Der deutschsprachiger Lyriker rumänischer Herkunft Paul Celan und die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann
Der deutschsprachiger Lyriker rumänischer Herkunft Paul Celan und die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann Bildrechte: dpa

Sachbuch der Woche | Helmut Böttiger: "Wir sagen uns Dunkles" Böttiger entschlüsselt die unmögliche Liebe zwischen Bachmann und Celan

Zwei Namen, fest verankert im Kanon der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Zwei Namen, verbunden mit Werken, die nicht unbedingt als leicht verdaulich gelten, die uns aber bei näherer Betrachtung viel darüber erzählen, wie Geschichte Biografien und Beziehungen prägt. Hier Ingeborg Bachmann, gutbürgerliche Tochter eines Schuldirektors in Klagenfurt, die schon bald die Rolle des literarischen Fräuleinwunders übernimmt. Dort Paul Celan aus Czernowitz, dessen Eltern im Holocaust umkamen. Eine Erfahrung, die sich tief in die Seele und das Werk des Dichters eingeschrieben hat. Wie leidenschaftlich und kompliziert die Liebe zwischen beiden war, möglicherweise auch sein musste, davon erzählt der Literaturwissenschaftler und Publizist Helmut Böttiger.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Der deutschsprachiger Lyriker rumänischer Herkunft Paul Celan und die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann
Der deutschsprachiger Lyriker rumänischer Herkunft Paul Celan und die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann Bildrechte: dpa

"Wir sagen uns Dunkles" - es ist eine Zeile aus dem Gedicht "Corona" von Paul Celan, die diesem Buch den Titel gegeben hat. Eine Zeile, die sich auf seine erste Begegnung mit Ingeborg Bachmann bezieht, im Frühjahr 1948 in Wien.

Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan
Bildrechte: DVA Belletristik

Während Ingeborg Bachmann dort Philosophie studiert und sich in literarischen Kreisen bewegt, ist Paul Celan vor dem Stalinismus in Rumänien nach Wien geflüchtet und wird als bekannter Lyriker hofiert. Auf einer Party fasst Ingeborg Bachmann - die da bereits mit einem wesentlich älteren Schriftsteller zusammen ist - Paul Celan "ins Auge", wie sie einmal in einem Brief notiert, und Paul Celan lässt es nur allzu bereitwillig geschehen. Warum auch nicht, er ist 27, sie ist 22, beide sind gerade dem Weltkrieg entronnen.

Es folgen sechs rauschhafte Wochen, die eben auch deshalb rauschhaft sind, weil da neben aller Körperlichkeit etwas Unaussprechliches, etwas Dunkles ist, das sie teilen und das die beiden Dichterseelen jahrzehntelang verbindet, obwohl sie offiziell nie ein Paar werden. Die Verszeile "Wir sagen uns Dunkles", wird für sie, so Helmut Böttiger, zu einem Geheimcode ihrer Liebe.

Liebe auf Abstand

Doch Paul Celan hält es nicht lange in Wien aus. Zuviel erinnert ihn an das Schicksal seiner Eltern und die Österreicher, die sich nach Kriegsende schnell als die ersten Opfer der Nationalsozialisten inszenieren, irritieren ihn zutiefst. Celan geht nach Paris, wo er den Rest seines Lebens bleiben wird.

Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann starb 47-jährig in Rom Bildrechte: dpa

Aber auch dort ist der Dichter in jeglicher Hinsicht ein Ruheloser, ein Verlorener, ein unfreiwilliger Emigrant. Wie so viele Überlebende des Holocaust kämpft auch er mit der Frage, warum habe ich überlebt und meine Eltern nicht? Paul Celan wandert durch die Straßen von Paris, lässt sich treiben, ist dankbar für jede Ablenkung, die in seinem Fall vorrangig aus jungen Damen besteht. Allerdings bleibt Ingeborg Bachmann lange die einzige Frau, von der er sich wenigstens ansatzweise verstanden fühlt, obwohl sie doch aus einem ganz anderen Milieu kommt.

