Das Correctiv Logo am 17.09.2014 in Berlin.
Correctiv Logo Bildrechte: dpa

Schluss mit Fake News auf Facebook? "Solange man mit Fake-News Geld verdienen kann, wird es sie geben"

Facebook kooperiert mit dem gemeinnützigen Recherchebüro correctiv.org im Kampf gegen Falschmeldungen. Nur ein Schritt in die richtige Richtung oder die Lösung des Problems? Eine Einschätzung von MDR KULTUR-Autor Kais Harrabi.

Das Correctiv Logo am 17.09.2014 in Berlin.
Correctiv Logo Bildrechte: dpa

Sie werden seit der Wahl von Donald Trump heiß diskutiert: Fake News auf Facebook - Nachrichten, die nicht wahr sind, aber so sensationell scheinen, dass sie sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Analysten meinen, dieses Phänomen habe Donald Trump dazu verholfen, die Wahl zu gewinnen. Facebook hatte schließlich vollmundig angekündigt, gegen falsche Nachrichten vorzugehen. Jetzt tut sich tatsächlich etwas – zumindest in Deutschland. Das Recherchebüro Correctiv.org soll helfen, Falschmeldungen zu identifizieren.

Wer steckt hinter Correctiv.org?

Correctiv ist ein unabhängiges Recherchezentrum mit Hauptsitz in Berlin. Das besteht aus einer ganzen Reihe von Journalisten, die zu verschiedensten Themen investigativ recherchieren. Das Besondere daran ist die Finanzierung: Correctiv ist unabhängig von Anzeigenkunden und bezieht sein Geld vor allem von Stiftungen und aus Spenden, unter anderem fördert auch die Bundeszentrale für politische Bildung das Netzwerk. Damit soll sichergestellt werden, dass komplett unabhängig recherchiert werden kann. Und das Team hat sich tatsächlich auch schon durch große Recherchen hervorgetan. Unter anderem gab es ein großes Projekt zum Absturz der MH17-Maschine über der Ukraine oder – gerade aktuell – geht es um Hygiene in Krankenhäusern. Correctiv besteht also aus gestandenen Journalisten.

Wie soll Correctiv jetzt bei Facebook-Meldungen eingreifen?

Ausgangspunkt soll sein, dass man als Facebook-Nutzer die Möglichkeit bekommt, einen Beitrag als potentielle Falschmeldung zu markieren. Guido Bülow, der zuständige Manager bei Facebook erklärt, dass dann ein mehrstufiger Prozess eingeleitet wird, in dem die Meldung überprüft wird. Praktisch wird Correctiv dann Meldungen nachrecherchieren und überprüfen, was dran ist.

Was geschieht, wenn eine Falschmeldung enttarnt wurde?

Welche Konsequenzen dann folgen, ist noch die große Frage. Derzeit sind mehrere Optionen im Gespräch: Zum einen sollen Meldungen erst einmal als Zweifelhaft gekennzeichnet werden. Ganz verschwinden sollen sie nicht, aber es soll einen Warnhinweis geben, sagt Facebook-Manager Bülow, und auch einen Artikel mit tatsächlichen Fakten. Die Leute sollen den Post aber weiterhin teilen können. Außerdem überlege man bei Facebook, die Sichtbarkeit solcher unglaubwürdigen Quellen zu reduzieren. Das heißt: Facebook sorgt dafür, dass manche Dinge nicht mehr so oft angezeigt werden sollen. Aber alles in allem sind die Aussagen von Facebook zu dem Thema noch wenig konkret.

Wie effektiv ist diese Maßnahme?

Auf jeden Fall ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings kann ich mir eine Reihe von Szenarien vorstellen – und wie sie ausgehen könnten. Das Internet ist ein relativ anarchischer Ort und gerade solche Mechanismen werden öfter auch zweckentfremdet. Es kommt immer wieder vor, dass Facebook Seiten vom Netz nimmt, weil Nutzer sie mit böswilliger Absicht gemeldet haben. Es ist also auch durchaus vorstellbar, dass Artikel von klassischen Nachrichtenmedien zuhauf als Fakes gemeldet werden, einfach weil Leute der "Systempresse" eins auswischen wollen. Das ist eine Einschätzung, die auch der Netzaktivist Daniel Siedarsky teilt - er hat ein kleines Browserplugin programmiert, das helfen soll Fake-News zu erkennen.

Zum anderen ist natürlich auch das Geld eine Frage: Correctiv ist zwar ein gemeinnütziger Verein, muss sich aber auch finanzieren. Von Facebook bekommt Correctiv kein Geld – so geht es übrigens auch den Faktencheckern, die im Auftrag von Facebook im Anglo-Amerikanischen Raum arbeiten. David Schraven, Leiter von Correctiv, schrieb auf Facebook, dass es schwer werden wird, das Geld der Spender dafür auszugeben, Facebook zu heilen. Er selbst gab sich außerdem überzeugt, dass dieser Ansatz alleine nicht ausreichen wird, Fake News nachhaltig zu bekämpfen. Und meiner Einschätzung nach hat er nicht Unrecht, denn auf einer solchen Facebookseite ist meistens Werbung geschaltet – sie verdient dann pro Klick Geld.

Die Washington Post hat nach der US-Wahl mit einem Mann gesprochen, der mehrere solcher Seiten betrieben hat und teilweise 10.000 US-Dollar im Monat verdient hat. Das bedeutet, solange man mit Fake-News Geld verdienen kann, solange wird es sie geben. Und der andere Faktor ist ein zutiefst menschlicher: Menschen sind – das ist psychologisch erwiesen – immer eher dazu bereit, Dinge zu glauben, die ihren eigenen Ansichten entsprechen, als Dinge, die das nicht tun. Das nennt sich "Confirmation Bias" oder Bestätigungsfehler und das lässt sich eben kaum aushebeln, da werden im Extremfall eher Medien als Lügner hingestellt. Facebook bewegt sich also auf extrem schwierigem Terrain. Dass Facebook das Problem der Falschmeldungen jetzt angeht zeigt jedoch, dass man sich langsam seiner Verantwortung bewusst wird.

Über dieses Thema berichtete MDR KULTUR auch im: Radio | 16.01.2017 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2017, 15:38 Uhr

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