Buchempfehlung: "Raus aus der Demenz-Falle!" Hirnforscher Hüther: So kann man Demenz verhindern

Die bisherige Demenzforschung sieht vor allem medizinische Ursachen für Demenz. Hinforscher Gerald Hüther plädiert in seinem neuen Buch hingegen für einen Paradigmenwechsel bei der Behandlung der Krankheit: Schuld an der Erkrankung sei vor allem unsere Lebensweise. Die lasse die Selbstheilungskräfte des Gehirns verkümmern, der Grundstein dafür liege bereits in der Schule. Wir haben mit dem Autor darüber gesprochen.

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Neues Buch von Hirnforscher Gerald Hüther: "Raus aus der Demenz-Falle!" Selbstheilungskräfte gegen Demenz

Hirnforscher Gerald Hüther: Selbstheilungskräfte gegen Demenz

Der bekannte Hirnforscher G. Hüther kündigt den Paradigmenwechsel bei der Behandlung von Demenz an und sieht unsere Selbstheilungskräfte als wirksamste Fähigkeit, unser Gehirn bis ins hohe Alter gesund und fit zu halten.

Gespräche Di 24.10.2017 07:10Uhr 06:53 min

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Demenz lässt sich durch eine andere Lebensweise verhindern, so die These des Hirnforschers Gerald Hüther in seinem neuen Buch "Raus aus der Demenz-Falle! Wie es gelingen kann, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren". Ihm zufolge seien nicht Ablagerungen im Gehirn die Ursache für die Erkrankung, sondern der Verlust der neurologischen Selbstheilungskräfte im Laufe des Älterwerdens.

Eine unglaubliche Fähigkeit des Gehirns

Die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu organisieren und zu verändern und sogar neue Nervenzellen zu bilden, sei bis ins hohe Alter angeboren. Allerdings müsse man sie erhalten.

Die Aufbauprozesse im Hirn funktionieren nur dann, wenn es einem richtig gut geht.

Gerald Hüther

Wissenschaftlich wird dieser Zustand auch "hohes Kohärenzgefühl" genannt. Dafür müsse insbesondere eine Voraussetzung erfüllt sein, erklärt Hüther: Das Gefühl, seine Umwelt sinnhaft gestalten zu können. Als Beispiel führt Hüther die sogenannte Nonnenstudie an: Bei Nonnen fand man die gleichen Ablagerungen im Gehirn wie in der Normalbevölkerung, trotzdem entsteht bei ihnen seltener Demenz.

Die Nonnen schaffen es offenbar mit ihrem Hirn, wenn da an einer Stelle etwas wegschrumpelt, dass sie das an einer anderen Stelle neu wieder aufbauen.

Gerald Hüther

Lebensweise als Ursache

Bei vielen würden diese Wiederaufbauprozesse nicht mehr funktionieren. Das sei insbesondere dann der Fall, wenn man das Gefühl habe, als alter Mensch nicht mehr gebraucht zu werden und die Welt nicht mehr gestalten zu können.

Wenn man abgeschoben wird in ein Altersheim, das sind natürlich die furchtbarsten Voraussetzungen dafür, dass da oben irgendwelche Selbstheilungskräfte nochmal in Gang kommen. Dann kann das Neuroplastische Potential, was wir alle besitzen, nicht zur Entfaltung kommen.

Gerald Hüther

Ehrenamt kann vor Demenz schützen

Bei der momentan älter werdenden Generation sieht Hüther weniger Gefahr für Demenz, denn viele Rentnerinnen und Rentner engagieren sich im Ruhestand ehrenamtlich.

Das sind Menschen, die stehen noch mitten im Leben nach der Pensionierung und das trägt offenbar dazu bei, dass sie schon jetzt signifikant seltener dement werden.

Gerald Hüther

Schule als Grundstein der Demenz

Entwarnung gibt Hüther aber trotzdem nicht. Denn bereits in der Kindheit sieht er den Grundstein für eine spätere Demenzerkrankung gelegt. Die Fähigkeit zum Lernen und damit zur Neuorganisation des Gehirns höre auf, wenn der Mensch seine angeborene Freude am Entdecken verliere. Und das passiere in der Schule.

Wir schicken Kinder in Schulen, wo sie nicht wissen, warum sie das lernen sollen. Wo sie sich kaum an der Gestaltung dort beteiligen können. Wenn man sie fragt, warum sie dahin gehen, sagen sie, weil ich muss. Da kann man die Lust am Lernen nur verlieren und wenn man die einmal verloren hat, dann hat man auch die Lust am Leben verloren.

Gerald Hüther

Hüther plädiert für eine Neugestaltung des Zusammenlebens: Alte dürften nicht aufs Abstellgleis geschoben werden, Kindern nicht die Freude am Lernen genommen werden. Sein Buch ist eine Anregung auf dem Weg dahin.

Über den Autor

Der Neurobiologe Gerald Hüther spricht auf einer Veranstaltung der Neuen Schule Hamburg.
Gerald Hüther Bildrechte: dpa

Gerald Hüther ist einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands. Er studierte Biologie an der Universität Leipzig und promovierte an der Universität Jena. Nach seiner Flucht in die BRD Ende der 70er-Jahre forschte er am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin zu Hirnentwicklungsstörungen und habilitierte sich an der Göttinger Georg-August-Universität.

Als Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Bücher widmet er sich vor allem den Potentialen des menschlichen Gehirns. So versteht sich Hüther als Brückenbauer zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und unserer Lebenspraxis.

Gerald Hüther: 'Raus aus der Demenz-Falle! Wie es gelingen kann, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren'
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Informationen zum Buch Gerald Hüther: "Raus aus der Demenz-Falle! Wie es gelingen kann, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren"
144 Seiten
Arkana Verlag
€ 18,00
ISBN: 978-3-442-34209-9

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 24. Oktober 2017 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2017, 15:22 Uhr

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