Lange Briefe werden ausgetauscht und als Ingeborg Bachmann schließlich nach Paris reist, herrscht zunächst auf beiden Seiten große Euphorie. Sogar über Heirat wird gesprochen. Doch der Versuch zusammenzuleben, scheitert bereits nach einigen Wochen. Für einen gemeinsamen Alltag sind die beiden empfindsamen Dichterseelen nicht geeignet. Helmut Böttiger vermutet, auch das habe mit ihrer konträren Herkunft zu tun, die sie nicht einfach ablegen können. Zu viele Welten liegen dazwischen.

"Die Literatur ist ein schmutziges Geschäft"

Nur wenig später heiratet Paul Celan eine Französin und bald hat er weitere Affären mit verschiedenen Frauen. Ingeborg Bachmann geht ebenfalls einige Beziehungen ein, unter anderem mit Max Frisch.

Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann mit ihrem ersten Roman "Malina" Bildrechte: IMAGO

Wie ist es also zu erklären, dass Bachmann und Celan trotz der gescheiterten Versuche nie ganz voneinander lassen können? Dafür gibt es sicher mehrere Gründe. Zum einen kann man annehmen, dass eine gescheiterte, unerfüllte Liebe im Nachhinein immer viel größer und wichtiger erscheint als eine tatsächlich gelebte Liebe. Aber bei Celan und Bachmann kommt noch dazu, dass sie beide im Literaturbetrieb der Bundesrepublik bestimmte Rollen ausfüllen müssen, in denen sie sich sehr unwohl fühlen.

So landet Ingeborg Bachmann 1954 auf dem Cover des "Spiegel" und wird als literarisches Fräuleinwunder vereinnahmt, in das man ein Modell der Frau hineinimpliziert, das nur wenig mit dem Selbstbild der Bachmann zu tun hat. Paul Celan wiederum gilt Zeit seines Lebens als der schwierige, der melancholische Dichter, der ständig nur seine düstere Vergangenheit thematisiert, was ihm nicht in Dankbarkeit abgenommen wird. Gerade und vor allem nicht in dieser Wirtschaftswunderzeit, in der alle nur nach vorn und niemand zurück schauen will.

An einer Stelle zitiert Helmut Böttiger Ingeborg Bachmann mit den Worten: "Die Literatur ist ein schmutziges Geschäft, so dreckig wie der Waffenhandel." Bachmann und Celan fühlen sich also beide in hohem Maße unverstanden. Dabei ist das Ideal der Literatur und der Dichtung, das ihnen beiden vorschwebt, der Kern ihrer Existenz und eben auch ihrer tiefen Gefühle für einander. Die lodern immer wieder auf, werden dann wieder verdrängt, aber wirklich verschwunden sind sie nie.

Panorama des deutschsprachigen Literaturbetriebs

Helmut Böttiger, der 2013 für sein Buch über die Gruppe 47 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, schafft es mit seiner angenehmen Erzählstimme, dem Leser die nicht ganz einfachen Texte Ingeborg Bachmanns und Paul Celans sehr anschaulich nahezubringen. Er entschlüsselt den kompletten Geheimcode ihrer Liebe, die vielen Zeilen, in denen die beiden auf einander Bezug nehmen.

Gleichzeitig eröffnet er das schillernde Panorama des deutschsprachigen Literaturbetriebs zwischen 1945 und 1970, die spannenden Zeiten der Gruppe 47, das politische Engagement einiger Schriftsteller und ihre persönlichen Verflechtungen und Animositäten. Bei der Lektüre wird so einmal mehr deutlich, wie existentiell Literatur und Sprache sein können, wie sie zum Rettungsanker wunder Seelen werden.

Für eine Weile funktioniert das auch für Ingeborg Bachmann und Paul Celan, doch am Ende bricht auch dieser Anker. Paul Celan wählt 1970 den Freitod und geht in die Seine. Ingeborg Bachmann schläft drei Jahre später in Rom über einer Zigarette ein, was ihr das Leben kostet.

Trotzdem lässt dieses Buch den Leser nicht deprimiert zurück. Denn auch wenn sie im Leben die Königskinder geblieben sind, die nicht zusammenkommen können, in ihrem Schreiben haben sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan nie weit voneinander entfernt. Eine Geschichte, die bis heute berührt.

Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan
Bildrechte: DVA Belletristik

Angaben zum Buch Helmut Böttiger: "Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan"
269 Seiten, gebunden, 22 Euro
Verlag: DVA Belletristik
ISBN: 978-3-421-04631-4

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. November 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2017, 14:53 Uhr

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