biermann: Konrad Adenauer - Ein Jahrhundertleben
Bildrechte: Rowohlt

Angaben zum Sachbuch Werner Biermann " Konrad Adenauer - Ein Jahrhundertleben"
Rowohlt Berlin
656 Seiten, Hardcover
ISBN: 9783737100069

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 12.04.2017 | 07:40 Uhr

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Eine Reise quer durch Deutschland - von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von der einen Konrad-Adenauer-Straße zur nächsten. Ein buntes, facettenreiches Bild der BRD, 50 Jahre nach dem Tod ihres ersten Kanzlers.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 19.04.2017 22:00Uhr 50:49 min

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